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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 19.10.2015

Sich biegen statt brechenResilienz - die Widerstandskraft der Psyche

Von Sonja Heizmann

Kinder in einer Kita in Ludwigshafen (Sonja Heizmann)
Kinder bei einem Resilienzkurs in einer Kita in Ludwigshafen (Sonja Heizmann)

Manche Menschen schaffen es, Krisen zu bewältigen, sogar gestärkt daraus hervorzugehen, andere werden krank oder zerbrechen daran. Die Kraft der Widerständigen heißt in der Psychologie Resilienz. Welches Potenzial steckt darin? Lässt sich Resilienz erlernen?

"Auf erstaunliche Weise hat der Begriff der Resilienz für viele in der Welt, die Bedeutung angenommen als die Antwort auf all die Herausforderungen, die in der heutigen Zeit existieren, quasi ein Allheilmittel gegen alle Bedrohungen, alle Risiken, denen Menschen heute ausgesetzt sein können."

Thomas Gebauer spricht von der psychischen Widerstandskraft. Resilienz ist die Fähigkeit mancher Menschen Krisen zu bewältigen, sogar gestärkt daraus hervorzugehen. Der Geschäftsführer der Hilfsorganisation medico international widmete dieser Fähigkeit Anfang 2015 eine mehrtägige Konferenz und fragte "Resilienz – ein Allheilmittel?" Denn nicht nur die Forschung beschäftigt sich mit der Frage, warum ein Mensch seelisch gesund bleibt und ein anderer nicht, mittlerweile werden auch Kurse angeboten, in denen Menschen lernen wie ein Fels in der Brandung zu stehen, um für alle Herausforderungen gewappnet zu sein. Und die Idee von der Unverwüstlichkeit ist auch in der Stadtplanung, der Nothilfe und der Sicherheitspolitik angekommen. Von resilienten Gesellschaften und Systemen ist die Rede.

"Wenn Sie Resilienz googeln, dann stoßen Sie auf bald 500.000 Einträge, Resilienz in der Erziehungsberatung, in der Traumabehandlung, in den einschlägigen Ratgebern der Yellow Press, Resilienz aber auch in den Trainingskursen von Führungskräften beim Schutz gegen Burn-out, in der Katastrophenvorsorge, der Ökonomie, der Sicherheitspolitik."

Die Vorstellung, dass Menschen sich nicht nur körperlich, sondern auch seelisch fit fürs Leben machen können, ist verführerisch. Ängstigen sich doch viele, dass sie durch massive Veränderungsprozesse, wie Globalisierung und technischer Fortschritt, jederzeit abgehängt werden könnten. Sie befürchten nicht zu genügen, stehen ständig unter Optimierungsdruck. Denn, wie der Soziologe Heinz Bude sagt, konkurrieren heutzutage Menschen auf der ganzen Welt miteinander, in einer Zeit, in der nicht mehr vorhersehbar ist, welche sozialen und kognitiven Fähigkeiten in Zukunft gefragt sein werden. Resilienz – so viel ist sicher, wird eine davon sein.

"Ich habe das Vergnügen heute mit der Trägerseite zu sprechen, und zwar ist Frau Ebbing heute hier vom SOS Kinderdorf und dann darf ich Ihnen noch vorstellen, Kevin, 18 Jahre alt, Mitglied im Landesheimrat Hessen ..."

Anna: "Vielen Dank erst mal, dass Sie hier sind."

Anna hat diese innere Stärke ohne jemals ein Training besucht zu haben. Heute steht sie vor einem vollen Saal und moderiert eine Veranstaltung über Pflege- und Heimkinder und deren Übergang von der Jugendhilfe in die Selbständigkeit.

"Dann würde ich mit Kevin anfangen. Du bist jetzt 18, bist Du noch im Übergang ... Erzähl mal ein bisschen ..."

Kevin: "Also ich wohne in einer WG, mit einer Mitbewohnerin, die auch mit mir in der stationären Einrichtung war ..."

Anna lebte selbst ab dem 14. Lebensjahr in einem Heim. Sich danach ein eigenes Leben aufzubauen, war nur eine von vielen Herausforderungen in ihrem Leben.

Es fängt mit einer psychisch kranken Mutter an, die sich nicht um sie und ihre zwei Brüder kümmern kann. Und einem Vater, der überfordert ist und beruflich viel unterwegs. Oft ist die Oma für die Kinder da. Als sich die Eltern nach ein paar Jahren trennen, lernt der Vater eine andere Frau kennen. Einfacher wird Annas Leben dadurch nicht.

