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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.10.2012

"Sich zu benehmen ist erst mal nett"

Organisationspsychologe Van Quaquebeke über die "Rüpelgesellschaft" und Benimmregeln

Händeschütteln - ein Akt der Höflichkeit (Stock.XCHNG / Philippe Ramakers)
Händeschütteln - ein Akt der Höflichkeit (Stock.XCHNG / Philippe Ramakers)

Die Tür aufhalten, für ältere Menschen im Bus aufstehen: Solche Rituale gelten gemeinhin als höflich - für den Einzelfall stimmt das nicht immer. Statt stur Regeln zu befolgen, gilt es aufeinander zuzugehen, sich in den anderen einzufühlen, meint Respektforscher Niels Van Quaquebeke.

Jan-Christoph Kitzler: Es ist nicht so weit her mit dem guten Benehmen, Deutschland treibt in Richtung Rüpelgesellschaft. Und wer ist daran schuld? Unter anderem die antiautoritären 68er. Das habe ich mir nicht ausgedacht, sondern das sagt der Vorsitzende der Deutschen Knigge-Gesellschaft. Die trifft sich ab heute im niederbayerischen Grafenau und da geht es zumindest nicht schwerpunktmäßig darum, wie man richtig mit Messer und Gabel isst, es geht auch darum, wie man die Menschen in unserem Land zu mehr Höflichkeit bewegen kann und auch zu mehr Respekt den Mitmenschen gegenüber.

Einer, der sich mit dem Thema wissenschaftlich beschäft, ist Niels Van Quaquebeke, Professor für Führung und Organisation an der Kühne Logistics University und gleichzeitig Leiter der RespectResearchGroup an der Universität Hamburg. Schönen guten Morgen!

Niels Van Quaquebeke: Guten Morgen, Herr Kitzler!

Kitzler: Ich glaube, erst mal müssen wir den Begriff klären: Respekt. Der scheint auf den ersten Blick selbstverständlich, aber was ist das eigentlich? Auch in Abgrenzung vielleicht von Höflichkeit?

Van Quaquebeke: Ja, Respekt ist in der Tat ein recht schwammiger Begriff. Also, man mag zum Beispiel sagen, ich habe Respekt vor dem Kampfhund, dann will man aber eigentlich eher Angst ausdrücken. Oder man sagt, man fordert Respekt von den Untergebenen oder von den eigenen Kindern, da fordert man vielleicht eher Gehorsam. Und es gibt natürlich auch viele, die sagen, die Jugend ist verroht, sie zeigt keinen Respekt mehr.

Was da häufig moniert wird, ist ein Mangel an Höflichkeit. Höflichkeit ist nun ganz anders als Respekt, Höflichkeit bezieht sich auf etwas Ritualisiertes, Sozialisiertes, was wir gemeinsam gelernt haben, wie man im Durchschnitt miteinander umgehen sollte. Respekt bezieht sich aber darauf, wie ich konkret mit einer anderen Person umgehen sollte. Und da ist: Höflichkeit kann im Durchschnitt richtig sein, aber im Einzelfall halt nicht unbedingt.

Kitzler: Aber bei den Begriffen Respekt und Höflichkeit geht es ja darum, was unsere Gesellschaft zusammenhält, wie wir zusammen leben wollen. Stimmt denn der Befund der Knigge-Fans, wir sind auf dem Weg in die Rüpelgesellschaft?

Van Quaquebeke: Ich finde das immer schön! Also, wenn man als Respektforscher unterwegs ist, dann wird man immer damit konfrontiert. Und ich kann einfach mal ein Zitat zitieren hier von Sokrates, der sagt oder sagte: Die Jugend liebt heutzutage den Luxus, sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den Älteren und schwatzt, wo sie arbeiten sollten; die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten, sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Also, daraus merkt man, schon seit Sokrates' Zeiten – zumindest wird das Zitat ihm zugeschrieben – ist es im Prinzip normal, dass sich immer eine ältere Generation über die Respektlosigkeit einer jüngeren Generation aufregt. Ich glaube, was wir beobachten, ist nicht so sehr eine Verrohung der Gesellschaft, sondern das, was wir unter Respekt verstehen, oder das, was wir auch unter Höflichkeit verstehen, verschiebt sich zwischen den Alterskohorten.

Kitzler: Und ist das Problem dann eben, wenn es schon vor fast zweieinhalbtausend Jahren so schlimm war, dass es hauptsächlich die Missverständnisse sind zwischen den Generationen, die das Problem machen?

Van Quaquebeke: Höflich zu sein ist sehr einfach in Gesellschaften, die sehr homogen sind. Wenn wir alle sehr gleich sind, ähnliche Interessen haben, dann wissen wir genau, wie wir auf jemand anderen reagieren sollen, beziehungsweise was guter Umgang wäre. In dem Moment, wo wir vielschichtiger werden, individualisierter, wir haben ganz andere Vorstellungen, wie man zu sein hat, in dem Moment wird es auch schwierig, mit Höflichkeit einander zu begegnen, weil ich nämlich nicht mehr weiß, dass der andere genau so wie ich den gleichen Ritualen und Normen folgt. Und da wird Respekt natürlich wieder wichtiger, weil Höflichkeit dort Anlass zu Missverständnissen geben kann.

