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Thema / Archiv | Beitrag vom 15.10.2012

"Sie hatte Menschen eigentlich nicht gern"

Michael C. Blumenthal hat sein Buch über die Tierschützerin Rita Miljo auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt

Moderation: Dieter Kassel

Warum Rita Milja sich ausgerechnet um Paviane kümmerte? "Weil niemand sie liebt", sagt Blumenthal.
Warum Rita Milja sich ausgerechnet um Paviane kümmerte? "Weil niemand sie liebt", sagt Blumenthal. (picture alliance / dpa)

Seine Faszination für Affen habe ihn eigentlich nach Südafrika geführt, in die Pavian-Aufzuchtstation von Rita Miljo. Der jüdische Schriftsteller Michael C. Blumenthal schrieb dann aber ein Porträt über die aus Deutschland stammende Tierschützerin, die im Juli gestorben ist: "Zum Affen werden".

Dieter Kassel: Michael Blumenthal ist Schriftsteller, bekannt vor allem für seine Lyrik. Er lebt in New York und sieht dort gelegentlich fern. Und als er im Fernsehen eine Dokumentation über die aus Deutschland stammende Rita Miljo sah, die in Südafrika jahrzehntelang eine Pavianaufzuchtstation betrieb, da war er so fasziniert, dass er sofort zum Telefon griff. Kurze Zeit später verbrachte Blumenthal dann mehrere Monate mit Rita Miljo im afrikanischen Busch. Entstanden ist so das Buch "Zum Affen werden", und dieses Buch hat Blumenthal auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Bei dieser Gelegenheit konnte ich am Freitag mit ihm reden, und ich habe ihn als erstes gefragt, was ihn denn so sehr an dieser Frau und ihrer Arbeit fasziniert hat, dass er am liebsten sofort aufbrechen wollte?

Michael C. Blumenthal: Ich hatte schon eine lange Begeisterung mit Affen und bin viel gereist, habe alles gelesen über Affen, und als ich dieses Programm sah "Animal Planet" und längere Interviews mit Rita Miljo - erstens habe ich gemerkt, dass sie deutsch ist, und es hat mich so begeistert, dieser Platz, wo man wirklich die Tiere angreifen konnte und mit denen handeln irgendwie, was man meistens als freier Arbeiter nicht tun kann so. Ich habe sie einfach angerufen. Sie hat mich irgendwie begeistert. Vielleicht dachte ich an meine Großmutter, oder aber es war etwas an ihr, das mich so erinnerte ein bisschen an Georgia O'Keeffe, die Malerin, oder Leni Riefenstahl, sie hatte so eine Stärke und sie war so eine mutige Frau, und es war etwas reizvoll an ihr. Und so habe ich einfach angerufen.

Kassel: Wie war denn ihre Reaktion am Telefon?

Blumenthal: Sie war sehr lieb. Wir haben eigentlich meistens englisch gesprochen und dann deutsch, und dann habe ich einfach gefragt, könnte ich mal einen Monat lang kommen, um mit Ihnen zu arbeiten? Und sie sagte, ja, gerne. Sie war sehr freundlich und offen, und ein paar Monate später war ich dort, in Südafrika.

Kassel: Sie haben gesagt, es war ihr schon sehr lang existierendes Interesse an Affen, an den Pavianen, die sie dort betreut hat. Heißt das, als Sie nach Südafrika geflogen sind, um die Station C.A.R.E. zu besuchen und um die Frau zu treffen, da war Ihnen noch gar nicht klar, dass Sie irgendwann ein paar Jahre später ein Buch schreiben würden, das letzten Endes eine Art Porträt von dieser Frau wird? Das war am Anfang gar nicht der Plan?

Blumenthal: Absolut nicht, nein, absolut nicht. Ich war aus egoistischen Gründen ... Ich wollte einfach mit diesen Tieren arbeiten, nicht genau mit Pavianen, ich wollte ... ich hätte vorgezogen, mit Schimpansen oder Gorillas zu arbeiten. Aber das war gerade diese Möglichkeit so. Ich kam dorthin, und dann, als ich zuerst ankam, sagte ich zu ihr: Ich habe gesehen, dass wir uns gut verstehen - obwohl sie kein großer Menschenliebhaber ist oder war -, und dann habe ich gesagt, Rita, könnte ich vielleicht am Abend zu dir kommen und wir machen ein paar Gespräche?