Eigene Ressourcen mobilisieren

Die Stiefmutter stellt nicht nachvollziehbare Regeln auf. So muss Anna ihren Schulweg, der eigentlich 30 Minuten dauert, in 10 Minuten zurücklegen, also täglich von der Schule nach Hause rennen. Wenn Anna in einer Klassenarbeit eine zwei bekommt, bricht sie in Tränen aus. Sie weiß, das genügt der Stiefmutter nicht. Alle Vorgaben, die nicht eingehalten werden, jegliches Verhalten, das der Stiefmutter nicht passt, werden bestraft.

"Man lebte in so einer ständigen Angst, dass man wieder was falsch macht und man glaubt dann auch selber, dass man schlecht ist und immer alles falsch macht. Da kann man sich als Kind nicht wehren gegen."

Anna und ihre Brüder werden von der Stiefmutter geschlagen, eingesperrt und ständig klein gemacht. Wasser und Nahrung bekommen sie grundsätzlich nie genug. Oft gibt es nur zwei Scheiben Toast am Tag, eine morgens, eine abends.

Eine Kindheit, die keine ist, in der teilweise selbst Grundbedürfnisse nicht gestillt werden. Eine Kindheit, in der Anna viel Verantwortung trägt, sich ständig um ihre zwei jüngeren Brüder kümmern muss, das Gefühl hat, sie beschützen zu müssen.

Andere Menschen, die Ähnliches erlebt haben wie Anna, finden ihren Weg im Leben nicht. Sie geraten aus der Balance und das Erlittene überschattet ihr Leben dauerhaft. Dass Anna es schafft sich Hilfe zu suchen und das Jugendamt zu alarmieren, dass sie in einer Familiengruppe im Heim noch mal ein neues Leben beginnt, später Abitur macht und soziale Arbeit studiert und jetzt mit 30 Jahren andere Heimkinder unterstützt, zeugt von ihrer Resilienz. Die Psychologin Isabella Helmreich:

"Ich nehme da immer ganz gerne das Bild eines Schwammes, so einen Tafelschwamm in der Schule, den kann man auf den Boden werfen, kann darauf treten und er kehrt aber immer wieder in seine ursprüngliche Form zurück. Und so kann man sich eben auch die psychische Widerstandskraft vorstellen. Also, dass quasi Stress, schwierige Umstände auf einen einwirken, aber man es schafft, mit den Fähigkeiten, den Ressourcen, die man hat, quasi in die ursprüngliche Form zurückzukehren und eben keine psychische Erkrankung oder Stresssymptome zu entwickeln."

Zumindest keine länger anhaltenden. Auch resiliente Menschen kämpfen und leiden. Auch sie sind verwundbar. Aber sie finden Wege, um mit Widrigkeiten umzugehen, sie biegen sich, zerbrechen aber nicht, lernen aus ihren Erfahrungen und versuchen sie in ihr Leben zu integrieren. So dass sie manchmal sogar gestärkt daraus hervorgehen.

Aber warum verfügen manche über diese innere Widerstandskraft und andere nicht? Das versuchen Psychologen, Pädagogen, Neurowissenschaftler, Genetiker, Säuglings- und Verhaltensforscher zu ergründen. Sie wollen verstehen, warum jemand wie Anna ihr turbulentes Leben gut übersteht und andere bereits beim Scheitern einer kurzen Beziehung den Boden unter den Füßen verlieren. 

Psychisch robuste Menschen haben Schutzfaktoren zur Verfügung. Alkoholmissbrauch der Eltern, chronische Armut, aber auch anhaltende familiäre Disharmonie oder Mobbing durch Gleichaltrige bringen sie nicht aus dem Gleichgewicht. Klaus Fröhlich-Gildhoff ist Psychologe und lehrt an der Evangelischen Hochschule in Freiburg:

"Wir sprechen immer von einer Balance aus Schutz- und Risikofaktoren und je nachdem wie diese Balance aussieht, umso besser gelingt es, dieses Ereignis zu verarbeiten oder eben nicht zu verarbeiten. Wenn die Risikofaktoren überwiegen und es sind nicht ausreichend Schutzfaktoren da, dann ist die Wahrscheinlichkeit für eine gefährdete Entwicklung größer."

