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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 07.04.2015

Smart CitiesStadtplanung mit Bits und Bytes

Von Paul Stänner

Die Rücklichter eines fahrenden Autos auf der Karl-Marx-Allee in Berlin. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Verdichtete Metropolen müssen immer geschickter organisiert werden. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Der Zuzug in die großen Städte hält ungebremst an. Die verdichteten Metropolen müssen also immer geschickter organisiert werden. Es laufen bereits die unterschiedlichsten Versuche, die Stadt durch den Einsatz digitaler Technik "smarter" zu machen.

Erzähler: "Der alte Mann sitzt auf einer Bank im Stadtpark. Die Vögel zwitschern, die Luft ist mild, alles könnte gut sein, wären da nicht die stechenden Schmerzen in der Brust. Sie beunruhigen den alten Mann. Sie beunruhigen auch das Gerät an seinem Körper, dessen Aufgabe es ist, seine Atemfrequenz zu überwachen.

Das Gerät ist verbunden mit der kardiologischen Abteilung des örtlichen Krankenhauses. Dort empfängt ein Komplementärgerät die Signale vom Körper des Mannes im Park – das Gerät im Krankenhaus interpretiert die Daten und schlägt Alarm. Computer spricht mit Computer, der Alarm geht in der Rettungsstelle der örtlichen Feuerwehr ein. Der Einsatzwagen rückt aus, die GPS-Daten hat das Gerät des Patienten gleich mitgeliefert. Die Sanitäter bringen den Patienten ins Krankenhaus, wo seine Daten während der Anfahrt beständig überwacht wurden. Die Ärzte wissen, was zu tun ist."

Dieses Szenario aus einer nicht allzu fernen Zukunft zeigt, wie sehr elektronische Geräte immer stärker in unseren Alltag eingreifen. Auf unterschiedliche Weise: Zum einen, weil die Maschinen gelernt haben, Tätigkeiten autonom zu erledigen, die zuvor dem Menschen vorbehalten waren – wie eben die Überwachung von Puls und Atmung. Geräte können diese Informationen erheben und zum Teil auch bewerten. Ist der Puls noch gut oder schon grenzwertig? Wird dem Patienten zur Ruhe geraten oder zu einer kreislauffördernden Aktivität? Geräte können mehr als früher und lernen immer mehr dazu.

Zum anderen ist es so, dass smarte Informationsverarbeitung Daten aus Bereichen erhebt, die etwas entlegener sind. So kann beispielsweise eine stark gehäufte Anfrage nach Medikamenten bei Online-Apotheken oder eine Welle von Selbsthilfeanfragen bei Google und in sozialen Netzwerken daraufhin hindeuten, dass eine Grippe-Welle im Anmarsch ist, lange bevor sich die Wartezimmer der Ärzte füllen.

Unsere Gesellschaft verändert sich beständig. Wir leben länger und bleiben länger aktiv – mit unterschiedlichen Einschränkungen. Gleichzeitig werden unsere Städte immer dichter bevölkert, weil immer mehr Menschen das berufliche, kulturelle, soziale, kurz: das urbane Angebote nutzen möchten.

Städte werden, wenn sie den zunehmenden Anforderungen standhalten möchten, immer smarter, immer intelligenter werden müssen. Und wir werden uns anpassen müssen. Wir werden lernen müssen, mit Maschinen zu leben und uns ihrer Denkweise, ihrer Programmierung, unterzuordnen. Willkommen in der schönen neuen Smart City.

Ferndiagnose bei Herzkranken

Die Einsatzmöglichkeiten elektronischer Hilfsmittel in der Medizin wurden bei einem groß angelegten Versuch in Friedrichshafen getestet. Michael Lobeck, Diplom-Geograf, arbeitet am Geografischen Institut der Universität Bonn in der Stadt-und Regionalforschung. Er hat den Feldversuch am Bodensee begleitet. Ein Projekt innerhalb des Versuches war die so genannten "Mobile Visite":

"Die 'Mobile Visite' ist ein Projekt, das zum Beispiel chronisch Herzkranken ermöglicht, seltener das Krankenhaus aufsuchen zu müssen. Sie übermitteln einfach regelmäßig Blutdruck, Herzfrequenz, Gewicht über eine einfache Anwendung im Fernseher an die Klinik. In der Klinik werden diese Daten von einem Computer automatisch ausgewertet und dokumentiert."

