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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 26.06.2012

Smarte Bibliothek

Mit intelligenten Technologien wird an der Universität Hildesheim Energie gespart

Von Michael Engel

Energiekosten sollen bald nicht mehr den Etat der Uni Hildesheim auffressen, danke der "Smart Library". (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Energiekosten sollen bald nicht mehr den Etat der Uni Hildesheim auffressen, danke der "Smart Library". (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Um Energiekosten zu senken, bestreitet die Universität in Hildesheim einen ganz besonderen Weg: Intelligente Elektronik soll Einsparpotenziale aufdecken - zunächst in der Unibibliothek. 70.000 Euro wurden investiert, die müssen sich jetzt bezahlt machen.

Wenn man doch nur mal hören könnte, wie lernen klingt: Hier, in der Bibliothek der Uni Hildesheim, ist es problemlos möglich: Sporadisches Tippen auf der Computertastatur, gelegentlich raschelt Papier beim Umblättern eines Buches, es herrscht eine wachsame Ruhe. Und deshalb flüstert Dr. Jarma Schrader auch nur ins Mikrofon, wenn er vom größten Umbau der Bibliothek seit der Einweihung vor 22 Jahren spricht.

"Wir messen die Helligkeit in den Arbeitsbereichen an den Fenstern, und wenn es zu dunkel wird, schaltet sich das Licht an. Und wenn ausreichend Sonne von außen kommt, schaltet sich das Licht wieder aus. Wir messen aber auch die Sonneneinstrahlung von außen. Wenn im Sommer zu stark die Sonne scheint, dann fahren die Jalousien automatisch runter und verhindern, dass es in der Bibliothek zu warm wird. Dahinter steckt aber noch mehr intelligente Steuerung. Im Frühjahr fahren wir die Jalousien nicht runter, wenn die Sonne scheint. Weil da wollen wir die Sonne im Haus haben, da wollen wir Energie sparen."

Energie sparen - das ist das Zauberwort, das die Universitätsbibliothek auf ungewöhnliche Weise gelöst hat: Intelligente Elektronik soll das Ziel erreichen. Und das Ziel heißt: 50 Prozent weniger Energie. Der energetische Zustand in der Bibliothek lässt sich nun auch im Büro des EDV-Fachreferenten mit einem Mausklick erkennen.

"Ich habe mich jetzt in unsere Steuerungssoftware eingeloggt. Ich sehe, dass ein Fenster geöffnet ist, und ich habe eingestellt eine Solltemperatur für den Tag von 22 Grad. Der Raumfühler meldet mir: Im Moment sind es über 24 Grad. Das heißt, der Raum ist zu warm. Was man jetzt traditionell tun würde, wäre eine Klimaanlage anzuwerfen, um den Raum mit Energieeinsatz runterzukühlen. Das machen wir nicht. Sondern wir machen es energiesparend. Wir nutzen eine 'Nachtspülung'."

Bei der sogenannten Nachtspülung wird die warme Luft über Ventilatoren unter der Bibliotheksdecke einfach hinausgeblasen in die Nacht. Kalte Luft strömt aus Schlitzen an den Fenstern unten nach. Kern des Systems sind sogenannte Smart-Home-Technologien - Lichtsensoren an den Fenstern, Temperaturfühler in allen Räumen, auch die Thermostate an den Heizkörpern sind elektronisch, schalten sich ab, wenn das Fenster auch nur einen Spalt geöffnet wurde.

"Hier sind wir in unserem Server-Raum. Hier steht der Server, auf dem die Steuersoftware für die gesamte Smart Library läuft - wo ich als Administrator drauf zugreifen kann. Hier haben wir einen Schrank, da sind verschiedene andere Server drin. Da läuft auch unser Bibliothekssystem drauf. Unser Webserver. Und jetzt als neueste Komponente der zentrale Steuerserver für die Smart Library."

70.000 Euro hat das Ganze gekostet. Die elektronischen Steuerelemente sind per Funk miteinander vernetzt und verschaltet. Deshalb konnte auf das teure Strippenziehen weitgehend verzichtet werden. Und überhaupt: Der Umbau lief nahezu geräuschlos und staubfrei über die Bühne. Der laufende Betrieb in der Bibliothek durfte schließlich nicht unterbrochen werden. Ruhe bewahren, war die Devise, so der Direktor der Bibliothek, Dr. Ewald Brahms, und: Die Kosten im Blick behalten.

"Technik kann teuer sein. Sie muss es nicht. Und man kann sich immer genau anschauen, welche Technik für einen passt. Und da ist im Moment Smart-Home-Technologie insgesamt sehr innovativ und unserer, meiner Einschätzung nach wird sich das weiter ausbreiten, auch im privaten Sektor. Und für uns ist das halt die Technologie der Stunde."

"Smart-Home" - das intelligente Haus - baut auf eine intelligente Vernetzung mit Hilfe von Computern und Steuerelektronik. In der Hildesheimer Smart Library - der ersten intelligenten Bibliothek in Deutschland - soll dabei vor allem Energie gespart werden: 45 Prozent an Stromkosten, bis zu 35 Prozent an Heizenergie. Bei Energiekosten von 61.000 Euro pro Jahr hätte sich das Projekt rein rechnerisch in 3,2 Jahren amortisiert. Prof. Helmut Lessing vom Institut für Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik der Uni Hildesheim spricht von "ROI" - Return of Investment.

"Man muss sich wirklich sehr genau überlegen, was man investiert, was man tut. Wir könnten an die Fenster, an die Isolierung gehen, an die Außenhaut. Oder wir können in die Mess- und Regelung, in die intelligente Kommunikation gehen. Das haben wir getan. Und das Wesentliche ist dann zu schauen, was bleibt eigentlich noch an Optimierungspotential, und dann fragt sich, ob neue Fenster sich noch rechnen oder ob das Investment nicht besser woanders besser angebracht ist."

Normalerweise haben Bibliotheken die Aufgabe, Wissen für die Wissenschaft zu deponieren. Die Smart Library in Hildesheim hingegen schafft neue Erkenntnisse. Noch einmal Bibliotheksdirektor Ewald Brahms:

"Studierende sprechen häufig von einem Fußabdruck, den man hinterlässt im Bereich von Umweltschutz und Verbrauch von Energie. Wir werden mal schauen, wie groß unser Fußabdruck dann nachher noch ist bzw. wie viel kleiner er dann geworden ist. Ob wir sozusagen auf kleineren Füßen energietechnisch gesprochen stehen können. Ich glaube, das ist machbar."

Da trifft es sich, dass an der Uni Hildesheim auch die Energie-, Verfahrens- und Informationstechnik gelehrt wird. Bachelor- und Doktorarbeiten sollen sich mit den elektronischen Einspareffekten beschäftigen. Das Thema stößt bei jungen Leuten auf pure Begeisterung.


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