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Tonart | Beitrag vom 07.03.2017

sir WasSein Mix heißt "Maximale Musik"

Von Vanessa Wohlrath

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Der schwedische Musiker sir Was (Foto: Thomas Neukum)
Der schwedische Musiker sir Was (Foto: Thomas Neukum)

Sein Künstlername ist sir Was: Der Schwede Joel Wästberg bringt auf seinem Debütalbum "Digging A Tunnel" Jazz und Lounge mit Pop zusammen. Ein sehr durchdachtes Album, für das er 15 Jahre brauchte - um seinen eigenen Sound zu finden.

sir Was: "Wenn man auf eine Musikschule geht, dann ist es meistens so, dass einem eingebläut wird: Das ist das, was ich immer machen werde. Ich werde immer Saxofon spielen. Das ist meine Identität - so denkt man. Und das ist hier das große Missverständnis: dass man glaubt, man sei das, was man spielt. (lacht) Ich bin Saxofonist."

sir Was oder Joel Wästberg, wie der Schwede eigentlich heißt, lacht selbstironisch, als er von seiner musikalischen Ausbildung erzählt. Der 35-Jährige kommt eigentlich aus dem Jazz-Milieu, studierte Saxofon in Südschweden und Göteborg. Dass er mehr als ein Saxofonist ist, merkte er bei einem Studienaustausch in Südafrika. Dort lernte er die afrikanische Kultur des Trommelns kennen. Er probierte sich selbst als Perkussionist aus und wagte wieder zurück in Schweden den Schritt in die Popmusik:

"Als ich nach Südafrika ging, war das die perfekte Gelegenheit, um einmal rauszukommen aus meinem alten Jazz-Background. Niemand kannte mich dort. Klar kam ich als Saxofonist dorthin, aber gleichzeitig traf ich mich auch ständig mit vielen anderen Musikern, mit Trommlern, schaute mir an, was sie machten und begann schließlich selbst zu spielen."

Mit dem Mund macht sir Was Trommelgeräusche, gestikuliert dabei ausufernd, seine langen Haare fliegen leicht. Jazz-Saxofonist oder Rockmusiker? Bei sir Was schwer zu sagen. Er macht eben Musik, stillt seine Neugier, indem er immer wieder neue Instrumente lernt und sich unterschiedlichen Genres öffnet. Auf Saxofon folgt Schlagzeug, auf Schlagzeug ein Crashkurs im HipHop und Rap − Einflüsse, die sich allesamt auf sir Was' ersten Album "Digging A Tunnel" wiederfinden.

Die Kunst der Improvisation

Ineinander fließende elektronische Beats zur jammenden E-Gitarre, verhallter Rap und Gesang. Dazu ein leichter Einschlag aus dem Folk, vermischt mit Synthesizern und Fieldrecordings, die der Schwede auf Reisen gesammelt hat: "Maximale Musik" nennt sir Was diesen Stilmix, der sich eigenwillig durch das ganze Album zieht. Was er dafür von seiner Jazz-Ausbildung mitgenommen hat, ist die Kunst der Improvisation:

"Jazz lebt von Improvisation, von langen Solo-Einlagen. Der Gedanke dahinter ist wohl, dass alles immer wieder neu klingen soll. Ganz im Unterschied zur Popmusik. Hier erfindet man Melodien, die bleiben. Die singt man immer wieder nach genau dem gleichen Schema. Im Jazz wird dagegen sehr viel Zeit ins Improvisieren gesteckt und das liebe ich. Ich liebe es zu jammen. Nur manchmal will man eben auch andere Klänge, andere Effekte mit seiner Musik erzielen."

Und genau dadurch werden dann solche Momente erzeugt, die man beispielsweise in der Popmusik findet.

"Wenn man in einem ausverkauftem Konzertsaal spielt und alle kennen deine Songtexte und singen zusammen mit der Band, das ist großartig! Im Jazz gibt es da häufig diese Grenze zwischen den Musikern auf der Bühne und dem Publikum, das bewundernd zu ihnen aufschaut. Aber genau davon will ich weg. Ich will, dass man zusammen explodiert, in so einem Gefühl von yeah!"

sir Was will mit seiner Musik niemanden beeindrucken, er will mitreißen. Jazz ist oft sehr komplex und dadurch für das breitere Publikum schwer zugänglich. Durch sein offenes Spiel mit den Genres allerdings schafft es sir Was, diese Hürde zu überwinden.

Angst, sein eigenes Ding zu machen

Ganz im Alleingang nahm sir Was die Songs für sein Debütalbum "Digging A Tunnel" auf. Er komponierte sie relativ zügig, spielte jedes der Instrumente − bis auf Harmonika und Dudelsack − selbst ein, schrieb an seinen Songtexten, während er gleichzeitig als Background-Musiker für Bands wie Junip arbeitete. Doch zu hören bekam diese Songs 15 Jahre lang niemand. Lag es an der Schwierigkeit, Jazz und Pop zusammenzubringen?

"Nein, ganz und gar nicht. Das, was mich letztendlich blockierte, mit meiner Musik den Schritt an die Öffentlichkeit zu wagen, war die Angst davor, mein eigenes Ding zu machen. Und was andere davon halten würden: Was soll das für Musik sein? Finden sie es gut oder schlecht? Ich hatte mich 2013 schon dazu entschlossen, das ganze Solo-Projekt hinzuschmeißen und einfach weiter zu machen wie bisher, in Bands zu spielen. Aber das fühlte sich auch nicht richtig an. Nach ein paar Monaten gelangte ich an den Punkt, an dem ich begriff: Okay, das einzige, was jetzt falsch laufen kann ist, dass ich mich nicht traue. Wo liegt das Problem? Ich würde das noch bereuen, wenn ich alt bin. Und da fasste ich den Entschluss: Ich ziehe das jetzt durch!"

Ein musikalisches Genie mit der großen Angst vor Ablehnung. Mit "Digging A Tunnel" veröffentlicht sir Was ein cooles, sehr durchdachtes Debütalbum, das sich jeglichen Genrezuordnungen entzieht. Er spielt darauf mit den Konventionen des Jazz, ohne sich dabei in seiner Komplexität zu verlieren. Bedient sich an HipHop und Folk, ohne diese für sich zu beanspruchen. Was hier mühelos, beinahe unprätentiös wirkt, war mit viel persönlichem Widerstand verbunden. Diesen zu überwinden, hat sich absolut gelohnt.

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