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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.07.2009

Sinnsuche im Buddhismus

Stephan Kulle: "40 Tage im Kloster des Dalai Lama", Scherz-Verlag, Frankfurt am Main 2009, 396 Seiten

Auf dem östlichen Weg: Stephan Kulle besuchte das Kloster des Dalai Lama. (AP)
Auf dem östlichen Weg: Stephan Kulle besuchte das Kloster des Dalai Lama. (AP)

Der Nachrichtenjournalist und Theologe Stephan Kulle zieht sich für 40 Tage ins buddhistische Kloster zurück. Dort lernt er, dass Milde und Mitgefühl nicht nur schwache Eigenschaften sind, sondern auch zu mehr Durchsetzungsfähigkeit führen können.

Hat man noch in Erinnerung, dass Stephan Kulle jener junge katholische Theologe und ZDF-Journalist ist, der bei der Papstwahl am 18. April 2005 vier Minuten früher als alle anderen den Namen "Josef Ratzinger" auf seinem Handy hatte und prompt ein Buch mit dem Titel "Papa Benedikt" schrieb - dann begegnet man seinem neuesten Elaborat mit Skepsis. Wird das ein Dalai-Lama-Verriss, eine enthüllend-ernüchternde Buddhistenschelte? Oder, im Gegenteil, die glühende Bekehrungsgeschichte eines zum Buddhismus konvertierenden Katholiken?

Die gute Nachricht zuerst: Es ist beides nicht. Es ist sogar völlig frei von Journalisteneitelkeit im Scholl-Latour-Stil: "Ich und die Mächtigen tete-a-tete". Sondern es ist ein interessanter und bisweilen anrührender Reisebericht über 40 Tage in McLeodganj, dem oberen Stadtteil von Dharamsala, Nordindien. Im eigentlichen Kloster des Dalai Lama wohnte Kulle nämlich nur die kürzeste Zeit und ein Gespräch mit dem Religionsführer fand wegen dessen Gallenstein-OP gar nicht statt.

Frustriert vom Gestank der kanalisationsfreien, heruntergekommenen Stadt und der ärmlichen "Unheiligkeit" sakraler Gebäude wird Stephan Kulle schon kurz nach seiner Ankunft von einem "Mönch mit honigbraunen Augen voll Tiefgründigkeit und Fröhlichkeit" gefragt, was er jetzt zu tun und in seinem Leben zu ändern gedenke - eine mystische Begegnung, wie sich im Laufe des Buches herausgestellt. Mönch Tharpa Gyaltsen ist nämlich schon lange tot.

Als er einem zehnjährigen Kind den MP3-Player aufsetzt mit dem "Sonnengesang des Franz von Assisi", da zeigt der kleine Tibeter auf die Sonne, obwohl er kein Italienisch und Franco Zeffirellis Filmmusik aus dem Jahre 1972 nicht kennen kann. Als ein alter Mönch zu mehreren Treffen meist eine Orchideen- oder Hibiskusblüte mitbringt, dann aber einen Stein - da erfährt Stephan Kulle kurz darauf, dass der Greis gestorben ist und dies seine Abschiedsgeste war.

Theologisch und philosophisch wichtige Gespräche führt Stephan Kulle auch: Mit der Nummer drei der tibetischen Lama-Hierarchie, dem "Karmapa" zum Beispiel, über die Auferstehung Jesu Christi ("Ja, das ist möglich, sagt ein Buddhist als Erstes? Ich schätze, in Deutschland würden weit weniger als zehn Prozent so locker und trocken das fundamentalste Glaubensgut der christlichen Kirchen bestätigen."), über die Frage nach Gottes Gerechtigkeit in einer Welt voll Leid ("Die Frucht folgt der Saat, wenn unsere Taten in früheren oder in diesem Leben schlecht waren.") und über den Kernpunkt beider Religionen ("Worauf kommt es an?", fragte ich nach. "Auf bedingungslose Liebe", rief er aus, "und: sich selbst zu lieben!").

Politisch wichtige Begegnungen hat Stephan Kulle - von gewaltbereiten jungen Widerstandskämpfern bis zu hohen Ministern der Exilregierung. Und sozial wie kulturell wichtige Eindrücke nimmt er ebenfalls mit - von betagten Folteropfern bis zu frisch ankommenden Flüchtlingskindern. Aber das alles ist ihm und seinem Buch nicht das Wichtigste, sondern: seine sich allmählich verändernde Prioritätenliste für das, was wichtig ist.

Als strammer Nachrichtenmann kann er diesen Prozess ohne esoterische Floskeln oder das typische Selbsterfahrungs-Geraune beschreiben. Er unterteilt seine knapp 400 Seiten in 118 launig übertitelte Kurzkapitel und bleibt dadurch, trotz gelegentlicher Weitschweifigkeiten, durchgängig unterhaltsam-nachdenklich:

"Ich habe an mir beobachtet, dass ich weicher und sensibler geworden bin. Weich zu sein ist schwierig, denn es bedeutet, nicht hart genug fürs Business und die Karriere zu sein. Was kann eine milde Reaktion dem Neid, der Machtgier und dem Profitstreben entgegensetzen? Milde gilt als zu schwach und ist nur bei denen gefragt, die gestürzt sind oder gestürzt wurden."

Milde und Mitgefühl als starke, sogar durchsetzungsfähige Eigenschaften wertschätzen lernen - das ist sicher nicht zu wenig für 40 Tage und 400 Seiten rund um das Kloster des Dalai Lama.

Besprochen von Andreas Malessa

Stephan Kulle: 40 Tage im Kloster des Dalai Lama
Scherz-Verlag S.Fischer, Frankfurt am Main 2009
396 Seiten, 19,95 Euro

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