Übermittlungsstation ist eine kleine Box in Verbindung mit dem Fernseher. Es wurde eigens ein Menü entwickelt, das es möglich macht, über die Fernbedienung die Gesundheitsdaten zu übermitteln.

"Die Patienten, mit denen wir jetzt viele intensive Gespräche geführt haben, die haben das Projekt als total hilfreich empfunden. Die haben zum Beispiel den schönen Begriff geprägt von 'sie fühlen sich positiv überwacht'. Also in dem Sinn positiv, dass sie mehr Zeit zuhause verbringen, aber zugleich den Eindruck haben, da ist ständig einer in dem Krankenhaus, an den ich mich im Zweifel wenden kann und die achten auch darauf, wie meine Werte sind und kümmern sich um mich."

Nun ist die Patientin, der Patient nur ein kleines Rädchen im großen Gesundheitsapparat. Und kein Hilfsmittel für den Patienten ist gut, wenn es nicht gleichzeitig auch die wirtschaftliche Basis für das Krankenhaus verbessert und den Betriebsablauf für die Ärzte und Pfleger optimiert.

"Ja, es werden Kosten eingespart, wesentlich dadurch, dass weniger Zeit aufgewandt werden muss, weil der Kontakt während des Blutdruckmessens nicht da ist. Das machen die Patienten selber, und zum anderen können die Ärzte dann die Interpretation dieser Messwerte besser auch in Zeiten legen und Computer aufbereitet schon bekommen, so dass sie sich besser organisieren können, auch das hat so einen kleinen Effizienzvorteil."

Nach der Auswertung dieses Teils des Smart City-Projekts in Friedrichshafen erwies sich, dass sich die Betroffenen in einer Art wohliger Überwachung geschützt und versorgt fühlten. Wobei eine andere Komponente des Projekts kaum Zustimmung fand: Der Versuch, die Wohnsituation von älteren Menschen zu verbessern, indem man den Hausmeisterservice oder den Kontakt zu Nachbarn durch intelligente Technik organisierte, wurde mit wenig Enthusiasmus aufgenommen. Offenbar war es so, dass der Einsatz der Elektronik keinen zusätzlichen Nutzen erbrachte. Den Nachbarn zu fragen, ob er mal ein Pfund Zucker mitbringen kann, ist eine alt erprobte Kulturtechnik, für die niemand ein blinkendes Gerät braucht.

Überwachung über Apps im Gesundheitsbereich

So weit, so gut – findet auch Yvonne Hofstetter, Autorin des Buches "Sie wissen alles", in dem sie die Datensammelwut privater und staatlicher Akteure beschrieben hat. Auf dem Münchner Flughafen, zwischen zwei Terminen, ist die Gesundheitsapp das Thema:

"Es ist eine positive Entwicklung, dass wir im Gesundheitsbereich Applikationen sehen, die Menschen überwachen, die Gesundheit überwachen. Es ist auch nicht wirklich was gegen die Applikationen zu sagen. Probleme machen allerdings die Infrastrukturen, denn hier werden ja Daten gesammelt, die der Körper eines Menschen erzeugt, und die Frage ist, wo werden die gespeichert, wer hat Zugriff darauf, wie werden die verarbeitet?"

Yvonne Hofstetter ist gelernte Juristin und leitet in der Nähe von München ein Technologieunternehmen, das sich mit der Erstellung und Verarbeitung von großen Datenmengen beschäftigt und auch im Bereich Smart City Städte bei der Vernetzung von kommunalen Einrichtungen unterstützt.

"Ich gebe ein Beispiel: Es gibt ein Blutzuckermessgerät von der Firma Abbot, das ist ein amerikanisches Unternehmen, das ist natürlich toll für einen Blutzuckerkranken, sich nicht mehr ständig pieken zu müssen, um Blut abzunehmen, sondern ein kleines elektronisches Gerät am Körper zu tragen. Aber die Frage ist, wo werden die Daten gespeichert? Es ist eben davon auszugehen, wenn das ein amerikanischer Anbieter ist, dass Daten auch auf amerikanischen Servern landen, dort ist es ganz normal, dass Daten verarbeitet werden, dass die weiterverkauft werden und hier sind die Daten eines Menschen nicht mehr in seiner Kontrolle und das ist ein Problem."

Yvonne Hofstetter, Expertin für künstliche Intelligenz, hier aufgenommen im Studio von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio Kultur / Manuel Czauderna)Yvonne Hofstetter, Expertin für künstliche Intelligenz, hier aufgenommen im Studio von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio Kultur / Manuel Czauderna)

Und dieses Problem beginnt früh, schon beim noch gesunden Menschen.

