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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 20.11.2012

Sinti und Roma – das Gedenken an gestern und das Vergessen von heute

Von Lena Gorelik

Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas, Oktober 2012 (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas, Oktober 2012 (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Bis heute haften den Sinti und Roma eine Menge negative Bilder an, und die Probleme wie mangelnde Schulbildung und hohe Arbeitslosenzahlen sind evident. Der Zentralrat der Sinti und Roma kann diese Probleme nicht alleine lösen, sagt Lena Gorelik.

Schön, wenn man etwas Gutes tun kann; schön, wenn dieses gute Etwas von anderen wahrgenommen wird. Schön, wenn die anderen der guten Tat beiwohnen, Zeugen davon werden, dass man Verantwortung übernimmt, Respekt zollt und zu gedenken gedenkt.

Schön, wenn man der halben Million Sinti und Roma gedenkt, die während des Nationalsozialismus ermordet wurden, wenn man ein Mahnmal hierfür einweiht, dessen Fertigstellung aufgrund zahlreicher peinlicher Debatten 20 Jahre dauerte, ein Mahnmal, das übrigens ein israelischer Künstler gebaut hat, und schön, wenn die New York Times und Le Monde und sogar die israelische Haaretz anwesend sind, um davon zu berichten. Auch davon zu berichten, wie viele deutsche Politiker aller Parteicouleur gekommen sind, um an diesem Tag zu gedenken. Einfach schön.

Gar nicht schön, dass zur selben Zeit in Osteuropa, in EU-Ländern wie zum Beispiel Ungarn, Sinti und Roma zunehmend und offen diskriminiert werden, ihnen Zugang zu Schulbildung, zum Arbeitsmarkt und zur medizinischen Versorgung versagt werden, ihre Häuser angezündet werden. Gar nicht schön, dass es auch Todesopfer unter den Sinti und Roma gibt, heute und jetzt, das vergisst auch die gerührte Bundeskanzlerin nicht an diesem Tag zu erwähnen.

Gar nicht schön, aber doch auch nicht so schrecklich, wirft ihr Bundesinnenminister zur gleichen Zeit den Sinti und Roma Asylmissbrauch vor und erklärt, dass Deutschland, das Deutschland, das soeben eine Gedenkstätte eröffnet hat, um an die Holocaustopfer zu erinnern, weil bisher nichts und niemand in diesem Land an sie erinnerte, heute lebende Nachfahren nicht als "politisch Verfolgte" aufnehmen könne, trotz der zunehmenden Berichte über Gewalttaten gegen sie. Politische Verfolgung hat wohl viele Definitionen.

Ungarn und Serbien sind ja auch nicht Deutschland. In Deutschland leben allerdings auch Sinti und Roma, und 40 Prozent unter ihnen haben keinen Schulabschluss, und besonders beliebt sind alle hundert Prozent nicht. Geht man ein paar Wochen nach der Eröffnung der neuen Gedenkstätte daran vorbei, hört man die Menschen vom Zigeuner-Denkmal sprechen. Und ein paar S-Bahn-Stationen weiter, wo ein Roma-Mädchen bettelt, ist auch von der "kleinen Zigeunerin" die Rede.

Nicht schön das Ganze, aber auch nicht so schrecklich, stellte die Bundesregierung vor einem Jahr in einem Bericht an die EU-Kommission über die Situation dieser Minderheit in Deutschland fest. Handlungsbedarf bestehe nicht. 40 Prozent ohne Schulabschluss? Ja, Handlungsbedarf besteht nicht, die Integration dieser Minderheit funktioniert gut, so die Bundesregierung.

Bis in die sechziger Jahre war die Ansicht verbreitet, Sinti und Roma seien im Nationalsozialismus nur als Kriminelle verfolgt worden. Erst 1982 wurde auf wachsenden Druck der Betroffenen, nach Hungerstreiks und Sit-Ins der Genozid an 500.000 Menschen als solcher anerkannt. Bis heute haften dieser Minderheit eine Menge negative Bilder an, und die Probleme wie mangelnde Schulbildung und hohe Arbeitslosenzahlen sind evident.

Der Zentralrat der Sinti und Roma, der als Sprachrohr dieser Gruppe ins Leben gerufen wurde, kann diese Probleme nicht alleine lösen, mit der Gedenkstätte und der jahrelangen Diskussion um diese hat er schon viel erreicht. Schön, wenn die Welt dem ehrwürdigen Gedenken an die gestern Ermordeten beiwohnen kann. Noch schöner, wenn sie Zeugin der Hilfe der heute Notleidenden wäre.

Lena Gorelik (Gerald von Foris/Graf Verlag)Lena Gorelik (Gerald von Foris/Graf Verlag)Lena Gorelik, Buchautorin und Journalistin, wurde 1981 in Russland im damaligen Leningrad geboren und kam 1992 zusammen mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland. Ihre Romane "Meine weißen Nächte", "Hochzeit in Jerusalem" und "Verliebt in Sankt Petersburg" wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Zuletzt ist von ihr im Graf Verlag "Lieber Mischa" erschienen.

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