Angeborene und erworbene Schutzfunktionen

Je mehr Schutzfaktoren ein Mensch also hat, umso widerstandsfähiger ist er. Manche dieser Kräfte sind angeboren, andere werden im Laufe des Lebens erworben. Bedeutsamer ist der Schutz durch die Umwelt, denn keine noch so starke Persönlichkeit überlebt unter komplett widrigen Umständen. Andersherum können schwache Persönlichkeiten durch ihr Umfeld so gestärkt werden, dass ihnen die Bewältigung von Krisen am Ende leichter fällt als den von Natur aus Widerständigeren.

Der mit Abstand wichtigste Schutz ist eine sichere Bindung. Schon die Zuneigung und Unterstützung einer Person kann ausreichen. Dass das nicht zwingend Mutter oder Vater sein müssen, ist für viele Kinder die Rettung. Klaus Fröhlich-Gildhoff:

"Das Erfahren einer sicheren Bindung ist deswegen so wichtig, weil ich darüber eine Rückmeldung über mich und mein Verhalten kriege, weil ich auch ein Grundvertrauen in die Welt kriege, es ist jemand da, wenn ich in Not bin, wenn ich in Zuständen bin, wo ich mir selber nicht mehr helfen kann, kann ich mich auf andere verlassen. Ich erlebe jemand, der mir gegenüber ist, der meine Gefühle sieht und spiegelt und das führt letztendlich zur Steigerung von Selbstvertrauen und Selbstwert."

Wer eine sichere Bindung erfahren hat, kann Anderen schneller vertrauen. Auch das zeichnet resiliente Menschen aus: die Fähigkeit verlässliche soziale Beziehungen aufzubauen und sich Unterstützung zu suchen, um mit Krisen fertig zu werden.

"Ich habe ein paar Fotos von meiner Kindheit und so ein paar Lebensabschnitten mitgebracht ... Das ist meine Oma, da waren wir zusammen im Urlaub, und meine Tante. Mit denen habe ich super viel Kontakt."

Anna ist davon überzeugt, dass es die Beziehung zur Großmutter war, die sie grundlegend gestärkt hat. Als die Stiefmutter in Annas Leben tritt, unterbindet sie den Kontakt zur Oma. Aber Anna und ihre Brüder glauben fest daran, dass sie sie wiedersehen werden. Sprechen oft über die Oma, stellen sich das Wiedersehen mit ihr vor. Das gibt ihnen Kraft und Zuversicht.

Auch Menschen, die in Kriegsgefangenschaft waren oder entführt worden sind, können berichten, dass sie positive Visionen von ihrem Leben danach hatten, Zukunftspläne machten, dass sie nie aufhörten die Welt mitsamt ihren eigenen Problemen als sinnvoll zu verstehen und sie das am Leben hielt.

Anna hat auch später noch wichtige Bezugspersonen. Die Klassenlehrerin, die das 13-jährige Mädchen ermutigt zum Jugendamt zu gehen und den Handballtrainer, der sie zur Torhüterin macht.

"Im Prinzip war die Schule der Ort, der mir am meisten Halt und Kontinuität gegeben hat. Die Erfolge in der Schule haben mir gezeigt, dass ich etwas erreichen kann, dass ich etwas aus mir selber machen kann und nicht nur abhängig bin von dieser Stiefmutter und ihren Erwartungen."

Die Lehrer glauben an Anna, vermitteln ihr ein positives Selbstbild. Sie lernt, dass sie Fähigkeiten hat, auch aus eigener Kraft etwas bewirken kann. Selbstwirksamkeit, nennen Psychologen das, einer der mächtigsten Schutzfaktoren.

"Das war bei meinem Abi, das sind meine Brüder, die beiden, das ist mein Papa, mein leiblicher, das ist meine Mama, meine Pflegemama und das ist meine Oma ... Und da in dem Haus habe ich dann in der Familienwohngruppe gelebt ..."

Rückhalt bekommt Anna aber vor allem in dem Heim, in dem sie ab dem 14. Lebensjahr lebt. Ganz besonders von der Mutter in der Familiengruppe. Anna beginnt das Erlebte aufzuarbeiten und einzuordnen.

"Ich bin da vollkommen aufgeblüht. Das hat mich total verändert oder hat die Potenziale, die ich hatte, wieder zum Leben erweckt. Ich habe mich wieder sicher gefühlt. Ich hatte keinen Hunger mehr, ich hatte meinen eigenen Raum und immer jemanden, der mir zuhört, der mich in den Arm nimmt, der mich lieb hat. Das waren so viele Dinge, die einem wiedergegeben worden sind."

