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Buchkritik

"Anders" von Andreas SteinhöfelAmnesie als Befreiung
Der Autor Andreas Steinhöfel hält am 11.10.2013 auf der Buchmesse in Frankfurt am Main bei der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2013 seine Trophäe hoch.  (picture-alliance / dpa / Arne Dedert)

Um die 20 Kinder- und Jugendbücher hat Andreas Steinhöfel geschrieben - und alle wichtigen Preise abgeräumt. Sein neuer Roman handelt von einem elfjährigen Jungen, der sein Gedächtnis verloren hat: eine gelungene Gratwanderung zwischen Magie und Alltag.Mehr

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Ein Mann schiebt sich einen Dominowürfel mit Grille (picture alliance / dpa)

Die Weltbevölkerung wird bis 2050 auf fast zehn Milliarden Menschen anwachsen. Um sie zu ernähren, müssen neue Wege der Lebensmittelproduktion gefunden werden. Gegrillte Raupen und Maden könnten daher bald auch hierzulande auf die Teller kommen.Mehr

PopliteraturAutor auf Sinnsuche
Jochen Distelmeyer, Sänger und Kopf der deutschen Popband "Blumfeld" beim Konzert.  (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)

In seinem Debüt "Otis" beschreibt der Ex-Sänger der Band Blumfeld, Jochen Distelmeyer, einen Mittdreißiger auf einer Odyssee durch Berlin. Es ist viel drin in diesem Roman, meint unser Rezensent. Das Problem des Buchs liegt woanders.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.05.2012

So jung und schon Feministin

Laurie Penny: "Fleischmarkt - Weibliche Körper im Kapitalismus", Edition Nautilus, Hamburg 2012

Laurie Penny: Die ältere Generation beutet jugendliche Sexualität aus. (Michael Kappeler/ddp)
Laurie Penny: Die ältere Generation beutet jugendliche Sexualität aus. (Michael Kappeler/ddp)

Da schreibt sich der Star der britischen Blogger-Szene seine Wut von der Seele: Die 25-jährige Autorin Laurie Penny lässt kein heißes Eisen der feministischen Debatte aus, ob Pornografie oder Machismus in Paarbeziehungen. Wenn sie von ihrer eigenen Magersucht erzählt, bekommt der Leser Gänsehaut.

Die Frigidität der merkantilen Erotik verschleiere den spätkapitalistischen Handel mit sexuellen Phantombildern, was schon der Philosoph Jean Baudrillard in der Instrumentalisierung fragmentierter Teile des menschlichen Körpers durch die Werbung als einen weitreichenden Prozess der Sublimierung identifiziert habe. So eröffnet die Autorin ihr Buch.

Die junge britische Bloggerin Laurie Penny braucht ein Kapitel, um sich in ihrem Buch "Fleischmarkt" warm zu schreiben. Denn kaum droht ob des verschwurbelt-überambitionierten Einstiegs erste Lesemüdigkeit, da packt Laurie Penny ihr Publikum unversehens am Schopf und zerrt es mitten hinein in eine Polemik, die in ihrem heiligen Furor in der zeitgenössischen feministischen Literatur ihresgleichen sucht. Abstumpfen gilt nicht, auch nach Jahrzehnten emanzipatorischer Bemühung, findet Laurie Penny und sorgt dafür, dass altbekannte Missstände endlich einmal wieder richtig weh tun.

Spätestens im zweiten Kapitel wachsen ihrer Proklamation auch journalistische Tugenden zu, eine überaus präzise und scharfe Feder, solide Kenntnisse politischer und feministischer Theorien und viele gründlich recherchierte Zahlen: Allein in den USA setzt die Pornoindustrie jährlich 14 Milliarden Dollar um, während die Geschwister-Medien des Boulevard junge Frauen gleichzeitig einem Dauerverdacht als Schlampen, Huren oder komasaufende Mannweiber aussetzen. Jugendliche Körper und jugendliche Sexualität, so klagt die Autorin an, werden von den älteren Generationen brutal vermarktet und pornifiziert.

Bis in lebensgefährliche Gebiete reicht die Herrschaft: Um achtzig Prozent stieg in den letzten zehn Jahren die Zahl der Teenager, die, vom Schlankheitswahn bombardiert, magersüchtig in Kliniken eingewiesen werden. Eine von hundert jungen Frauen und einer von tausend Männern leiden an der vielfach tödlichen Unfähigkeit zu essen. Der Zwang zum Dünnsein, argumentiert die Autorin, sei die ideale Methode, um starke Frauen zu kontrollieren, die Furcht vor dem weiblichen Fleisch nichts anderes als die Furcht vor der weiblichen Macht.

Punkt für Punkt reißt Laurie Penny feministische Themen aus der Versenkung: Ist Prostitution die ultimative Ausbeutung weiblicher Körper oder simple Sex-Arbeit? In welchem Ausmaß beruht das Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaftsordnung darauf, dass Frauen - neben aller anderen unterbezahlten Arbeit, die sie leisten - in Haushalt und Beziehungen kostenfrei den Dreck ihrer Mitmenschen entsorgen? Wenn Laurie Penny mitten in ihrem hochpolitischen Manifest plötzlich ihre eigene Magersucht enthüllt - im letzten Augenblick überwunden, weil sie leben und nicht sterben wollte - kann der lesende Körper kaum anders, als sich dieser Lektüre mit einer Gänsehaut und voller Respekt zu ergeben. Nicht aus Stolz und auch nicht aus Masochismus berichte sie über diese elende Zeit, erklärt die junge Bloggerin. Aber jemand müsse einmal die Wahrheit sagen. Laurie Penny tut das. Wütend. Wortgewaltig. Großartig.

Besprochen von Susanne Billig

Laurie Penny: Fleischmarkt - Weibliche Körper im Kapitalismus
Aus dem Englischen von Susanne von Somm
Edition Nautilus, Hamburg 2012
128 Seiten, 9,90 Euro