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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.02.2012

Sinologe kritisiert Kooperation deutscher Forscher mit Konfuzius-Instituten

Rudolph sieht Unabhängigkeit der Wissenschaft gefährdet

Jörg-Meinhard Rudolph im Gespräch mit Dieter Kassel

Mit Kritik an China, wie nach der Nobelpreisverleihung an Liu Xiaobo, sind deutsche Sinologen zurückhaltend. (AP)
Mit Kritik an China, wie nach der Nobelpreisverleihung an Liu Xiaobo, sind deutsche Sinologen zurückhaltend. (AP)

China wirbt über seine Konfuzius-Institute auch in Deutschland für seine Kultur. Die Institute sind überwiegend an Hochschulen angesiedelt. Für den Sinologen Jörg-Meinhard Rudolph ein Problem: Er stellt die Unabhängigkeit der deutschen Forscher bei dieser Zusammenarbeit in Frage.

Dieter Kassel: Die Deutschen haben ihr Goethe-Institut, die Engländer den British Council, die Spanier das Instituto Cervantes. Und die Chinesen? Die haben das Konfuzius-Institut. Das gibt es zwar noch nicht sehr lange, 2004 wurde das erste gegründet in Südkorea. Aber schon seit 2006 gibt es Konfuzius-Institute auch in Deutschland, und inzwischen gibt es deren 13. Elf davon sind an deutschen Universitäten angesiedelt, ein weiteres an einer Fachhochschule. Und diese Praxis, die Zusammenarbeit mit inländischen Hochschulen, hat zu Kritik geführt überall auf der Welt. Und auch in Deutschland fragen einige Experten, was denn genau nun wirklich Sinn und Zweck dieser Konfuzius-Institute ist. Jörg-Meinhard Rudolph ist Sinologe und er ist Dozent am Ostasieninstitut der Fachhochschule Ludwigshafen und uns jetzt zugeschaltet aus unserem Studio in Frankfurt am Main. Schönen guten Tag, Herr Rudolph!

Jörg-Meinhard Rudolph: Guten Tag, Herr Kassel!

Kassel: Dieser Vergleich, das Konfuzius-Institut ist für die Chinesen genau das Gleiche wie das Goethe-Institut für die deutsche Auslands- und Kulturpolitik, ist dieser Vergleich angemessen?

Rudolph: Der ist nicht angemessen. Wenn Sie von Chinesen sprechen und von Deutschen, dann müsste man schon mal fragen, wer dann dahintersteht. Das sind ja nicht 1,3 Milliarden Chinesen oder 80 Millionen Deutsche, die das betreiben. Die Goethe-Institute sind eine staatliche Einrichtung, die werden vom Auswärtigen Amt bezahlt, aus Steuergeldern. Über die Finanzierung entscheidet der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages und jeder hier in diesem Land kann das hinterfragen und kann wissen, was da vorgeht, die Angestellten im Ausland werden durch Ausschreibung der Stellen ermittelt und besetzt.

Bei den chinesischen Instituten ist es nun ganz anders: In der Volksrepublik China haben wir zwar auch einen Staat, aber auch jemanden, der diesen Staat beherrscht, und das ist die KP Chinas, die das auch so sagt auf ihrer Webseite, wir sind die einzige regierende Partei hier. Und hinter den Konfuzius-Instituten stehen höchste Abteilungen dieser Partei bis hin zur Nummer fünf in der Hierarchie, der bei Konferenzen die Abgeordneten der Institute begrüßt. Der Mann ist auch zuständig für Ideologie und Propaganda, für die Unterdrückung der Meinungsvielfalt und ähnliche Dinge. Darunter ist ein Riesenapparat aus vielen Abteilungen der chinesischen Zentralregierung gebildet, darunter auch die für Zensur zuständigen Abteilungen und ähnliche. Das ist überhaupt nicht vergleichbar. Niemand kann hier reingucken, das ist alles intransparent. Und der Punkt ist, es ist eine politische Partei, eine Interessengruppe, die hier diese Institute gründet, die keiner in der Volksrepublik China hinterfragen kann. Und das ist ein großer Unterschied, entscheidender Unterschied.

Kassel: Ja gut, aber das ist natürlich der entscheidende Unterschied zwischen diesen beiden Staaten. Die Bundesrepublik Deutschland ist eine parlamentarische Demokratie und das ist die Volksrepublik China natürlich nicht.

Rudolph: Nein, in China wird noch nicht mal so gewählt wie in Weißrussland oder Iran. Das ist sie wirklich nicht. Wenn Sie jetzt bei diesem Vergleich bleiben wollen, dann könnte man allenfalls sagen, dass beide Einrichtungen werben sollen für die Staaten, aus denen sie kommen, von denen sie finanziert werden. Sie sollen eine gute Stimmung machen, was Positives rüberbringen und so weiter. Das sagen auch die Chinesen. Und wir haben ja gerade in Deutschland jetzt das Kulturjahr, das chinesische Kulturjahr, wo auch die Konfuzius-Institute eingebunden sind. Die chinesische Parteiführung spricht davon, "soft power" oder weiche Macht im Ausland zur Geltung zu bringen. Und da sollen die Konfuzius-Institute helfen. Diese weiche Macht ist auch definiert für das Kulturjahr, es soll ein neues Bild der Volksrepublik China vermittelt werden als offen, fortschrittlich, tolerant und voller Leben.

