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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.02.2006

Sinnenfreudige Epoche

Ruth Mazo Karras untersucht "Sexualität im Mittelalter"

Rezensiert von Lutz Bunk

Das Mittelalter war längst nicht so "finster", wie manche glauben. (AP)
Das Mittelalter war längst nicht so "finster", wie manche glauben. (AP)

Den meisten Menschen fällt bei dem Wort Mittelalter wahrscheinlich ein Begriff ein: "das finstere Mittelalter". Wie aber erlebten die Menschen dieser Zeit eigentlich die Sexualität? Dieser Frage ist die US-amerikanische Mittelalter-Forscherin Ruth Mazo Karras nachgegangen in ihrem Sachbuch "Sexualität" im Mittelalter". Ruth Karras ist Professorin an der University of Minnesota.

Auf dem Cover des Buches prangt eine mittelalterliche Badeszene von der Qualität eines Soft-Pornos, und die Badehäuser, die wir von so hübschen mittelalterlichen Bildern kennen, waren schlicht Bordelle. Das Mittelalter, so stellt es Autorin Karras klar, war eine Zeit, in der es die Kirche noch nicht geschafft hatte, die Sexualität vollkommen zu verteufeln.

Ein Kompliment an die Autorin, die angesichts dieser heterogenen Riesen-Epoche die Übersicht behalten und es geschafft hat, literarhistorische, geopolitische, medizinische, klimatologische und psychologische Aspekte zu verbinden und damit Geschichte plastisch, real erlebbar zu machen. Und Ruth Karras betrachtet nicht nur allein die christlichen, sondern auch noch die jüdischen und islamischen Vorstellungen von Sexualität im Mittelalter.

Das Buch besteht aus sechs Hauptteilen: Keuschheits-Gedanke, ehelicher Geschlechtsverkehr, Frauen und Männer außerhalb der Ehe und Sexualität im Vergleich: Mittelalter und heute.

Und es ist eine wahre Fundgrube: Da werden namentlich die Methoden, meist Kräuter und Pflanzen, aufgezählt, die empfängnisverhütende Wirkung haben, oder Hausmittel, um den Trieb eines Mannes zu dämpfen oder auszuschalten.

Der Autorin gelingt es, stets konkret zu bleiben, und sie hat Berge von Quellen gesammelt, die sie als Zeugnisse zitiert, wie Prozessakten etc. Und anhand dieser Quellen erfahren wir, dass Europa im Mittelalter eigentlich geteilt war: In Nordeuropa, Nordfrankreich und England wurde Sexualität traditionell offener gehandhabt, während der Rest von Europa eindeutig von der ideologischen Lustfeindlichkeit der katholischen Kirche beherrscht wurde.

Während wir auf der anderen Seite erfahren, dass ein Sexverbot für Priester erst ab dem 12. Jahrhundert langsam zu einem Thema wurde. Bis dahin hieß es: Lust ist schlecht, Sex ist okay.

Überraschendes, das das Bild auf den Kopf stellen wird, das viele vom Mittelalter haben, und präzise Wissenschaftlichkeit zeichnen dieses Buch aus, zusammen mit einer enormen Materialsammlung an Texten. Da muss man als Leser schon Zeit und Lust und Liebe mitbringen, um sich wirklich durchzuarbeiten.

Aber man kann auch einfach einzelne Unterkapitel aufblättern und sich ergötzen an Text-Beispielen, wo in wundervoll lyrischer Sprache und oft sehr lustig übers "Vögeln" gesprochen wird, oder man stöbert in den Anmerkungen des Buches und stößt plötzlich auf US-amerikanische Gerichtsprozesse, in denen, getreu den Traditionen des Mittelalters, in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts noch darüber diskutiert wurde, ob vergewaltigte Frauen schwanger werden können, ohne Lust zu empfinden. "Sexualität im Mittelalter" ist ein spannendes Buch, ein Buch, das längst überfällig war.


Ruth Mazo Karras: "Sexualität im Mittelalter"
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Wolfgang Hartung.
Patmos Verlag 2006.
346 Seiten mit zahlreichen Bilddokumenten, 24,90 €.

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