Unterstützung und Kontrolle

Anna erfährt Zuneigung, sie wird respektiert, es gibt aber auch Regeln und dosierte Anforderungen und feste Abläufe. Faktoren, die sich als förderlich erweisen. Das hat auch der Psychologe und Kriminologe Friedrich Lösel herausgefunden. Er untersuchte Kinder aus 27 Heimen. Das Ergebnis: Fast die Hälfte entwickelte sich gesund und baute sich ein eigenes erfüllendes Leben auf. Ausschlaggebend war ein gutes Klima innerhalb der Heime:

"Das Klima waren zwei Faktoren, die wir gefunden haben, nämlich zum einen, die positive Zuwendung, die emotionale Unterstützung, die Bindung an diese Erzieherinnen und Erzieher und das zweite war doch ein gewisses Ausmaß, Deutschland hat leider nur den ungünstigen Begriff Kontrolle, das heißt, man kümmert sich, man interessiert sich, was das Kind macht, wo es hingeht, man sagt auch mal nein, das sind nämlich genau die Faktoren, die in der Familienerziehung am besten mit relativ gesunder Entwicklung von jungen Menschen einhergehen."

Auffällig war, sagt Lösel, dass die Widerständigen ein weniger impulsives Temperament als die anderen hatten. Die unausgeglichenen Kinder reagierten sofort und meist recht ungehalten. Das hielt sie davon ab konstruktiv mit Herausforderungen umzugehen und das Beste aus der Situation zu machen.

Auch Anna hat diese Fähigkeit nach vorn zu schauen, das Positive zu sehen. Sie hegt keinen Hass gegen die Welt, sieht sich nicht als Opfer. Das hilft ihr, neue Herausforderungen anzugehen und sich Ziele zu setzen. 

"Ja, das nächste Ziel ist nächstes Jahr zu heiraten Ich möchte ganz traditionell groß in Weiß heiraten, weil ich hab so viel Familie und Freunde und die möchte ich alle dabei haben."

Annas Biografie hört sich an wie ein Märchen, in dem das vernachlässigte Kind das Böse besiegt und zum Schluss sogar noch seinen Prinzen findet. Aber es gibt diese Menschen. Lange Zeit war die Annahme, dass Krisen, Katastrophen und Kindheitstraumata unausweichlich zu einem Riss im Leben führen. Menschen, die nicht dauerhaft darunter leiden, die Ausnahme sind. Aber mindestens ein Drittel schafft es sich gesund zu entwickeln. Es mag anmaßend erscheinen den anderen zwei Dritteln diese Stehaufmännchen als Vorbild vorzuhalten. Zumal es für einen solchen Weg immer noch sehr viele strukturelle Hürden gibt. Aber in diesen Biografien liegt auch eine Chance. Vielleicht können andere von diesen Menschen lernen und ihre Strategien für sich nutzen.

Pädagogen und Psychologen, wie Fröhlich-Gildhoff, der in Freiburg das Zentrum für Kinder- und Jugendforschung leitet, wollen Kinder frühzeitig – noch bevor sie mit Risiken konfrontiert werden – mit Schutzfaktoren ausstatten und haben dafür Programme wie "Effekt", "Kinder Stärken" und "Papilio" entwickelt.

In der Kita Marienstraße in Ludwigshafen treffen sich heute "Die glücklichen Smileys" zum wöchentlichen Resilienz-Kurs. Das Konzept dafür kommt von Klaus Fröhlich-Gildhoff.

Erzieherin: "Jetzt überlegt mal, wie fühlt ihr Euch heute Morgen? Seid ihr noch schön wach oder seid ihr wieder müde inzwischen? – Was hast Du Dir genommen?"

Kind: "Einen glücklichen Smiley."

Erzieherin: "Warum?"

Kind: "Weil mein Bruder jeden Tag zu mir nett ist."

Erzieherin: "Oh, da hast Du einen guten Grund."

Acht Kinder und zwei Erzieher sitzen im Kreis. Jeder nimmt eine Karte aus der Mitte. Sie sind mit Smileys mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken bemalt. 

Kinder: "Mir geht’s heute gut, weil ich in zwei Tagen Geburtstag hab." / "Einen glücklichen Smiley, weil mein Bruder mich immer seinen Schulranzen lässt tragen."