Der Punkt ist nicht, dass die Konfuzius-Institute das machen, das ist in Ordnung, da habe ich gar kein Problem mit. Dass sich deutsche Universitäten oder überhaupt Universitäten, die doch frei und unabhängig sein sollen, daran beteiligen und auch noch bezahlen lassen dafür, das ist mein Punkt. Die Chinesen wollen ihre Propaganda machen, die Deutschen meinetwegen auch, das kann man dann überprüfen, wer besser war, aber dass sich Universitäten und Professoren ihren guten Namen, ihre Reputation dafür zur Verfügung stellen, das ist aus meiner Sicht nicht akzeptabel.

Kassel: Nun sagen die betroffenen Universitäten fast einheitlich, dass sie das zu trennen wissen, denn das Konfuzius-Institut ist dann zwar jeweils an der Universität angesiedelt - und Sie haben schon gesagt, das sind zum Teil renommierte Universitäten, die Freie Universität in Berlin, die Uni Düsseldorf, die Universität Nürnberg-Erlangen und viele andere -, aber die sagen alle, wir trennen das: Wir haben das Konfuzius-Institut im Haus, da finden Sprachkurse statt und Kulturveranstaltungen, aber unser sinologisches Institut ist immer noch frei und selbstständig.

Rudolph: Das ist nicht so ganz richtig. Diese Scheren, die da arbeiten, die sind im Kopf dieser Leute. Die wissen genau, dass, wenn sie Sinologen sind zum Beispiel, sie Kooperation oder Forschungen, Feldforschung vor Ort, Untersuchungen in der Volksrepublik China machen, sie das nicht so machen können, wie Chinesen das zum Beispiel hierzulande tun können, sondern sie müssen zusammenarbeiten mit chinesischen Stellen. Das sind häufig auch Unterabteilungen des Zentralkomitees. Und jeder weiß, was passiert, wenn man zu einem Vortrag des Dalai-Lamas geht zum Beispiel. Es gibt Universitätsleitungen in Deutschland, die dort nicht hingehen. Warum nicht, die sagen das auch so: Weil sie befürchten, dass dann die Kooperationen darunter leiden. Das ist nicht in Ordnung aus meiner Sicht. Hier muss man seine Selbstständigkeit und Unabhängigkeit bewahren. So sind die Universitäten doch mal entstanden in Europa im 12. Jahrhundert, als unabhängige Einrichtungen.

Kassel: Aber ich will als Beispiel Michael Lackner zitieren, er ist Sinologe in Nürnberg-Erlangen, an der dortigen sinologischen Fakultät, und gleichzeitig aber auch zweiter Vorsitzender des Konfuzius-Instituts an dieser Uni. Einerseits bestreitet der nicht, was Sie gerade auch gesagt haben: Sie haben den Dalai-Lama erwähnt und Michael Lackner hat mal sinngemäß gesagt, dass das Konfuzius-Institut auch für ihn nicht der richtige Ort ist, um - Zitat - "über Tibet, Taiwan und das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu diskutieren" - Zitat Ende -, hat aber dann als weitere Antwort auf diese Frage gesagt, ich tue das dort auch nicht, aber ich gehe dann einfach rüber in mein sinologisches Institut und dort kann ich ganz frei reden und diskutieren. Glauben Sie nicht, dass diese Trennung gelingt?

Rudolph: Wenn er das tut, mal gucken, was am Konfuzius-Institut passiert in diesem Jahr, wenn die ersten Unterlagen und Materialien, die die chinesische Staatsagentur angekündigt hat, zu Tibet rauskommen, mit denen explizit auch die Konfuzius-Institute versorgt werden sollen. Auch die anderen Materialien zu dieser vorhin kurz umrissenen Kulturvermittlung, die werden ja dort ausliegen, die kommen aus der Volksrepublik China. Und dann kann man ja mal gucken, was da drin steht über Tibet oder über Sinkiang oder über andere Dinge. Ich glaube, dann sollte man vielleicht doch über das ein oder andere reden. Wenn man das übrigens kann an den Instituten, dann wäre das sicherlich ein Fortschritt.

Kassel: Wir reden in Deutschlandradio Kultur mit dem Sinologen Jörg-Meinhard Rudolph, er ist Dozent am Ostasieninstitut der Fachhochschule Ludwigshafen. Wir reden über die sogenannten Konfuzius-Institute, chinesische Kulturinstitute, die in der Regel - nicht absolut immer, aber in der Regel - an örtliche Hochschulen in Deutschland, an elf verschiedenen Universitäten und einer Fachhochschule angesiedelt sind. Wenn jemand versuchen würde, an der Fachhochschule Ludwigshafen so etwas anzusiedeln, würden Sie sagen, das geht irgendwie? Oder wäre das ein Grund zu sagen, dann kann ich hier nicht mehr arbeiten?

