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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.06.2013

So geht Geschichtsschreibung heute

Ulinka Rublack: "Die Neue Geschichte", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013

Ausschnitt aus "Die Malkunst' von Jan Vermeer  (picture alliance / akg-images)
Ausschnitt aus "Die Malkunst' von Jan Vermeer (picture alliance / akg-images)

Die Historikerin Ulinka Rublack hat als Herausgeberin Essays zu Aspekten einer anderen Historiografie schreiben lassen. Der Geschichtsprofessor Jürgen Osterhammel führt den Leser in die "Neue Geschichte" ein, in der es darum geht, Geschichte im globalen Kontext zu denken.

Clio, die leicht verschmitzt in sich hinein sinnierende Muse der Geschichtsschreibung, setzt Jan Vermeer in seinem Bild "Die Malkunst" (um 1667) so in Szene, dass sich der Blick des Betrachters in einem faszinierend-vieldeutigen Kontext von Beziehungen und Sichtweisen verfängt. Auf der Landkarte der Niederlande, vor der seine Clio posiert, hat Vermeer sein die Konventionen der Barockmalerei radikal in Frage stellendes revolutionäres Credo mit den Worten Nova Discriptio (Neue Beschreibung) verewigt.

Genau diesem Ansatz fühlt sich die "Neue Geschichte" unserer Tage verpflichtet. Im Klartext will uns die neue Geschichtsschreibung die Vergangenheit als lebendiges Gewebe, als oszillierendes In-, Gegen- und Miteinander von Prozessen nahe bringen, damit wir uns mit den Akteuren der Vergangenheit hautnah identifizieren können. Ohne die traditionell wertende Inszenierung und Rechtfertigung der siegreichen Helden oder die Abstrafung der Schurken.

Weil sich die "Neue Geschichte" – besonders in Deutschland – noch immer schwer tut, schrieb der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel, der hierzulande die "Neue Geschichte" mit Bravour vertritt, die Einführung zu dem jetzt bei S. Fischer erschienenen Band "Die Neue Geschichte", den Oxford University Press vor zwei Jahren mit Vermeers Bild "Die Malkunst" auf dem Cover veröffentlichte.

Die in Cambridge lehrende und forschende Historikerin Ulinka Rublack hatte den Auftrag erhalten, führende Vertreter der "Neuen Geschichte" in den USA und England einzuladen, Essays zu einer Vielzahl von Aspekten der neuen Historiografie zu schreiben. Der Titel des Originalbandes, der von der angelsächsischen Kritik sehr positiv aufgenommen wurde, lautet, A Concise Companion to History.

Jürgen Osterhammel stimmt die deutschen Leser der 16 Essays darauf ein, dass ein Companion eine Art Begleiter ist, der uns freundschaftlich in eine bestimmte Thematik einführt. Der in Deutschland von der akademischen Welt meist abschätzig eingestufte Essay ist für einen Companion das ideale Genre, da er sich auf einige wesentliche Aspekte konzentriert, bewusst Lücken in Kauf nimmt und in gut lesbarer Sprache jedermann mit ins Boot nimmt.

Die ersten vier Essays des Companion hinterfragen die Problematik der eurozentrierten Geschichtsschreibung und die Rolle der Historiker, die sich zu Richtern der Geschichte aufspielen. Diese Essays zeigen, wie eine Weltgeschichte, die Gesamtzusammenhängen nachspürt, gegenseitige Beeinflussungen und Abhängigkeiten wahrnimmt und auf verschiedene Geschwindigkeiten von Entwicklungen eingeht, unser Verständnis der Vergangenheit erweitern und vertiefen – und damit auch unseren Blick auf die Gegenwart schärfen – kann.

Der China-Experte R. Bin Wong öffnet unsere Augen für die komplexen und ambivalenten Wechselbeziehungen zwischen China und dem Rest der Welt und fordert die Forschung auf, den eurozentrierten Ansatz in die Gesamtschau der Weltgeschichte zu integrieren.

Die zwölf Essays des zweiten Teils befassen sich transnational mit Themen und Strukturen - das heißt: Mit Handel, Macht, Kommunikation, Bevölkerung, Genderproblematik, Kultur, Ethnizität, Naturwissenschaften, Umweltgeschichte, Religion, Emotionen und mit der Macht der Ideen. Besonders wichtig war für die Herausgeberin, dass auch das von der Geschichtsforschung bisher stark vernachlässigte Afrika gebührend zu Wort kommt.

Dass die Essays, die Ulinka Rublack in ihrem Band vereint, Annäherungen sind, Versuche, Zusammenfassungen und pointierte Fragestellungen, trägt wesentlich dazu bei, die "Neue Geschichte" als lebendigen, Kritik einfordernden Dialog zwischen den Disziplinen und mit dem breiten interessierten Publikum zu erleben.

Jürgen Osterhammel eröffnet sein engagiertes Vorwort zur deutschen Ausgabe mit der sicherlich nicht ironisch gemeinten Versicherung, dieses – nicht nur in seinen Augen – ganz außergewöhnlich qualitätsvolle Buch brauche "keinen Geleitschutz". Ohne Kenntnis der englischen Originalausgabe und ohne auf Jürgen Osterhammels Vorwort einzugehen, schoss Hans-Ulrich Wehler in der FAZ quasi aus dem Nebel heraus Breitseiten auf das Buch, die man als Leser des Buches nicht nachvollziehen kann.

Allerdings merkt man seiner peinlich rüden Sprache an, dass ihm die ganze Richtung nicht passt. Nachdem er vor 15 Jahren in Deutschland die Veröffentlichung eines wissenschaftlichen Beitrags der Herausgeberin durch massiven Druck verhindern konnte, stößt es ihm jetzt offensichtlich unangenehm auf, dass Jürgen Osterhammel Ulinka Rublacks Companion mit seiner uneingeschränkten Fachautorität dem deutschen Publikum – zu Recht - begeistert empfiehlt.

Besprochen von Hans-Jörg Modlmayr

Ulinka Rublack (Hrsg.): Die Neue Geschichte. Eine Einführung in 16 Kapiteln
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013
576 Seiten, 28,99 Euro

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