"Jeder Kinderkurs beginnt damit, dass man sich verstärkt auf Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung konzentriert ..."

Gefühle wahrnehmen lernen

Erklärt Kathrin Bolz, die Leiterin der Kita. Die Kinder lernen Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken – durch Sprache, Bewegung, Farben und mit Handpuppen. Heute geht es erst mal um die eigenen Emotionen.  

"... wenn ich nicht weiß, wie es mir geht, was mit meinen Gefühlen ist und was mir gut tut oder auch nicht und was ich dann tun kann, damit es mir besser geht, dann kann ich mit Stress nicht umgehen, kann keine Probleme lösen, kann in der Gruppe nie eine wichtige Rolle einnehmen."

Kinder beim Resilienzkurs mit Zeichnungen lächelnder, weinender und lachender Gesichter  (Sonja Heizmann)Wichtig für Kinder: lernen die eigenen Gefühle wahrzunehmen (Sonja Heizmann)

In der Kita Marienstraße haben 90 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, selten haben beide Eltern ein Einkommen, in manchen Fällen gar keiner. Faktoren, die zur Gefahr für eine gesunde Entwicklung werden können, vor allem, wenn, wie so oft bei Armut, andere Risiken hinzukommen. Die Resilienz-Kurse sollen die Kinder mit Fähigkeiten ausstatten, die sie schützen können. 

Die Erzieherin liest den Kindern die Geschichte von Malwida, der Königin der Farben, vor. Malwida lernt die unterschiedlichen Gefühle kennen, begegnet dem sanften Blau, dem wilden Rot und dem warmen Gelb, das wie die Königin selbst, manchmal auch zickig sein kann. Ein Streit entsteht, alle Farben mischen sich und es wird grau.

Erzieherin: "Die Königin der Farben war jetzt ja gar keine Königin mehr, sie war nicht mehr sanft, nicht mehr wild, nicht mehr warm. Sie war nur noch traurig? Warum war sie traurig? Warum war sie traurig."

Kind: "Weil es grau ist!"

Erzieherin: "Da musste sie, was musste sie machen, sie musste weinen. Wenn man traurig ist, muss man auch mal weinen ..."

Geschichten, wie die von Malwida sollen den Kindern zeigen, dass unterschiedliche Emotionen zum Leben gehören, sie auch Wut, Frust und Traurigkeit zulassen können. Dass auch negative Gefühle auszuhalten sind und irgendwann wieder verschwinden.

Friedrich Lösel und seine Mitarbeiter haben ein ähnliches Programm entwickelt wie Klaus Fröhlich-Gildhoff. Es heißt "Effekt". Anhand von Beispielen – wie einer Spielsituation, in der ein Kind mit Bauklötzen einen Turm baut und ein anderes Kind ihn zerstört – werden die Motive der anderen Kinder hinterfragt und die Wahrnehmung geschärft.

"Dann wird zum Beispiel daran gearbeitet, dass das Kind erst mal versucht zu explorieren, ist das jetzt aus Versehen passiert oder hat er das absichtlich gemacht? Weil wir wissen zum Beispiel, dass Kinder, die frühzeitig aggressiv sind und da haben wir schon bei Dreijährigen, Vierjährigen ganz deutliche Unterschiede, die interpretieren das als Absicht, das ist der sogenannte Feindseligkeitsfehler und wenn ich das Verhalten des anderen als immer absichtlich gegen mich gerichtet sehe, dann ist es ja plausibel, dass ich mich auch so verhalte."

Der Kriminologe sagt, das ist ein Verhalten, das sich bei Rechtsradikalen, Linksradikalen und Gewaltkriminellen beobachten lässt. Davon sind Kinder in dem Alter zwar noch weit entfernt, aber solche Wahrnehmungen und Verhaltensweisen beginnen in der Kindheit und können sich verfestigen. Deswegen ist es so wichtig, frühzeitig gegenzusteuern. Lösel nennt das Beispiel eines Straftäters über den er ein psychologisches Gutachten ausstellen musste.

"Da sag ich, wie ist denn das passiert als Sie den anderen niedergeschlagen haben? Ja, der hat mich so komisch angeschaut. Dann sage ich, da war aber ein paar Wochen später noch mal so ein Fall, wie ging das? Ja, der hat mich ignoriert. Sie können diesem jungen Mann im Grunde gegenübertreten, wie Sie wollen, nämlich ihn anschauen oder ihn ignorieren, er wird Sie immer als provokativ erleben und solche Dinge wollen wir im Kindesalter schon ein bisschen erkennen."

