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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.03.2010

Skurriles Figurenkabinett

Georg Klein: "Roman unserer Kindheit", Rowohlt Verlag 2010, 446 Seiten

Unterhöhlte Neubauten werden zum  Irrgarten für die Kinderbande. (AP)
Unterhöhlte Neubauten werden zum Irrgarten für die Kinderbande. (AP)

Ein solch kulinarisches Werk von 450 Seiten hat der für seine dicht gewebten Texte gerühmte Georg Klein bisher noch nicht vorgelegt. Nach seinen literarischen Spielen mit Genre-Vorgaben wie dem Agenten-, Detektiv- oder Horror-Roman geht er diesmal an den autobiografischen Fundus: Eine Kindheitswelt um 1960 wird beschworen.

Ewiger Sommer liegt über der Neubausiedlung von Oberhausen, einem Kleine-Leute-Stadtteil von Augsburg. Ringsum amerikanische Kasernen, Laubenkolonien, Wälder und allerhand verwunschene Orte, die die Spiele einer achtköpfigen Kinderbande bereichern: eine verlassene Gastwirtschaft, ein Sperrmüllsofa unter freiem Himmel, eine versiegelte Neubauruine – ein missratener Häuserblock, dessen Innenwelt Momente subtilen Horrors bereithält.

Es herrscht, immer noch, Nachkriegszeit. Der Krieg ist den Körpern der Männer eingeschrieben. Sie sind fast alle gezeichnet, ein skurriles Versehrtenkabinett, Figuren, die auf die Kinder wie Boten aus einer anderen Welt wirken: "Der Mann ohne Gesicht", der beinahe blinde "Fehlharmoniker", der beinlose Kommandant Silber (eine hybride Fantasie aus "Schatzinsel" und Landserroman) und der taube Sittichzüchter, der aus seinen epileptischen Anfällen üble Prophezeiungen mitbringt: Ein Kind werde einen gewaltsamen Tod sterben. Der Autor erweist sich einmal mehr als Spezialist für beschädigte Männergestalten.

Auch eines der Kinder zieht sich gleich zu Beginn eine komplizierte Fleischwunde zu – ein Leitmotiv für den Roman und vielfache Wirkungsmöglichkeit für pittoreske Arztfiguren wie Dr. Felsenbrecher, der die Behandlung mit dem Erzählen deftiger Witze würzt. So sickert langsam das Unheimliche ein, drängt sich Dämonisches in die lichte Sommerferienwelt, wird der Realismus magisch. Der ins Gehobene, Manierierte tendierende Erzählton setzt Kontrapunkte zu den düstere Szenerien; Angst geht bei Klein nie mit erzählerischer Atemlosigkeit, sondern mit sorgfältig abgeschmeckten Formulierungen einher.

Zu Recht behauptet die junge, sehr junge Ich-Erzählerin von sich: "Weil ich nie wegsehen kann, bin ich ein schlimmes Früchtchen." Auch Klein ist ein großer Hinseher – und sein Zeit-Roman bietet poetische Eindrücke jenseits der gängigen popkulturellen Erinnerungsrituale, die das Leben nach Jahrzehnten einteilen. Seine literarische Fantasie grenzt sich bewusst ab von jener Verständigungsliteratur, die Einvernehmen über "unsere" Vergangenheit im Gedenken an Hits, Fernsehserien, Moden und Markennamen herstellt. Klein poliert stattdessen die Fundstücke seines eigensinnigen Erinnerns auf und schafft gerade dadurch die Strahlkraft des Allgemeingültigen.
So wie die junge Bundesrepublik sind die Oberhausener Neubauten unterhöhlt – die weitverzweigten Gänge und Kühl-Stollen einer Brauereianlage befinden sich darunter; im Weltkrieg waren es Orte der Zuflucht und der letzten Kampfbereitschaft und werden nun zum albtraumhaften Irrgarten für die Kinderbande.

Der Roman ist reich an Szenen von hoher Dichte, Prägnanz und Komik (etwa die regelmäßigen Begegnungen mit der subproletarischen Huhlenhäusler-Sippe), an geschliffenen Miniaturen aus einer Welt, die wir kennen und so doch noch nicht gekannt haben. Der Handlungsbogen im Ganzen wirkt dagegen – wie meist bei Klein – ausgeklügelt und forciert. Die Welt der Kinder und die Welt der versehrten Panzerfahrer nähern sich einander an, bis zum Finale auf der unterweltlichen Bowlingbahn, wo Trash und Tragik, Kind und Kegel deckungsgleich werden. Weil das Artifizielle aber jederzeit mit dem Authentischen einhergeht, entwickelt der "Roman unserer Kindheit" den Sog einer großen Lektüre.


Besprochen von Wolfgang Schneider


Georg Klein: Roman unserer Kindheit. Roman.
Rowohlt Verlag 2010, 446 S., 22,95 Euro

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