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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.10.2013

"Sie wissen nicht mehr, wie es weitergeht"

Amill Gorgis über die Situation syrischer Flüchtlinge im Libanon

Moderation: Joachim Scholl

Syrische Flüchtlinge im Nordlibanon. (picture alliance / dpa / David Enders)
Syrische Flüchtlinge im Nordlibanon. (picture alliance / dpa / David Enders)

Die Situation der syrischen Flüchtlinge im Libanon sei ein "Albtraum", sagt der Ökumene-Beauftragte der Syrisch Orthodoxen Kirche Berlins, Amill Gorgis. Enge Wohnverhältnisse, Armut und die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder, die von den staatlichen Schulen nicht aufgenommen werden, belaste die Familien.

Joachim Scholl: Über eine Million Menschen sind seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien aus dem Land geflohen, viele von ihnen in den Libanon, der diesem Flüchtlingsstrom kaum gewachsen ist. In die Region ist kürzlich Amill Gorgis gereist. Er ist gebürtiger Syrer, heute längst deutscher Staatsbürger, lebt seit 1970 in Berlin und ist der Ökumene-Beauftragte der Syrisch Orthodoxen Kirche Berlins. Willkommen im Deutschlandradio Kultur, Herr Gorgis!

Amill Gorgis: Ja, guten Tag!

Scholl: Wie ist die Lage der Flüchtlinge im Libanon, Herr Gorgis, wie haben Sie die Situation erlebt?

Gorgis: Allgemein kann man sagen, wenn die Menschen, die Flüchtlinge, die Uhr zurückdrehen könnten, würden sie sie zurückdrehen wollen. Für alle ist die Situation wie ein Alptraum, man kann es wirklich an den Gesichtern erkennen. Die Ratlosigkeit ist groß, teilweise eine Abwesenheit, tiefe Abwesenheit. Man merkt wirklich, dass man ihnen die Seele gestohlen hat.

Scholl: Werden denn die Menschen ausreichend versorgt wenigstens?

Gorgis: Ausreichend kann man nicht sagen. Ich habe leider nicht alle Flüchtlinge sehen können, ich habe nur die Christen, die aus Syrien geflüchtet sind, aufgesucht. Und dort ist mir einiges aufgefallen. Es sind einige, die in privaten Unterkünften untergekommen sind. Die Kinder können nicht zur Schule geschickt werden, weil das Schulgeld viel Geld kostet, in die staatlichen Schulen können die Kinder nicht eingeschult werden, und die privaten Schulen verlangen viel Geld, was die Familien nicht aufbringen können. Es gab einige Familien, die hatten vier Kinder, und sie haben das ganze Geld zusammengebracht, um wenigstens ein Kind zur Schule zu schicken. Ich habe Familien gesehen, die zu sechs oder sieben in Ein-Zimmer-Wohnungen leben. Es gab auch Menschen, die in Syrien gut versorgt waren, wohlhabend, und jetzt in ganz erbärmlichen Verhältnissen leben.

Scholl: Diese speziell syrischen Christen, die Sie getroffen und gesprochen haben, vor welcher Bedrohung sind die geflüchtet?

Gorgis: Für sie ist es eine Situation, mit der sie gar nichts anfangen können. Ihre Kinder sind bedroht, einige wurden entführt. Und aus Angst, dass ihre Mädchen entführt werden können, sind sie einfach aus dem Land geflüchtet. Sie waren sich ihres Lebens nicht mehr sicher, besonders ihrer Kinder. Sie haben gedacht, dass der Libanon eine Zwischenstation für sie ist, und vorn dort können sie vielleicht sich ins Ausland retten, um die Zukunft ihrer Kinder nicht zu verspielen. Leider ist aus diesem Traum nichts geworden. Was sie hatten, haben sie verkauft, und mussten für mehrere Monate davon leben, jetzt bricht eine Ratlosigkeit ein, wo sie wirklich nicht mehr wissen, wie es weitergeht.

Scholl: Vor wem sind sie genau geflüchtet, wer hat ihre Kinder bedroht? Sind das die islamistischen Milizen?

"Christen wurden von Assad nicht bevorzugt"

Gorgis: Das ist eindeutig der Fall. Ich muss wirklich sagen zur Situation der Christen, sie stecken zwischen zwei Mühlsteinen. Auf der einen Seite ist das die Regierung, sie verlangt von denen Loyalität, weil sie sagen, unter uns habt ihr keine Benachteiligung erfahren. Ich muss wirklich hier an dieser Stelle sagen, in der Presse ist hier zu lesen, dass die Christen unter Assad bevorzugt waren. Das muss ich eindeutig verneinen, die Christen wurden nicht bevorzugt, sie wurden nicht benachteiligt, das ist ein Unterschied. Das heißt, sie wurden gleichberechtigt wie die Muslime behandelt, aber wenn ein Christ kritisch war beziehungsweise sich einer organisierten Opposition angeschlossen hat, dann wurde er genauso wie ein anderer benachteiligt und nicht bevorzugt oder was auch immer.

Also, insofern muss man sagen, dass die Regierung auf der einen Seite verlangt, dass die Christen loyal stehen und auch an ihrer Seite kämpfen, was viele Christen ablehnen. Sie lehnen Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung ab und sie ächten die Gewalt. Auf der anderen Seite ist die Opposition, die verlangt, dass die Christen sich auf die Seite der Opposition schlagen und gegen die Regierung kämpfen. Die Christen sagen, wir sind für Veränderung, aber gewaltlos, und wir sehen, dass dieser Weg, der mit Gewalt verbunden ist, dass eine Zerstörung noch mehr Zerstörung bringt, Gewalt noch mehr Gewalt bringt, und das ist keine Lösung, um eine Veränderung für das Land herbeizurufen.

