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Lesart | Beitrag vom 18.01.2016

Silja Ukena: "Der Eismann"Mehr als Psychomord und Madenfraß

Silja Ukena im Gespräch mit Jörg Magenau

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Die Autorin Silja Ukena im Funkhaus von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio / Matthias Horn)
Silja Ukena im Funkhaus von Deutschlandradio Kultur: Schöpferin von Kommissar Bruno Kahn (Deutschlandradio / Matthias Horn)

"Der Eismann" ist einer der empfehlenswerten, deutschsprachigen Krimis der Saison. Dabei ist die Autorin Silja Ukena selbst gar keine Expertin für das Genre. Ihre Hauptperson, Kommissar Bruno Kahn, hat sie als sympathischen "Grantler" gezeichnet.

Die Journalistin und Literaturkritikerin Silja Ukena hat für ihr Debüt einen Protagonisten mit einer interessanten Hintergrundgeschichte entwickelt. Der 48-jährige Hauptkommissar Bruno Kahn war in den 70er-Jahren als Student in Paris in eine Frau verliebt, die als Terroristin an einem Bombenanschlag beteiligt war. Er musste daraufhin Frankreich für immer verlassen.

Die Erinnerung an seine verlorene Wahlheimat hängt ihm bis heute nach. Bruno Kahn lebt im Grunde genommen in der Vergangenheit - und ist auch nach vielen Jahren in Berlin eigentlich nie richtig angekommen.

Kommissar Kahn bewegt sich in der Stadt, als ob er sich verlaufen will

Er wohnt allein in Berlin-Mitte, und wenn er das Haus verlässt, bewegt er sich in der Stadt wie ein Flaneur - schon der morgendliche Weg zur Arbeit ist eher ein Versuch, sich in der Stadt zu verlaufen, als irgendwo anzukommen.

Silja Unkena nennt ihn im Interview mit Deutschlandradio Kultur einen "Grantler": nicht mit sich und der Welt im Reinen, immer wieder unfreundlich, aber im Grunde mit einem guten Herz ausgestattet.

Kahn ist mitten im Berliner Winter mit zwei, später drei Mordfällen im Ostteil der Stadt befasst. Es scheint zwischen ihnen eine Verbindung zu geben, die weit in der Vergangenheit liegt – und zwar in den 1950er-Jahren, als die Stasi unliebsame DDR-Bürger in einem Untersuchungsgefängnis in Hohenschönhausen unter grausamen Bedingungen wegsperrte und folterte.

Einfach nur einen Kriminalfall erzählen: Das wäre ihr zu wenig gewesen

Die Geschichte selbst spielt 50 Jahre später, im Jahr 2005, und das aus zwei Gründen. Zum einen, weil das Alter der Figuren es erfordert habe, sagt Ukena. Zum anderen, weil sie selbst in jenem Jahr nach Berlin gezogen sei – und aus "nostalgischen Gründen" dorthin zurückkehren wollte.

Ukena hat mit dem "Eismann" auch versucht, Berlin als "Landschaft" zu beschreiben, wie sie sagt. Einfach nur ein Kriminalfall wäre ihre zu wenig gewesen: Ein Buch müsse mehr bieten als die Jagd nach dem psychopathischen Mörder und die "detaillierte Beschreibung von Madenfraß".

Vielleicht war es ja sogar ein Vorteil, dass Ukena selbst keine passionierte Krimi-Leserin ist – und vor dem Schreiben nach eigenen Angaben auch nicht geguckt hat, wie es andere Autoren machen. Spaß hatte sie offenbar beim Schreiben: Ein zweiter Kahn-Fall ist bereits in Arbeit.

Silja Ukena: Der Eismann
Blanvalet 2015
384 Seiten, 19,99 Euro

 

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