Donnerstag, 31. Juli 2014MESZ09:30 Uhr

Buchkritik

RomanAtmosphäre aus Angst und Argwohn
Ein Justizbeamter öffnet in Frankfurt am Main eine Einzelhaftzelle der neuen Justizvollzugsanstalt.

Der kurze Roman "Ein Freund des Hauses" von Yves Ravey handelt von der Eigendynamik des Vorurteils und der Ohnmacht des besseren Wissens. Alles beginnt damit, dass Freddy aus dem Gefängnis entlassen wird.Mehr

SachbuchMit voller Wucht
Ein Demonstrant der Gruppe Anonymous steht vor dem Brandenburger Tor bei Nacht und hält ein Plakat mit einem Foto von Edward Snowden in die Höhe.

Schon als oberster Datenschützer des Landes war Peter Schaar sehr kritisch, doch sein aktuelles Buch ist noch deutlicher: Er kritisiert massiv die Bundesregierung. Aber sein Buch ist mehr als eine Abrechnung mit der Regierung. Mehr

BelletristikAutobiografisches Traumjournal
Ansicht des serbischen Parlamentsgebäudes in Belgrad

In seinem Debüt schafft der guatemaltekische Autor Eduardo Halfón einen eigenen Stil aus Essayistik und Fabuliererei, aus Reportage und Traumjournal. Entstanden ist ein Werk mit viel literarischem Wagemut.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

LyriksommerDas Lied der Globalisierung
Der amerikanische Dichter Ezra Pound ("Pisan Cantos") am 18. April 1958 in Washington D.C.

Die Dichtung durchpflügt Kulturkreise und Historie, in der Monarchien vergingen, Diktatoren siegten und scheiterten, sie feiert Homer, Dante und die altchinesische Philosophie.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.03.2012

Skiurlaub im Keller

Niccolo Ammaniti: "Du und ich", Piper Verlag, 2012, 150 Seiten

In Deutschland fehlt es ihm noch an Bekanntheit, in Italien wird er gefeiert: der Schriftsteller Ammaniti.
In Deutschland fehlt es ihm noch an Bekanntheit, in Italien wird er gefeiert: der Schriftsteller Ammaniti. (intuitivmedia.net)

Eine kurze Geschichte vom Erwachsenwerden erzählt Niccolo Ammaniti in seinem Roman "Du und ich". Ein 15-Jähriger gauckelt seinen Eltern vor, in den Urlaub zu fahren - und zieht stattdessen in den Keller. Dann taucht seine drogensüchtige Halbschwester auf.

Eine Novelle von 150 groß gedruckten Seiten legt der italienische Erfolgsautor Niccolò Ammaniti als Roman vor - wahrscheinlich unschuldig, denn vor allem in Deutschland verleiht man am liebsten das Etikett Roman für alles, was Buchstaben hat. Im Falle des hierzulande noch viel zu unbekannten Niccolò Ammaniti ist das schade, denn "Du und ich" ist eine meisterhafte Novelle, mit kleinen Schwächen, aber geradezu mustergültig novellesk. Der 15-jährige Lorenzo hat keine Freunde. Er lügt seinen Eltern vor, dass er welche habe, mit denen er in die Skiferien fahren würde, zieht aber stattdessen ohne Wissen seiner Eltern in den Keller des Familienhauses ein. Im Wesentlichen spielt das ganze Buch in diesem Keller.

Lorenzo richtet es sich gemütlich ein in seinem Keller und ist eines Tages zutiefst erschrocken, als seine drogensüchtige Halbschwester, wohnungslos und auf Entzug, bei ihm einziehen will - ohne Wissen der Eltern. Anfangs spröde und wenig hilfsbereit, taut Lorenzo allmählich auf und es entspinnt sich eine zarte, halb-inzestuöse Liebesgeschichte. "Du und ich" liest sich wie ein Kammerspiel mit unglaublicher Spannung, die einen schon wieder aus dem "Roman" herauskatapultiert, wenn man sich gerade erst warm gelesen hat.

Ammaniti ist ein Meister der soziologischen Beobachtung, der Milieustudie, fast mit Genuss lässt er die brüchigen bürgerlichen Kokons zerfallen. In "Du und ich" trifft die wohlhabende bürgerliche Welt auf ihr Verdrängtes. Der letzte Roman "Wie es Gott gefällt" schilderte gleich in Form von prolligen Neonazis den zur Kenntlichkeit entstellten Normalbürger. Aber seine Schreibstrategie ist nicht die der Provokation oder der Gesellschaftskritik. Es scheint vielmehr, als ginge es ihm um eine Art Aufhebung der Ränder der Gesellschaft.

Was die Bürger zu wenig an Existenz haben, haben die Heroen des sozialen Versagertums zuviel - und dieses Zuviel ist der Stoff für Ammanitis anrührende Geschichten. Allenfalls einen Hauch von Kitsch und wohlfeiler Auflösung kann man dem neuen Buch zum Vorwurf machen. Aber bei dem, worauf es dem Autor ankommt, der Entwicklung der Freundlichkeit aus dem Sumpf der Gleichgültigkeit - da ist Ammaniti gänzlich unsentimental. Das Buch erschüttert und liest sich viel zu schnell. Es macht gespannt auf den nächsten Ammaniti mit vielleicht etwas mehr erzählerischem Raum, der auch in Deutschland hoffentlich einmal die verdiente Leserschaft finden wird.

Besprochen von Marius Meller

Niccolò Ammaniti: Du und ich
Aus dem Italienischen von Ulrich Hartmann
Piper Verlag, 2012
150 Seiten, 14,99 Euro