"Mit diesem neuen Angebot AOK mobil vital streben wir einfach an, eine technikaffine junge Zielgruppe zu erreichen, eine Versichertengruppe, die mit den klassischen Gesundheitskursen etwa nicht erreichbar ist."

In Berlin arbeitet, groß und schlank, Gabriele Rähse für die AOK Nordost. Die Krankenkasse hat zusammen mit einem niederländischen Software-Unternehmen eine App entwickelt, die einer jungen Generation einen spielerischen Zugang zu mehr Fitness im Alltag ermöglichen soll. Im Wesentlichen besteht das Gerät, das für das Programm AOK mobil vital die Daten sammelt, aus einem Armreif und der App für das Smartphone.

"Das Ziel ist es ja, einen Gesundheitsindex zu erfassen, und um diesen zu haben, müssen Grundwerte erfasst werden. Zunächst einmal in der Eingabe der Größe, Gewichtes, Alters, das ist so die Ausgangsbasis. Und hinzukommen dann natürlich die gemessenen Aktivitäten, das ist das 'tracking modul', natürlich mit den bekannten Serviceelementen wie in einem Sportstudio, wie beim Ergometer: Welchen Kalorienverbrauch habe ich? Welche Strecke habe ich hinter mich gebracht?"

User sollen sich vernetzen und konkurrieren

Und dann kann der Nutzer auf einer zusätzlichen Plattform noch Angaben eintragen über seine Ernährungsgewohnheiten, seine Schlafgewohnheiten und andere Dinge, die man nicht jedem auf die Nase binden würde, seinem Smartphone aber schon. Wichtiger der Schwarmintelligenz-Effekt – die User sollen sich vernetzen und in Konkurrenz zueinander treten. Dazu werden die Daten auf Plattformen des sozialen Netzes geladen, um sie mit den Daten der Mitbewerber zu vergleichen: Wer hat mehr Kalorien verbrannt? Brauch ich noch einen zusätzlichen Gang zum Obsthändler, um auf die geforderten 10.000 Schritte pro Tag zu kommen? Auch hier ist die Sorge: Wenn tausende von Gesundheitsdaten auf einem Server liegen, dann weckt das doch Begehrlichkeiten.

Die italienische Versicherung Generali bietet ihren Kunden Boni-Programme an, wenn sie über eine App der Versicherung ihren gesunden Lebenswandel nachweisen. Eine amerikanische Versicherung zahlt einen Dollar, wenn man seine tägliche Schrittmenge erreicht hat – wobei die Versicherung vorgibt, wie viele Schritte es sein müssen. "Fit for cash" heißt es in den USA. Die Versicherungen versuchen so, ihr Risiko zu verringern. Natürlich ist die Idee schnell bei der Hand, dass jemand, der mit seinem Versicherer kooperiert, bei den Prämien günstiger gestellt wird als der Normalversicherte. Auf der anderen Seite, wer nicht fit ist, verdient nicht nur kein Geld, er wird womöglich als hohes oder sehr hohes Risiko für die Gewinnerwartungen angesehen und in den Prämien entsprechend hoch eingestuft. Den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland ist dieses Geschäftsmodell untersagt, kleine Preise werden aber doch ausgelobt.

"Im gesetzlichen Leistungskatalog ist es erlaubt, sogenannte Prämienprogramme anzubieten. Da werden verschiedene Elemente erfasst und kleine finanzielle Anreize gesetzt. Und diese Programme sind hier gemeint, also kein genereller Beitrags- oder Prämienerlass wie in einer privaten Krankenversicherung, sondern ein kleinerer Anreiz oder ein größerer Anreiz, je nachdem, wenn ich bestimmte Vorsorgeuntersuchungen machen lasse, wenn ich mich gesundheitsbewusst verhalte und es durch einen Fitnesstest nachweise …"

Man befürchtet, dass auf Dauer die Krankenkassen mit dem kleinen Anreiz und der dazu gehörigen elektronischen Überwachung die Versicherten in tariflich besser gestellte Gesundheitsfreunde und teure Gesundheitsmuffel trennen.