Rudolph: Ich würde das nicht tun aus den Gründen, die ich genannt habe. Man macht sich abhängig. Es gibt hier diese schöne, alte Erkenntnis, wes' Brot ich ess' oder wes' Geld ich nehm', des' Lied ich sing. Und aus diesem Grund würde ich auf keinen Fall das tun. Ich trete ja gerade dafür ein, dass das getrennt wird. Wenn die Chinesen diese Institute haben wollen, auch die KP meinetwegen, dann sollen sie das doch machen. Und die Sinologen, die das gerne machen wollen, die können kündigen an der Universität und sich da einstellen lassen. Kein Problem, kann man sich trotzdem mit auseinandersetzen.

Aber diese Vermischung und diese dann augenzwinkernd genannte Trennung - hier beim Institut, in meinen sinologischen Abteilungen mache ich dies und woanders mache ich das -, Herr Lackner weiß das ... Weiß ich nicht, ob er das so gut zu trennen weiß, wie er das gesagt hat. Ich kenne Aussagen von China-Leuten, von Sinologen, die ganz klar sagten: Meine Publikation, die für China vorgesehen ist, da musste ich einige Änderungen vornehmen oder sollte ich einige Änderungen vornehmen, und auf meinen Frage, haben Sie das etwa gemacht, heißt es dann, ja, natürlich, sonst wäre es ja nicht veröffentlicht worden! Das ist die Situation, in der die Leute sind. Die wissen genau, dass sie es mit einer Autokratie zu tun haben, die, ohne mit der Wimper zu zucken, sie von Forschungsunternehmungen oder selbst vom Besuch dieses Landes ausschließen kann, und die verhalten sich dann entsprechend. Und das ist nicht gut, deswegen sollte man solche Kooperationen, solche Joint Ventures in diesem Bereich nicht machen, sondern die Volksrepublik China ihre Soft-power-Offensive alleine durchführen lassen.

Kassel: Aber manch ein Wissenschaftler sagt auch: Wenn ich mit der Volksrepublik China überhaupt nicht zusammenarbeite, werde ich erst recht in meiner Arbeit blockiert, dann kann ich da nicht hin, dann kann ich gewisse Gespräche nicht mehr führen, gewisse Forschungen nicht mehr durchführen!

Rudolph: Ich denke, dass man das doch kann und dass man schon für die Unabhängigkeit und Freiheit eintreten soll, und zwar offensiv eintreten soll. Denn wenn man es nicht tut, dann überlässt man den Kulturkämpfern in Peking das Feld, die sich ja nun ganz offen mittlerweile weltweit positionieren als jemand, der von Gewaltenteilung und von Organisations- und Meinungs- und Redefreiheit nichts weiter hält. Hier wird ein regelrechter Kulturkampf begonnen, hat hier begonnen und wird geführt werden und wird sicher auch weitergehen. Und ich finde, an erster Stelle sollte man sehen, dass man sich damit auseinandersetzt, und nicht, dass man da nun unbedingt hinfahren muss.

Kassel: Die Präsenz der Konfuzius-Institute in Deutschland und die Zusammenarbeit mit diesen Instituten, hat das in Ihren Augen schon wirklich praktische Folgen gehabt? Es gibt ja gelegentlich in den Medien den Vorwurf, dass deutsche Sinologen sich selten einmischen, wenn es zum Beispiel um Debatten hier in Deutschland geht, um Debatten darum, wie die Volksrepublik mit Regimegegnern umgeht.

Rudolph: Da halten sie sich zurück, das ist wahr, das habe ich selbst erlebt, als vor zwei Jahren der Friedensnobelpreis an Liu Xiaobo über ... , also, gegangen ist ...

Kassel: ... verliehen wurde, ja ...

Rudolph: ... , da hatte ich einige Gespräche mit Kollegen von Ihnen und da war nicht selten der Ausruf, wenn ich mich meldete und sagte, ja, können wir gerne drüber sprechen: Endlich mal einer, der darüber reden will! - Ja, das kann man schon sagen, dass da eine große Zurückhaltung ist. Also, es ist natürlich ein größeres Thema, was die deutsche Sinologie da macht und liefert für die Fragen, die vielfach hier in der Öffentlichkeit ganz vorne stehen, auch derzeit, ich glaube, ist nicht allzu viel. Mich stört zum Beispiel immer - da bin ich natürlich auch nicht so ganz unschuldig -, dass die großen China-Bestseller in diesem Lande, die als Bücher gut verkauft worden sind, allesamt von Leuten worden geschrieben sind, die nicht mal eine chinesische Zeitung lesen können. Und das führe ich schon auf ein gewisses Versagen der Sinologie zurück.

Kassel: Dann will ich Ihnen jetzt die Zeit lassen, sich hinzusetzen und den nächsten China-Bestseller vorzubereiten!

Rudolph: Okay!

Kassel: Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch! Der Sinologe Jörg-Meinhard Rudolph war das, er ist Dozent am Ostasieninstitut der Fachhochschule Ludwigshafen und wir haben mit ihm über die Rolle der chinesischen Konfuzius-Institute in Deutschland gesprochen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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