Scholl: Zur Lage der syrischen Christen sind wir hier im Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit Amill Gorgis von der Syrisch Orthodoxen Kirche Berlins. Etwa zehn Prozent der syrischen Bevölkerung, Herr Gorgis, sind christlichen Glaubens. Sie haben jetzt schon die Situation zwischen den Mühlsteinen beschrieben in der gegenwärtigen Situation. Welche Rolle, welche Bedeutung haben denn die christlichen Syrer vor dem Krieg in Syrien gehabt?

Gorgis: Die Christen, auch wenn sie zahlenmäßig klein sind, so lehnen sie es ab, als Minderheit bezeichnet zu werden. Weil sie nicht zugereist sind, sie sind ursprüngliche Bewohner des Landes und sie haben das Land mit aufgebaut. Überproportional haben sie eine gute Bildung und sind in handwerklichen Berufen gut vertreten. Insofern haben sie zum Aufbau des Landes einen großen Beitrag geleistet, nicht nur in technischen Dingen, sondern auch die moderne arabische Literatur ist ohne den Beitrag der Christen gar nicht denkbar.

"Bildung ist die einzige Chance für die Christen sich zu behaupten"

Und Bildung spielt eine große Rolle für die Christen. Was wir jetzt im Augenblick sehen durch diese zwei, drei Jahre Krieg: Viele Familien können es sich nicht mehr leisten, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Und das bedeutet, dass wir eine Generation bekommen, die von der Bildung abgeschnitten wird. Aber die Bildung ist die einzige Chance für die Christen, sich in dieser Gesellschaft überhaupt behaupten zu können, oder dass sie brauchbar werden.

Und man sieht auch, dass jetzt verstärkt das Christentum in Syrien das Ziel ist, gerade bei islamistischen Gruppen. Es gibt an der Zahl, glaube ich, vier oder fünf Gruppen, Al Kaida, Al Nusra, [unverständlich], und Ähnliches. Deren Ziel ist, eine islamische Republik in Syrien zu errichten und die Christen aus dem Land zu verjagen, beziehungsweise diejenigen, die bleiben, zu zwingen, dass sie auch zum Islam konvertieren. Das ist eine Situation, die die Christen gar nicht akzeptieren können, beziehungsweise wo sie sich nicht wohlfühlen können.

Scholl: Deutschland hat die ersten 5000 syrischen Flüchtlinge aufgenommen, man will noch mehr aufnehmen, wurde zumindest angekündigt. Was sagen denn die syrischstämmigen Familien in Deutschland, zu denen Sie Kontakt haben, Herr Gorgis, zur deutschen Syrien-Politik? Erhofft man sich da noch mehr Unterstützung, auch gerade für die syrischen Christen?

Gorgis: Wir wollen gar nicht, dass die Christen aus diesem Land ausreisen. Aber für manche Familien ist die Lage sehr schwierig. Sie sind jetzt in eine Ausweglosigkeit geraten, das heißt, sie können weder ins Land zurück, noch können sie im Ausland leben. Und für diese Familien wünschen wir uns, dass sie hier aufgenommen werden, zumal sie hier Verwandte in Deutschland haben. Die Hürden sind allerdings sehr groß. Viele Familien sind bereit, sie in ihrer Wohnung aufzunehmen, sie zu begleiten für die ersten Monate, dass sie auch schnell Deutsch lernen können, bis sie eine Arbeitsstelle finden.

Aber für eine fünfköpfige Familie zum Beispiel die Krankenversicherung zu bezahlen, ist für manche Verwandte hier auch nicht gerade so einfach. Also, da hätten wir uns mehr Unterstützung gewünscht. Allerdings wünschen wir auch mehr Unterstützung für diejenigen, die dort geblieben sind. Also, ich denke an Einrichtungen wie die Schulen. Ich war ja gerade im Libanon, da hat mir der Schuldirektor gesagt, er hat jetzt 75 syrische Flüchtlinge, die er gerne aufnehmen würde, aber der Beitrag eines jeden Schülers kostet 1000 Dollar. Das sind 75.000 Dollar, das ist für die Leute dort sehr viel Geld.

"Eine Rakete abschießen oder 75 Kindern helfen?"

Aber jetzt vergleichen wir das mal: Eine Rakete, wenn sie geschossen wird, kostet gerade mal so viel! Das heißt, was ist besser: Für die Zukunft von 75 Kindern zu sorgen, sie zu unterstützen, oder eine Rakete zu kaufen, die nur noch geeignet ist, Menschenleben auszulöschen oder Einrichtungen zu zerstören? Ich bin dafür, dass man mehr und mehr guckt, wie man solche Einrichtungen, die Säulen eines Fundaments sind, dass sie gestärkt werden, dass das Fundament nicht zusammenbricht, und dass später die Menschen etwas haben, worauf sie aufbauen können. Das gilt für die Flüchtlinge im Libanon, also dass man dort private Schulen unterstützt, das gilt aber auch für die Schulen und Krankenhäuser und Altersheime in den Städten Syriens, dass man dort finanziell sie unterstützt und nicht alleine lässt.

Scholl: Amill Gorgis von der Syrisch Orthodoxen Kirche Berlins, er hat Flüchtlinge, syrische Christen im Libanon gesprochen und besucht. Wir danken für Ihren Besuch, Herr Gorgis!

Gorgis: Bitte schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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