Es kann aber auch so sein, dass der Druck nicht von der Geschäftsleitung, sondern von den solidarisch Versicherten selbst kommt: Bislang sind sie denen ausgeliefert, die unsolidarisch Nikotin- Alkohol- und/oder Drogenmissbrauch betreiben und sich darauf verlassen, dass die Gemeinschaft der Versicherten für die Behandlungen aufkommt. Das wiederum kann dem Gesundheitsapostel, nachdem er sich charakterstark das Rauchen abgewöhnt und auch seine Trink- und Ernährungsgewohnheiten diszipliniert hat, bisweilen bitter aufstoßen. Und dann fragt er sich, ob nicht ein wenig überprüfbare Selbstvorsorge der Gerechtigkeit im Gesundheitssystem insgesamt gut tun würde. Würde man den rauchenden Alkoholiker an eine leicht zu bedienende App anschließen, könnte das den Gemeinschaftsgedanken durchaus fördern …

Wärmebildkameras messen Temperatur der Besucher

Gesundheitsbewusst ist auch die Firma Google, die notorische Datenkrake: Im März 2015 hat Google in London sein erstes "physisches" Geschäft eröffnet, einen richtigen Laden, der von körperlichen Menschen betreten werden kann. Hier liegen ein paar Laptops und Tablets und Telefone und es gibt eine Spieleecke, in der man daddeln kann. Vor allem ist das "physische" Geschäft aber mit Wärmebildkameras ausgerüstet, die die Temperatur der Besucher messen. Das ist keine Frage der Fürsorge – Google möchte wissen, bei welchem seiner Produkte den Kunden vor Erregung das Blut ins Gesicht schießt. Vermutlich werden dort gleich die Preise erhöht. Aber diese Gesundheitsapp à la Google hat durchaus Potential. In den USA beispielsweise, wo es kaum rechtliche Einschränkungen gibt, könnte man ganze Straßenzüge mit Infrarot-Fühlern überwachen lassen. Wird jemandem bei Anblick eines chromblitzenden Daimlers warm unter der Haut, hat man vielleicht schon den Autodieb in spe ermittelt.

Kunden im ersten Google Store in Currys PC World in London, die Google Devices testen. (picture alliance / dpa / Andrew Cowie)Im ersten Google Store in London können Besucher Geräte testen - und werden dabei von Wärmebildkameras beobachtet. (picture alliance / dpa / Andrew Cowie)

Erzähler:Den Einbruch 2.0 muss man sich so vorstellen: Der moderne Einbrecher, der nicht nur mit Akku-Schrauber und Kuhfuß arbeitet, weiß, dass der Hausbesitzer im Urlaub über das Internet seine Jalousien bewegt hat, um Leben vorzutäuschen. Er weiß, dass Kameras installiert wurden und dass das Wohnzimmer von Mallorca aus überwacht wird. Und er hat gesehen, dass nach 22 Uhr zusätzliche Lichter eingeschaltet wurden. Der Einbrecher 2.0 hat aber mithilfe einer preiswerten App bereits den Account des Hausbesitzers gehackt und die Kontrolle über dessen Smartphone übernommen. Der Hacker-Einbrecher macht das Licht aus, schaltet die Kameras aus und lässt die Jalousien hochziehen. Dann nimmt er den Kuhfuß zur Hand …

"Im Bereich Nürnberg hatten wir einen Alarm von der Software, da war genau die Situation: Es gab ein auslösendes Delikt, die Software hat eine Prognose erstellt und hat gesagt, in der nächsten Zeit kommt es hier zu entsprechenden Delikten. Die Polizei war dort unterwegs …"

Günther Okon, Leiter des Fachbereichs Analyse beim Landeskriminalamt München, plaudert aus seinen Erfahrungen. Der Einbrecher 2.0 wird vom Streifenwagen 2.0 überrascht.

"Die haben ein verdächtiges Fahrzeug festgestellt, haben es kontrolliert und der Beifahrer war zur Festnahme ausgeschrieben gewesen. Das war ein überörtlicher Einbrecher, der wurde natürlich festgenommen."

Wahrscheinlichkeit von Einbrüchen wird errechnet

In der zweiten Etage eines unauffälligen Hochhauses in München arbeitet Günther Okon an einer Studie über das Computerprogramm Precops. Precops sammelt in einem begrenzten örtlichen Bereich Daten über vergangene Einbrüche und errechnet daraus eine Wahrscheinlichkeit, mit der es in dieser Gegend zu neuen Einbrüchen  kommen wird.

