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"Simon"

Schwedisches Familienepos in der Zeit des Faschismus

Von Hannelore Heider

Bill Skarsgård und Jan Josef Liefers in einer Szene von "Simon"
Bill Skarsgård und Jan Josef Liefers in einer Szene von "Simon" (farbfilm verleih FFV/SKF/Roeder)

Der beginnende Zweite Weltkrieg verändert auch die Lebensläufe zweier Familien in der scheinbaren Idylle von Südschweden dramatisch. Die Verfilmung des Bestsellers erzählt von einem Wunschvater und einem Wunschsohn und der Tragik des Ausgestoßenseins.

"Simon" ist die in fruchtbarer Koproduktion entstandene Verfilmung des Bestsellerromans der schwedischen Autorin Marianne Fredriksson. In epischer Breite und dramatischen Verknüpfungen erzählt er die Geschichte zweier Familien über den Zeitraum von zehn Jahren, beginnend mit dem Jahr 1939. Es wird, obwohl die Larssons und die Lentovs in Südschweden in der Nähe von Göteborg leben, also von Krieg und Faschismus erzählt und wie dramatisch sie die Lebensläufe normaler Menschen auch in dieser scheinbaren Idylle bestimmt haben.

Denn der titelgebende schwedische Junge Simon (Bill Skarsgard) hat deutsche und jüdische Wurzeln wie sein Schulfreund Isaak (Karl Linnertrop), der mit seinen Eltern noch rechtzeitig aus Deutschland emigriert ist. Die Handlung beginnt als Schulfreundschaft zweier Außenseiter, aber wichtiger noch wird Simons enge Verbindung mit Isaaks Vater Ruben, einem auch in Schweden wieder erfolgreichen jüdischen Buchhändler (Jan Josef Liefers). Er nimmt sich des aufgeweckten Simon an, der sein Interesse an Geschichte, Musik und Literatur auf dem Bauernhof seiner Familie nicht ausleben kann.

Es geht um Väter und Söhne, um Selbstfindung und die Tragik des Ausgestoßenseins, denn als der kleine Jude Isaak in der deutlich pro-faschistischen Atmosphäre der schwedischen Gesellschaft nicht mehr zur Schule gehen mag, nehmen ihn die Larssons an Eltern statt auf ihren Hof.

Die schwierige Verbindung von Wunschvätern und Wunschsöhnen wäre als Thema wahrlich genug für einen ganzen Film. Aber der in 25 Sprachen übersetzte bekannte Roman erzählt ja noch vieles mehr und die nun verfilmte 18. Drehbuchfassung offenbart die Schwierigkeit, all die Handlungsstränge in einer akzeptablen Spielfilmlänge unterzubringen. Dies gelingt dann auch nur skizzenhaft und das bekommt den tragischen Schicksalen so gar nicht. Man kann nicht nur "andeuten", wie eine jüdische Frau, die Ehefrau Ruben Lentows, irre wird an ihrem Schicksal oder ein junges Mädchen (Katharina Schüttler als Lentovs Nichte Iza) die Vergewaltigungen im KZ nie verwinden wird.

Alles über die Kerngeschichte um Simon hinaus Erzählte wirkt plakativ, ebenso die Versuche, die märchenhafte Struktur des Romans ins Visuelle zu übertragen. Das ist umso bedauerlicher, als Jan Josef Liefers und Bill Skarsgard als erwachsener Simon berührende Filmhelden spielen.

Jan Josef Liefers prägt sich nachdrücklich ein als kluger, liebevoller Mann, der die Überforderungen durch die Zeitläufe würdevoll zu bewältigen sucht. Er lebt mit einer Frau, die er nicht liebt aber schützt, er verliebt sich und scheitert wieder, er ist ein selbstloser Vater für seinen eigenen und ein wirklicher Vater für den Wunschsohn, dem er in einer dramatischen Identitätskrise helfen kann. Ihm allein und seiner Präsenz ist es zu verdanken, dass der Zuschauer nicht gänzlich das Interesse an diesem ausufernden Familien- und Geschichtsepos verliert.

BRD, Schweden, Dänemark 2011, Regie: Lisa Ohlin, Hauptdarsteller: Bill Skarsgard, Helen Sjöholm, Stefan Gödike, Jan Josef Liefers, Karl Linnertorp, Katharina Schüttler, 122 Minuten, ab 12 Jahren

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