Nehmen wir doch mal das heutige Beispiel, wenn ich in einen Bus gehe und das wird ja häufig gesagt: Ja, die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn jemand Älteres da rein kommt. Dann sage ich, ja, aber das ist doch im Zweifel auch gut! Ich habe es selbst mal gemacht, ich bin für eine ältere Dame aufgestanden oder wollte aufstehen, die guckte mich relativ böse an und meinte, nee, nee, bleiben Sie mal sitzen! Das heißt, heutzutage ist es ja bei älteren Leuten auch manchmal – nicht bei allen, aber wiederum bei einigen ist es so –, dass, wenn man sie in diese Kategorie alter Mensch packt, dass sie sich dann angegriffen fühlen. Das heißt, es war in dem Zusammenhang gerade kein respektvolles Verhalten. Das, was mir also als Höflichkeit beigebracht wurde, ist in der konkreten Situation nicht respektvoll gewesen.

Kitzler: Heißt das also, zwangsläufig wird Höflichkeit, also das Ritual schwieriger, wenn die Gesellschaft individueller wird?

Van Quaquebeke: Ja, weil letztendlich, Rituale funktionieren nur dann, wenn wir auch alle die gleichen Rituale kennen. Dann greift das wie ein Rädchen in das andere. Aber sobald ein Rädchen nicht mehr weiß, wie das andere funktioniert, dann geht das nicht mehr. Weswegen wir halt auch diese Respektdebatte haben, weil, Respekt fordert halt, dass man wieder sich nicht so sehr den Regeln unterordnen als wieder offenen Auges aufeinander zugeht und den anderen fragt, Mensch, was ist das denn, wie kann ich mit dir respektvoll umgehen? Und da muss man noch mal wirklich grundsätzlich drüber nachdenken.

Im Übrigen glaube ich auch, dass das in unserer Gesellschaft nicht unbedingt zugenommen hat, dass wir mehr Respektlosigkeiten erleben, sondern ich würde dem gern einen positiveren Tenor geben, dass wir sensibler geworden sind. Wir können es uns mittlerweile in unserer Gesellschaft erlauben uns zu fragen, wie wollen wir eigentlich miteinander umgehen? Und dort, wo wir vor zehn oder 20 Jahren noch einfach beiseite geguckt hätten, weil wir gesagt hätten, ja gut, das ist normal, wenn sich Leute in irgendwelchen Ämtern so verhalten, das machen wir heute nicht mehr.

Wir sind sehr sensibel geworden. Und dadurch hat es manchmal den Anschein ob dieser Sensibilität, dass wir so viel merken, wo Respektlosigkeit vorherrscht, aber eigentlich gab es die schon vorher, bloß vorher haben wir halt die nicht angesprochen.

Kitzler: Höflichkeit, also das Ritual, das kann man ja leicht lernen. Man kann in den Tanzkurs gehen oder man kann einen Benimmkurs machen, wie man denn den Hummer zerlegt und dergleichen. Kann man auch Respekt lernen?

Van Quaquebeke: Ich würde sagen oder hoffen, dass ja. In dem Sinne – wir machen dazu ein paar Workshops –, dass man die Leute im Prinzip aufs Glatteis führt erst mal und denen vor Augen hält, dass es ein Fehlschluss ist anzunehmen, dass die anderen Leute genau so wie man selbst reagieren müsste und genau so denken wie man selbst. Und indem man das nach und nach versteht und auch die Logik des anderen versteht, anders zu reagieren in den gleichen Situationen, merkt man, Mensch, es gibt eigentlich mehrere Wahrheiten. Und wenn man das einmal begriffen hat – aber dafür braucht es diesen Einsichtsprozess –, dann wird man auch anfangen, sich respektvoller zu verhalten. Was dann übrigens alle möglichen positiven Konsequenzen nach sich zieht.

Kitzler: Was ist denn dabei die größte Hürde? Tatsächlich die Generationen, müsste man da die Generationen zusammenbringen, oder ist die Individualität die größte Hürde?

Van Quaquebeke: Es ist … Also, ich glaube, die Generationen nicht, die Generationen müssen sich über die Begriffe einig werden, dass Gehorsam was anderes ist als das, was heute unter Respekt verstanden wird. Die Individualität ist im Prinzip die größte Herausforderung, weil sie nämlich eine Zumutung ist. Ich muss mich ja jedes Mal, wenn ich mich jemand anderem respektvoll nähern möchte, muss ich mich ja komplett auf den einlassen auch. Und wenn das ganz unterschiedlich ist zu meinem Weltbild, dann ist das auch eine Zumutung, die ich verarbeiten muss und auf die ich dann adäquat reagieren muss. Das ist einfach ultraanstrengend und sehr energieraubend, sodass Leute dann im Zweifel sagen, Mensch, wenn das mit Höflichkeit hier nicht klappt, dann weiß ich auch gar nicht mehr, wie ich weitermachen soll!

Kitzler: Was halten Sie denn persönlich von den Kniggeschen Benimmkursen? Ist das was für Sie?

Van Quaquebeke: Nicht unbedingt, ich möchte es aber auch nicht verteufeln. Ich glaube, dass … Ein Grundmaß an Höflichkeit ist erst mal gut, um aufeinander zuzugehen, aber man sollte es dann nicht verwechseln mit wirklichem Respekt. Das heißt, bei Tisch sich zu benehmen ist erst mal nett, weil die anderen dann auch wissen, Mensch, da fliegt der Hummer nicht über den Tisch. Auf der anderen Seite mag das dann auch irgendwann zu steif sein. Und wie die Knigge Gesellschaft ja auch selbst formuliert: Man soll einfach auch locker bleiben! Also, Benimm ist auch eine Frage, sich dann situationsadäquat zu verhalten. Und zur Situation gehören die Leute, auf die man sich dann respektvoll einlassen sollte.

Kitzler: Niels Van Quaquebeke, Leiter der RespectResearchGroup an der Universität Hamburg. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Van Quaquebeke: Vielen Dank, Herr Kitzler!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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