"Der Fahrer, dem konnte man zu dem Zeitpunkt noch nichts nachweisen, der ist wieder entlassen worden. Und am nächsten Tag, in der nächsten Nacht, die Kollegen waren in dem Bereich wieder unterwegs, haben sie das Fahrzeug wieder festgestellt, und der hatte Einbruchswerkzeug dabei und war wahrscheinlich gerade dabei, eine Tat zu begehen."

Precops hatte zwei Treffer gelandet.

"Also das auch zum Punkt Intelligenz von manchen Tätern." (lacht)

Die Intelligenz der Täter gehörte jedoch nicht zu den Parametern, die die Software erfasst. Noch nicht. Stattdessen wurden Tatort, Tatzeit und Arbeitsweise ausgewertet. Günther Okon wäre der letzte, der nicht einräumen würde, dass – wie er sagt – auch Kommissar Zufall bei der Aufklärung hilft, aber: Das Beispiel zeigt, die Streifen waren im richtigen Sektor unterwegs und die Täter passten ins Profil. Precops ersetzt keine Polizeiarbeit, hilft aber mit Hinweisen aus:

"Das ist ein Unterschied, wenn eine Software mir sagt, aufgrund statistischer und mathematischer Berechnungen gibt es eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass jetzt in dem Bereich mit Einbrüchen zu rechnen ist, dann ist das für mich eine Hilfestellung, weil ich kann den Kollegen draußen sagen, fahrt rechts rum, das ist gescheiter, weil ihr da eher zum Erfolg kommt als anders rum."

Ende März dieses Jahres wurde die Testphase beendet, dann der Abschlussbericht geschrieben. Der ist noch geheim, aber die Zürcher Kollegen von Günther Okon, die ebenfalls mit Precops arbeiten – das nur ein Angebot unter mehreren ist – geben an, von fünf Hinweisen seien vier Treffer. Allerdings, wichtig ist eine hohe Datenmenge, aus der das System eine Wahrscheinlichkeit errechnen kann. Also fallen nach der bundesdeutschen Kriminalrealität einige Verbrechen aus der Prognose, weil es zu wenige Straftaten und damit zu wenige Daten gibt.

"Deswegen ist es im Bereich Tötungsdelikt nicht denkbar, im Bereich Sexualdelikte auch nicht, aber durchaus denkbar im Bereich Kfz-Delikte, Vandalismus, Sachbeschädigungen, Trickdiebstähle, diese Dinge. Da ist durchaus Potential."

In einem Umkreis von 200 Metern rund um George Orwells frühere Wohnung in London sind heute mehr als 200 Überwachungskameras installiert. Ganz offensichtlich hat der Autor des Überwachungsromans "1984" bei seinen Landsleuten keinen Nerv getroffen. In Großbritannien werden sogar Imbissbuden mit Kameras überwacht, die nicht einmal eine Toilette haben – der Grundbedarf an zivilisatorischer Ausstattung scheint sich verlagert zu haben. In den USA werden die Wohnorte von verurteilten Sexualstraftätern im Internet angezeigt: einerseits dient dies dem Schutz der Kinder, andererseits verhindert es den Neuanfang eines entlassenen Häftlings. Offenkundig gibt es im Umgang mit Daten kulturelle Unterschiede. Die Deutschen auf jeden Fall sind besonders vorsichtig, es sei denn, es winken beim Einkauf wenige Cent Preisnachlass, dann ist alles egal.

Smart-City erfordert neues Bürger-Daten-Staat-Verhältnis

Auf die Frage eines Polizisten, wie viel Alkohol man so verdrücke, würden viele nicht antworten. Über die Bonus-Karte aber geben sie freiwillig preis, wieviel Flaschen Wodka in der Woche im Einkaufskorb landen – und das einem Privatunternehmen, das mit diesen Daten nach Belieben verfährt. Was das Verhältnis Bürger-Daten-Staat angeht, wird sich der Smart-City-Bewohner neu organisieren müssen.

Stefan Redlich von der Berliner Polizei über Kameras im öffentlichen Raum.

"Da ist mein Eindruck, dass solche Kameras Taten nicht unbedingt verhindern, aber sie erleichtern erheblich die Aufklärung. Die Kameras sind heut so gut, diese HD-Aufnahmen, dass, wenn wir die veröffentlichen, sehr oft Leute sich melden und den Täter uns benennen. Es gibt auch viele Fälle, wo sich die Täter selber melden, gleich am nächsten Tag, nachdem wir die Aufnahmen herausgegeben haben. Und ich denke, das ist dann schon ein Erfolg. Vielleicht hat diese Kameraüberwachung nicht die erste Tat verhindert, aber bei Serientätern die zweite, dritte und vierte."