Ich habe so einen Tape Recorder dabei gehabt. Und sie sagte, natürlich, und so kam ich jeden Abend zu ihr, wir haben einen Wein getrunken, ein bisschen Beethoven gehört, und ich habe jeden Abend ein anderes Thema ausgesucht, worüber wir sprachen, manchmal Liebe, Sex, Menschlichkeit ... Hitler, die Hitlerjugend, worin sie war, und alle verschiedene Sachen, und dann bin ich weggegangen nach einem Monat und wir haben so korrespondiert, und sie hat mir mal geschrieben:

Schon jahrelang fragen viele Leute, ob sie ihre Lebensgeschichte schreiben dürfen, und sie hat immer nein gesagt. Aber wenn ich es tun möchte, würde sie ja sagen, weil sie hatte von mir Bücher gelesen, die ich ihr gegeben habe. So hat es so angefangen, und langsam hat sie mir geschickt Teile aus ihren Tagebüchern, und ich habe die irgendwie verbessert, das heißt, nicht verändert, nur das Englisch ein bisschen verbessert und zusammengesetzt, dass es irgendwie eine logische Geschichte würde, und so kam das Buch.

Kassel: Mister Blumenthal, jetzt sagen Sie so nebenher, wir haben über alles Mögliche geplaudert, Liebe, Sex, Beethoven und eben auch über Hitler und ihre Zeit damals. Ich muss das erklären, Rita Miljo ist in der Nähe von Königsberg, ungefähr 100 Kilometer von Königsberg aufgewachsen, Sie haben gesagt, Hitlerjugend, sie war im Bund Deutscher Mädel. Sie sind der Sohn jüdischer Eltern, Sie haben eine sehr komplizierte eigene Lebensgeschichte, Sie haben das ja selber in einem Buch mal beschrieben, aber es sind Menschen, die den Holocaust überlebt haben, nach Amerika geflüchtet sind. Wie schwer war das für Sie und wie schwer war das für Rita Miljo, über diese Themen zu reden?

Blumenthal: Es war eigentlich gar nicht schwer, weil erstens mal: Ich war schon lange bewusst darauf: Das, was passiert ist zu meiner Familie, soll man nicht spiegeln gegen den Deutschen, dass die Deutschen genauso individuell sind wie alle anderen Leute, wie Juden. Und sie war auch ... sie war neun Jahre alt, als sie in der Hitlerjugend war, sie war ein junges Kind. Und sie hat immer noch irgendwas Positives gedacht über was sie bekommen hat, das heißt, nicht den Antisemitismus, aber sie war eine sehr kompetitive, junge Frau, hat sehr gerne Sport gehabt, und das hat ihr gefallen, das hat sie gereizt an den Nazis, diese kompetitive Weltanschauung. Und wir haben uns sehr gut verstanden. Sie war natürlich keine Nazi und keine Antisemitin, und ich war auch nicht Anti-nichts, ich war offen zu ihr und sie war offen zu mir und wir haben uns gut verstanden und haben witzig uns unterhalten, und es war gar nicht schwer, das zu tun.

Kassel: Beschreiben Sie doch mal die Atmosphäre, Sie haben gesagt, bei ihr zu Hause, das heißt, das war eine Art Wohnzimmer in einem Haus mitten in der Wildnis?

Blumenthal: Ja, das Haus war ein ganz einfaches Steinhaus mit einfach einer Küche, einem Büro und oben, Treppen rauf, hat sie geschlafen. Und in demselben Haus haben jeden Abend ungefähr 35 Paviane, junge Paviane geschlafen, im Käfig. Es war ganz bescheiden, ganz klein, und mein Zimmer war eigentlich nebenan zu ihr. Ich habe dieses Executive-Zimmer bekommen. Und dort war ihr Büro, und dort hat sie auch gelebt.

Kassel: Wir reden heute im Deutschlandradio Kultur mit dem Autor Michael Blumenthal über seine Erfahrung mit der inzwischen verstorbenen Tierschützerin Rita Miljo auf ihrer Pavianaufzuchtstation in Südafrika. Sie ist am 27. Juli dieses Jahres gestorben bei einem Brand in ihrer Station, in C.A.R.E., und Sie haben einen Nachruf geschrieben, Herr Blumenthal, und da schreiben Sie: Sie versuchen so ein bisschen zu erklären Ihre Gefühle für diese Frau.

Sie haben kurze Zeit davor noch mit ihr gesprochen am Telefon. Sie sagen: Man kann nicht sagen, dass ich sie liebgehabt habe oder Ähnliches in der deutschen Übersetzung, weil sie keine Frau war, die leicht zu lieben war, wahrscheinlich heißt es im Original "easy to love". Wie würden Sie denn Ihr Verhältnis zu ihr beschreiben? Sind Sie am Ende Freunde geworden?

