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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.05.2008

Skurriler Beobachter einer seltsamen Gesellschaft

Edo Popovic: Kalda. Verlag Voland & Quist, 284 Seiten

Die kroatische Flagge weht auf einem Fährschiff in der Adria. (AP)
Die kroatische Flagge weht auf einem Fährschiff in der Adria. (AP)

Edo Popovićs Romanprotagonist Kalda ist ein waschechter Antiheld. In schnoddrig-lakonischem Jargon trägt er seine Beobachtungen der kroatischen Gesellschaft vor. So liefert Edo Popovic einen komischen Einblick in das Leben im sozialistischen und im Nachwende-Zagreb.

"Bei uns herrschte immer Stille, jene schaurige Stille, die Katastrophen vorausgeht", heißt es in Kaldas Rückblick auf seine unglückliche Kindheit in einer öden Zagreber Arbeitervorstadt irgendwann in den sechziger Jahren.

"Jahrelang achteten meine Mutter und ich darauf, nichts Falsches zu tun und meinen Vater nicht wütend zu machen, was uns auch gelang. Mein Vater blieb ein unausgebrochener Sturm."

Dann allerdings trägt es diesen Sturm weit hinaus. Der Vater flieht mit einer Gruppe jugoslawischer Zocker nach Westeuropa und lässt nur noch selten von sich hören. Zurück bleibt Kalda, ein introvertiertes Einzelkind, genannt "Stummfisch". Um diesen Langweiler machen die meisten Jungen und fast alle Mädchen einen Bogen. Der junge Kalda schmiedet keine Pläne für sein Leben. Er flüchtet sich in Lektüre oder in die Kneipen- und Drogenszene des sozialistischen Zagreb.

"Kalda", der Roman des kroatischen Schriftstellers Edo Popović, auf Deutsch erschienen bei Voland & Quist, rollt dieses Leben auf - in seiner deprimierenden Banalität und mit feinem Gespür für die darin enthaltene Komik.

Kalda lässt sein Leben aus der Warte eines etwa Fünfzigjährigen Revue passieren. Von Ehefrau und gemeinsamen Kind hat er sich zurückgezogen. Nun absolviert er halbherzig eine kostspielige Psychotherapie. Die ihm fremde Mutter und der verachtete Stiefvater sind wahrscheinlich im Jugoslawienkrieg umgekommen, der leibliche Vater meldet sich nach Jahrzehnten schwerkrank zurück.

Kalda jedoch weigert sich nach wie vor, für irgendjemanden oder irgendetwas auf der Welt Verantwortung zu übernehmen. Seine Grundhaltung lässt sich mit einem ebenso trotzig wie lakonisch intonierten "Ohne mich!" beschreiben.

Starke Abwehr bringt Popovićs Antiheld nicht nur seinem persönlichen Umfeld, sondern auch der kroatischen Gesellschaft entgegen. Aus dieser Perspektive lernt der Leser übergeordnete politische Zusammenhänge vor und nach dem Zerfall Jugoslawiens kennen. Hinter den Posen von Patrioten, Menschenrechtlern und Liberalen zeichnet sich das nackte, nicht unbedingt ehrenwerte Interesse der Protagonisten ab.

Als "Padre" beherrscht Präsident Franjo Tudjman die kroatische Szene der neunziger Jahre samt einer merkwürdigen Gefolgschaft aus durchgedrehten Denkern und geradlinigen Verbrechern. Kalda lernt einige von ihnen persönlich kennen. Vor allem aber gerät er auf längere Sicht in die Fänge eines Zagreber Medienmoguls. Mirko Daničić hat zu Beginn der Jugoslawienkriege von Chauffeur auf Chefredakteur umgesattelt. Als Besitzer der Wochenzeitung "Starlight" liefert er später so lange Bilder von kroatischen Kriegsopfern des Krieges, bis das Publikum müde ist, weshalb er abrupt auf serbische Opfer umschwenkt. In Friedenszeiten wird die Auflage dann wieder von Models gesteigert. Kalda verdingt sich bei Daničić als Kriegsfotograf und versucht auch das mit seinem "Ohne mich"-Gefühl zu vereinbaren, um sich erst viele Jahre später mit seinem Auftraggeber zu überwerfen.

Edo Popović wurde 1957 in der Stadt Livno in Bosnien-Herzegowina geboren und lebt seit 1968 in Zagreb. Er war Mitbegründer der alternativen jugoslawischen Literaturzeitschrift "Quorum". Seit den achtziger Jahren hat sich Popović als Erzähler und Autor von Reportagen einen Namen gemacht. 2006 erschien auf Deutsch sein Roman "Ausfahrt Zagreb-Süd", der das Leben einer Gruppe desillusionierter Bewohner in einer alternden Neubausiedlung schildert.

Wie "Ausfahrt Zagreb-Süd" ist auch "Kalda" über weite Passagen in einem schnoddrig-lakonischen Jargon gehalten. Dieses Idiom hat Alida Bremer ebenso wie etliche vergleichsweise erhabene Betrachtungen stilsicher ins Deutsche übertragen. Während sich Kalda, dieser verstörte Außenseiter, auf komische Weise selbst entblößt, gibt er auch den Blick auf ein tragisches Kapitel europäischer Geschichte frei - lesenswert.

Rezensiert von Martin Sander

Edo Popović: Kalda
Roman. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer
Verlag Voland & Quist 2008
284 Seiten, mit einer Audio-CD (drei Kapitel aus "Kalda", gelesen von Holger Hübner, Spielzeit: 50 Min.), 21,90 Euro

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