Die Datenarbeit der Polizei ersetzt bislang nicht den Polizisten. Es gibt keine intelligenten Maschinen, die die Polizeiarbeit übernehmen könnten, auch wenn Hollywood diese Vision schon hochgerechnet hat. Günther Okon, Landeskriminalamt Bayern:

"Es gibt kein System, wo ein Täterbutton existiert: Ich schmeiß Daten rein in eine Datenbank, drück auf einen Knopf und unten fällt der Täter raus. Das wird es nicht geben, das funktioniert einfach nicht, und insofern werden die Systeme unsere Arbeit nicht abnehmen. Wichtig ist aber, dass sie uns Erkenntnisse liefern und die Arbeit erleichtern indem wir effektiver und zielgerichteter arbeiten können."

Big-Data-Expertin Yvonne Hofstetter hat ein Beispiel für ein erschreckend sinnloses Gerät: Es wird ein Sensor angeboten, der in den Kindersitz des Autos einmontiert wird. Sollten also Mutter oder Vater in der Hektik des Alltags, womöglich abgelenkt durch drei nahezu gleichzeitig eintreffende SMS, vergessen, ihr Kind aus dem Auto zu nehmen, würde das Smartphone die Eltern an ihre Pflichten erinnern. Je mehr Hilfsprogramme wir benutzen, desto hilfloser scheinen wir zu werden.

Erzählerin: Im Jahr 2025 wird der Autofahrer sich während der gesamten Fahrt mit ungeteilter Hingabe seinem Kind widmen können, weil er nicht mehr Auto fahren wird. Er wird in einer PKW-ähnlichen Mobilitätsplattform sitzen und gefahren werden. Sensoren werden ihn in der Spur halten, die Abstände werden sauber eingemessen sein, die Geschwindigkeiten aller Fahrzeuge auf einer Route werden zentral geregelt. Der Opa mit dem Herzfrequenzmessgerät, der technikaffine Jogger, der Einbrecher 2.0 auf der Flucht – sie alle werden mit gleicher Geschwindigkeit am Gesichtserkennungsscanner vorbeigleiten.

In den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts hingen viele der Theorie an, die aufkommende neue Technologie werde es zum Beispiel durch Heimarbeitsplätze überflüssig machen, dass in einer beliebigen Stadt jeden Tag Tausende morgens zu ihren Arbeitsplätzen fahren und abends wieder zurück. Man würde einfach zuhause bleiben. Der Verkehrsinfarkt würde nie kommen. Falsch gedacht.

"Es wäre sicherlich kein Ziel einer Gesellschaft, eine Situation vorzufinden, wo wir uns weniger bewegen müssen, ich glaube, das Gegenteil ist der Fall."

Große Chancen auf verbesserte Lebensqualität

In Berlin, nahe dem Regierungsviertel, hat Franz-Reinhard Habbel sein Büro. Er vertritt den Deutschen Städte- und Gemeindebund.

"Die Mobilität wird uns weiter herausfordern, sie wird zunehmen, weil die gesamte Gesellschaft auch dynamischer wird. Das hängt mit veränderten Lebensweisen zusammen, das hängt mit neuen Technologien zusammen, ich glaube, hier haben wir auch große Chancen, unsere Lebensqualität zu verbessern, Standorte attraktiv zu machen, indem wir die Mobilität auch als neues Ziel mit auf den Weg nehmen, wenn wir Städte planen und gestalten in den nächsten Jahren und Jahrzehnten."

Die Städte explodieren. Berlin zum Beispiel wird in diesem Jahr um 30- bis 35.000 Einwohner zunehmen, ohne dass die Grundfläche der Straßen und Plätze vergrößert werden kann. Das heißt die Autos und Fahrräder der 35.000 kommen noch zu den schon rollenden oder parkenden Fahrzeugen hinzu. Eine Stadt wie London hat sich gegen die Überfüllung gewehrt, indem die Innenstadt gesperrt wurde. Nur wer reichlich Geld hinlegt, darf mit dem Auto einfahren. Franz-Reinhard Habbel hält das für keine Lösung.