Blumenthal: Wir waren absolut Freunde, wir haben gern gesprochen, geschrieben. Ich sage, sie war schwer zu lieben, weil ... ich habe sie als Mensch sehr geschätzt, aber sie war eine sehr mutige Frau, sehr, wie man in Englisch sagen würde, tough, sie war nicht menschenfreundlich, sie hatte Menschen eigentlich nicht gern gehabt, sie hat gesagt, die größte Strafe für sie wäre, mit Menschen zu arbeiten, und sie liebte Tiere, und sie ist auch neben ihren Tieren beerdigt, mit einem von den Pavianen, der mit ihr im Brand gestorben ist. Und sie war keine zärtliche Frau, aber sie war ein ehrlicher und bewundernswerter Mensch, ich glaube, und wir haben uns einfach gern gehabt.

Kassel: Kann man tatsächlich einen Menschen gern haben, der selber sagt, ich mag Menschen nicht?

Blumenthal: Ich glaube, das war ein bisschen übertrieben. Sie mag die Menschheit nicht furchtbar, würde ich sagen, sie war kein Humanist in diesem Sinn, weil sie ein unglaublich ehrlicher Mensch war. Und sie hatte wenig Geduld für die menschliche Schwäche, so zum Beispiel: Sie hat immer gesagt, die Schimpansen hatte sie nicht gern, weil die waren wie die Menschen. Sie können sich irgendwie falsch verhalten, sie waren unehrlich - wie sie die Menschen ansah.

Kassel: Es ist ja ganz klar, dass Sie jetzt nach ihrem Tod Rita Miljo vermissen, aber jetzt wieder zurück in den USA oder auch in Ungarn, wo Sie viel Zeit verbringen, wo auch immer - vermissen Sie auch die Paviane?

Blumenthal: Die jungen ja, die alten nicht, das heißt, die jungen sind sehr, sehr süß, obwohl ich weiß, meinen ersten Tag in dem Käfig mit den jungen, es waren ungefähr 20, die waren ungefähr drei bis sechs Monate alt, und wenn einer davon Angst hat vor dir - sie haben mehr Angst vor Männern als vor Frauen -, wenn einer irgendwie Angst hat und lässt einen kleinen Schrei aus dem Mund, kommen sie alle gegen dich und beißen dich. Und das ist mir passiert. Das heißt, sie haben keine großen Zähne, sind noch klein. So, sie sind ... zuerst war es ein bisschen beängstigend, und die großen sind natürlich ... es ist nicht wie ein Schimpanse oder ein Orang Utan. die sind nicht sehr freundlich, und zum Beispiel, man soll den Männern nie in die Augen schauen. Das sehen sie als eine Kampfeinladung irgendwie. Und als man rumgelaufen ist, hat man immer einen Stein in der Hand gehabt, weil vor dem haben sie Angst, die großen.

Kassel: Wenn Sie nun gerade selber erzählen, dass man bei den großen Pavianen doch sehr vorsichtig sein musste, immer einen Stein dabei haben - es ist ja tatsächlich so, gerade in Südafrika, dass die Schimpansen, wie überall sonst, weil sie dem Menschen so ähnlich sind, durchaus geschätzt werden, Paviane nicht. Es gab auch immer wieder Ärger mit den Nachbarn in dieser Station, und Paviane werden oft einfach umgebracht in Südafrika. So schlimm das ist, das zu sagen, aber wenn Sie die erwachsenen gesehen haben, konnten Sie manchmal sogar verstehen, warum die so unbeliebt sind?

Blumenthal: Ich konnte es verstehen, weil sie sind sehr, sehr gescheit, sie haben unglaublich gute Augen. Zum Beispiel, an meinem letzten Tag, als ich dort hinging, um mich zu verabschieden, habe ich vergessen und habe mein Auto draußen gelassen, und die haben gesehen, da drin war ein Pack, und sie dachten, es ist was zu essen und haben die Spiegel weggerissen, die Antenne abgerissen von dem Auto. Und eigentlich, ich habe Rita gefragt zuerst, wieso eigentlich diese Paviane? Und ihre Antwort war: Weil niemand sie liebt, sie brauchen mich, weil die Schimpansen und Gorillas und Orang Utans sind von allen Leuten geliebt, aber die Baboons nicht. Ja, ich konnte es verstehen natürlich für die Einwohner dort, wo sie einbrechen in die Küche, in Autos. Sie sind sehr, sehr klug. So, ich kann das verstehen, ja, natürlich.

Kassel: Michael C. Blumenthal über seine Erlebnisse mit der Tierschützerin Rita Miljo in Südafrika. Das Buch, das aus diesen Gesprächen entstanden ist, trägt den Titel "Zum Affen werden: Der Kampf um die Paviane Südafrikas" und erschienen ist das Buch im Andre-Thiele-Verlag.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.