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Buchkritik

ErziehungLasst Kinder so sein, wie sie sind
25. Weltkindertagsfest in Berlin (picture alliance / dpa / Foto: Jörg Carstensen)

"Kindheit ist keine Krankheit" heißt das Buch von Kinderarzt Michael Hauch. Es ist ein gut geschriebener Ratgeber vor allem für Eltern, die alles perfekt machen wollen. Müssen sie nicht, sagt Hauch. Jedes Kind ist anders und deshalb mahnt er: "Hört auf Kinder zu normieren".Mehr

Biografie über Rudyard KiplingDer Dschungelkönig
Das zeitgenössische Porträt von William Strang zeigt den englischen Schriftsteller Joseph Rudyard Kipling (1865-1936).  (picture alliance / dpa)

Das "Dschungelbuch" von Rudyard Kipling ist weltweit bekannt, während der britische Autor selbst in Vergessenheit geriet. In der Biografie von Stefan Welz erscheint er als innerlich zerrissener Mann - der sich mit zunehmendem Alter im Nationalismus verlor.Mehr

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Literatur

Lyriksommer"Heilig die irren Hirten der Rebellion"
US-amerikanischer Schriftsteller und Lyriker ("Planet news"), einer der bedeutensten Autoren der "Beat-Generation", aufgenommen während einer öffentlichen Dichterlesung in London am 17. July 1967. (picture alliance / dpa )

Seine Verse sollten eine "Wehklage für das Lamm in Amerika" sein, ein "vergängliches Amerikanisches Geheul". Allen Ginsberg hat seine Erfahrungen in Worte gesetzt: atemlos, sich an den Rhythmen des Jazz orientierend. Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.05.2012

So jung und schon Feministin

Laurie Penny: "Fleischmarkt - Weibliche Körper im Kapitalismus", Edition Nautilus, Hamburg 2012

Laurie Penny: Die ältere Generation beutet jugendliche Sexualität aus. (Michael Kappeler/ddp)
Laurie Penny: Die ältere Generation beutet jugendliche Sexualität aus. (Michael Kappeler/ddp)

Da schreibt sich der Star der britischen Blogger-Szene seine Wut von der Seele: Die 25-jährige Autorin Laurie Penny lässt kein heißes Eisen der feministischen Debatte aus, ob Pornografie oder Machismus in Paarbeziehungen. Wenn sie von ihrer eigenen Magersucht erzählt, bekommt der Leser Gänsehaut.

Die Frigidität der merkantilen Erotik verschleiere den spätkapitalistischen Handel mit sexuellen Phantombildern, was schon der Philosoph Jean Baudrillard in der Instrumentalisierung fragmentierter Teile des menschlichen Körpers durch die Werbung als einen weitreichenden Prozess der Sublimierung identifiziert habe. So eröffnet die Autorin ihr Buch.

Die junge britische Bloggerin Laurie Penny braucht ein Kapitel, um sich in ihrem Buch "Fleischmarkt" warm zu schreiben. Denn kaum droht ob des verschwurbelt-überambitionierten Einstiegs erste Lesemüdigkeit, da packt Laurie Penny ihr Publikum unversehens am Schopf und zerrt es mitten hinein in eine Polemik, die in ihrem heiligen Furor in der zeitgenössischen feministischen Literatur ihresgleichen sucht. Abstumpfen gilt nicht, auch nach Jahrzehnten emanzipatorischer Bemühung, findet Laurie Penny und sorgt dafür, dass altbekannte Missstände endlich einmal wieder richtig weh tun.

Spätestens im zweiten Kapitel wachsen ihrer Proklamation auch journalistische Tugenden zu, eine überaus präzise und scharfe Feder, solide Kenntnisse politischer und feministischer Theorien und viele gründlich recherchierte Zahlen: Allein in den USA setzt die Pornoindustrie jährlich 14 Milliarden Dollar um, während die Geschwister-Medien des Boulevard junge Frauen gleichzeitig einem Dauerverdacht als Schlampen, Huren oder komasaufende Mannweiber aussetzen. Jugendliche Körper und jugendliche Sexualität, so klagt die Autorin an, werden von den älteren Generationen brutal vermarktet und pornifiziert.

Bis in lebensgefährliche Gebiete reicht die Herrschaft: Um achtzig Prozent stieg in den letzten zehn Jahren die Zahl der Teenager, die, vom Schlankheitswahn bombardiert, magersüchtig in Kliniken eingewiesen werden. Eine von hundert jungen Frauen und einer von tausend Männern leiden an der vielfach tödlichen Unfähigkeit zu essen. Der Zwang zum Dünnsein, argumentiert die Autorin, sei die ideale Methode, um starke Frauen zu kontrollieren, die Furcht vor dem weiblichen Fleisch nichts anderes als die Furcht vor der weiblichen Macht.

Punkt für Punkt reißt Laurie Penny feministische Themen aus der Versenkung: Ist Prostitution die ultimative Ausbeutung weiblicher Körper oder simple Sex-Arbeit? In welchem Ausmaß beruht das Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaftsordnung darauf, dass Frauen - neben aller anderen unterbezahlten Arbeit, die sie leisten - in Haushalt und Beziehungen kostenfrei den Dreck ihrer Mitmenschen entsorgen? Wenn Laurie Penny mitten in ihrem hochpolitischen Manifest plötzlich ihre eigene Magersucht enthüllt - im letzten Augenblick überwunden, weil sie leben und nicht sterben wollte - kann der lesende Körper kaum anders, als sich dieser Lektüre mit einer Gänsehaut und voller Respekt zu ergeben. Nicht aus Stolz und auch nicht aus Masochismus berichte sie über diese elende Zeit, erklärt die junge Bloggerin. Aber jemand müsse einmal die Wahrheit sagen. Laurie Penny tut das. Wütend. Wortgewaltig. Großartig.

Besprochen von Susanne Billig

Laurie Penny: Fleischmarkt - Weibliche Körper im Kapitalismus
Aus dem Englischen von Susanne von Somm
Edition Nautilus, Hamburg 2012
128 Seiten, 9,90 Euro