"Ich plädiere für ein Mautsystem, wo eben nicht nur der fiskalische Aspekt im Vordergrund steht wie heute, bei der aktuellen Debatte, sondern in der Tat auch eine Entfernungsabhängigkeit als Grundlage genommen wird, Mobilität über eine Maut mit zu steuern, das heißt konkret eine Art Preismodell zu entwickeln, immer dann, wenn sehr viele Menschen unterwegs sind, dann die Preise anders zu gestalten als in den Zeiten, wo wir weniger Verkehr haben, um das ein bisschen dadurch steuern zu können."

Dichter Verkehr herrscht in Berlin auf der Friedrichstraße in der Nähe des S-Bahnhofs. (picture alliance / dpa /  Jens Kalaene)Dichter Verkehr in Berlin - eine Mautgebühr, schwankend je nach Angebot und Nachfrage, könnte Abhilfe schaffen. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Der Mautgebühr würde dann quasi im Wechsel von Angebot und Nachfrage je nach Tageszeit schwanken. Eine kleine Hilfe. Die große würde eine Kooperation aller Mobilitätsträger bringen.

"Ich glaube, das ist auch eine Frage der Steuerung der Vernetzung des intermodalen Verkehrs, indem nämlich verschiedene Verkehrsträger miteinander besser Daten auszutauschen, sich abstimmen, und dem einzelnen Verkehrsteilnehmer offerieren, wann Staus wie wo vermieden werden können, wenn ich möglicherweise andere Verkehrsmittel zu einer bestimmten Zeitspanne nutze."

Individuelle Fahrtrouten auf Datenbasis

Erzählerin: Der User greift routiniert zum Smartphone. Er teilt mit, dass er Herrn Habbel in der Reinhardtstraße besuchen möchte. Die Datenbank weiß, wo sich das Smartphone, also der User, aufhält und macht ihm Vorschläge, wie er mit verschiedenen Verkehrssystemen (U-Bahn, S-Bahn, Bus, Fahrrad) am schnellsten in die Reinhardtstraße kommt. Denkbar wäre dann auch, dass für die Selbstoptimierer mit dem Schrittzähler im Armband gleich noch die 10.000 Schritte eingebaut werden, nach denen ihre Gesundheitsapp verlangt.

"Das heißt, ich bekomme ein sehr individuelles Routing-Verfahren für mich entwickelt aufgrund verschiedenster Datenlagen, die allerdings, und das ist die Herausforderung für die Städte, natürlich erst mal existieren müssen als Datensatz. Und dann, unter dem Stichwort Big Data, im weitesten Sinne auch ausgewertet werden müssen, um dann eine individuelle Route für den einzelnen Nachfrager auch zu einer bestimmten Zeit für eine bestimmte Strecke anbieten zu können."

Viele Verbundsysteme können solche Fahrpläne heute schon zusammenstellen, allerdings eben nur nach den starren vorgegebenen Taktzeiten. Die Kunst wird darin liegen, hier die Intelligenz großer Datenmengen zu nutzen.

"In Oldenburg finden wir die Situation vor, dass 40 Prozent der Menschen im geschäftlichen Verkehr mit dem Fahrrad fahren, 40 Prozent, das ist eine hohe Zahl. Aber! Nur bei gutem Wetter. Bei schlechtem Wetter sinken die Raten. Was hat die Stadt gemacht? Die Stadt nutzt Wetterprognosen, um beispielsweise aufgrund dieser Wetterprognosen die Ampelschaltungen anders zu steuern."

Glaubt man der Automobilindustrie, dann besteht die Zukunft des Verkehrs im automatisierten Verkehr. Fahrzeuge werden technisch immer intelligenter gemacht. Ähnlich wie im Flugzeugbau gehen auch die Techniker im Automobilbau davon aus, dass hoch gerüstete Fahrzeuge die besseren Fahrer sind. Und die sozialeren: Den Computern fällt es leichter, sich an Regeln zu halten.

"Ich glaube, dass das fahrerlose Auto kommen wird. Die Frage ist nur, wann es kommen wird. Ich sehe hierin große Vorteile auch der Sicherheit, der Bequemlichkeit."

Der Deutschen liebstes Kind, heißt es, sei das Automobil. Dies sei der Lebensbereich, in dem er am liebsten seine "Freiheit" auslebe. Das Auto automatisch zu machen, es dem Willen seines Besitzers zu entziehen, würde das Gemütsleben vieler Bundesbürger durcheinander wirbeln, heißt es. Michael Lobeck, Stadtforscher in Bonn, sieht die Entwicklung anders.

"Ja, das ist, glaub ich, schon richtig, dass das nicht unkompliziert werden wird, aber auf der anderen Seite sehen wir ja auch, dass sich das nach Personengruppen heute schon deutlich unterscheidet. Es gibt Studien, nach denen ungefähr 30 Prozent der jüngeren Erwachsenen eher auf ein Auto verzichten würden als auf das neue Smartphone zum Beispiel. Ich glaube, der Status des Autos als etwas, was wir besitzen und was uns die Freiheit garantiert, das ist noch da, das ist in einem Großteil der Gesellschaft noch vorhanden, aber ich hab schon das Gefühl , das befindet sich im Wandel."

Intelligentere Fahrzeuge treffen autonomere Entscheidungen

Zwei Konzepte sind in der Entwicklung: Zum einen das Privatauto, das sich mit Sensoren und vernetzter Bordelektronik der allgemeinen Verkehrsführung unterwirft, und Fahrzeuge in der Größenordnung von Privatwagen, die aber dem ÖPNV unterstehen. Beiden Modellen werden Chancen eingeräumt.

"Aber wenn Fahrzeuge 'intelligenter' werden und autonomer Entscheidungen treffen können, dann kann man sich sowas auch vorstellen mit kleineren Systemen, was weiß ich, die sind dann so groß wie ein Smart, und man setzt sich rein und der koppelt sich dann im Zweifel mit einem andern, der den gleichen Weg hat, und bringen mich aber trotzdem vor die Haustür, wo ich hin will. Und solche Systeme kann man sich im öffentlichen Verkehr halt auch gut vorstellen, es müssen keine individuell besessenen Fahrzeuge mehr sein."

Das ist aber nicht das, wofür Daimler-Benz seine teuren Autos baut, damit jeder beliebige Hansel sich am Straßenrand einen fahrerlosen Daimler heranpfeift. Natürlich wird auch der Individualverkehr in der Zukunft erhalten bleiben, wenn wichtige Fragen geklärt werden können: Wem gehören die Bewegungsdaten, die ein Auto erzeugt? Dem Besitzer, dem Automobilhersteller, oder dem Computer- oder Software-Produzenten? Wie ist es bei einem Unfall: Ist die Blackbox mit den Unfalldaten mein Zeuge oder der Zeuge der Versicherungsgesellschaft?

Ein kleines fahrerloses Auto steht auf einer Straße. Auf dem Dach sind Kameras montiert. (Google / dpa)Versuchs-Auto ohne Fahrer (Google / dpa)

Wer haftet, wenn der Computer in meinem Auto den Fußgänger nicht erkennt, der quer über die Straße läuft, weil er von seinem Smartphone abgelenkt wird? Und hätte nicht dessen Smartphone mein Auto erkennen müssen? Aber das bedeutet nicht allein, dass wir die Rechtsprechung maschinengerecht verändern müssen. Es bedeutet auch, dass wir entscheiden müssen, ob uns die Lebensführung von Hochleistungsrechnern abgenommen wird. Big-Data-Expertin Yvonne Hofstetter

"Insbesondere bei Big Data ist es so, dass Big Data nur durch künstliche Intelligenz abgearbeitet werden kann, nur künstliche Intelligenz kann mit diesen riesigen Datenmengen etwas anfangen. Das heißt wir werden es hier mit einer komplett neuen Art von Maschinen zu tun bekommen, mit denen werden wir in den nächsten 10, 15, 20 Jahren 'noch sehr viel Spaß' haben. Denn die künstlichen Intelligenzen haben teilweise heute schon übermenschliche Fähigkeiten. Sie sind insbesondere dort gut, wo es darum geht, Entscheidungen über Unsicherheit zu treffen, also, beispielsweise im Finanzumfeld oder in der Anlagensteuerung, sie sind da sehr viel genauer und sehr viel besser als die Menschen."

Kann es sein, dass wir unsere Freiheit verlieren, weil uns immer mehr alltägliche Entscheidungen abgenommen werden durch Maschinen, die es angeblich – und vielleicht sogar tatsächlich – besser können. Kann es sein, dass der Mensch sich abschafft, weil er sich Maschinen überlässt? Und muss der Staat das regeln?

"Nein, das ist nicht der Ruf nach mehr Staat, das ist der Ruf danach, die Eigenverantwortung wahrzunehmen, die wir als Menschen haben."

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