In den Resilienz-Programmen üben Kinder nicht nur die Perspektive des anderen einzunehmen, sondern auch eigene Handlungen und Impulse zu steuern, erst mal in sich hinein zu hören, nicht gleich loszupreschen oder zu hauen, sondern über andere Handlungsmöglichkeiten nachzudenken und Lösungen zu finden. So erleben sie auch, dass sie mit ihrem eigenen Verhalten etwas erreichen können. 

"Wir nennen das positive Selbstwirksamkeitserwartung, das heißt, ich muss grundsätzlich die Erwartung haben, mein Handeln bewirkt etwas, und das fängt schon bei ganz kleinen Kindern an, dass die sich als Urheber von Handlungen begreifen und dann komme ich zu einer Grundüberzeugung, ja es ist sinnvoll mit so einer Aufgabe umzugehen, ich kann damit fertig werden."

Auf diese Erfahrung können sie dann auch als Erwachsene in Notsituationen zurückgreifen. Um Selbstwirksamkeit zu lernen, brauchen Kinder angemessene Herausforderungen.

Zu viel Schutz, zu wenige Erfahrungen

Psychologen und Pädagogen beobachten aber vor allem bei gebildeten Eltern die Tendenz, Kinder zu sehr beschützen zu wollen.

Fröhlich: "Es gibt weniger Kinder, es gibt mehr Einzelkinder, es gibt vier Großeltern und zwei Eltern, die auf dieses Kind schauen und die es sicherlich gut meinen, dieses Kind zu behüten und im Extremfall jeden Tag zur Schule zu fahren, aber ich nehme damit dem Kind Erfahrungen."

Lösel: "Die Mütter müssen lernen, dass das Kind ab einem bestimmten Alter Freiraum braucht, Freiraum auch Fehler zu machen, um aus diesen Fehlern zu lernen. Wer schon gelernt hat mit gewissem Gegenwind umzugehen, der weiß, es gibt ups and downs, also Auf und Ab im Leben und ist nicht so frustriert, wenn das wieder mal aufkommt."

Wer also die Resilienz von Kindern fördern will, muss auch Mutter und Vater einbeziehen. Lösel und Fröhlich-Gildhoff ergänzen ihre Kinderprogramme deswegen mit Elternkursen. 

"Wenn Du glücklich bist, dann ruf mal laut Hurra ... Du kannst es allen zeigen, musst Gefühle nicht verschweigen ..."

Programme wie "Kinder Stärken" oder "Effekt" können einen Beitrag dazu leisten, dass Kinder sich soziale Kompetenzen aneignen, die auch für ihr späteres Leben relevant sind, da sind sich Psychologen und Pädagogen einig. Kita-Leiterin Bolz ist sogar davon überzeugt, dass es gesellschaftliche Auswirkungen haben könnte, wenn mehr Kitas und Schulen diese Fähigkeiten fördern würden. Vor allem Jugendliche können, wie sie es ausdrückt, nicht mehr standhalten.

"Das sind unsere Schulabbrecher, die keine Ausbildung machen, die völlig ihren Weg verlieren und das oft tun in der beginnenden Pubertät, wenn alles anfängt zu nerven, zu frusten, belastend zu sein und bis dahin müsste man den Kindern so viel Stärke mitgeben und so viel Selbstwertgefühl, dass sie damit zurechtkommen."

Das sieht auch Fröhlich-Gildhoff so:

"Es gibt die Situation, dass wir nach wie vor 50.000 bis 80.0000 Kinder ohne Schulabschluss auf die Straße schicken, wir haben die Situation, dass die Diagnosen der ADHS Störung in den letzten 15 Jahren sich versechzigfacht haben und die entsprechenden Dosen der Medikamentengabe sich versechzigfacht hat. Das sind natürlich Anzeichen dafür, dass mit den Anforderungen, die gesellschaftlich gestellt werden, ein Teil von Kindern und auch von Familien nicht zurechtkommt. Und da finde ich, da müssen wir unbedingt aktiv werden und können das nicht medikalisieren."

Der Psychologe weiß aber auch, dass Präventionsprogramme allein nicht ausreichen.

"Wir lösen damit nicht alle gesellschaftlichen Probleme, das wäre völlig illusionär. Wir müssen an anderen Stellen auch strukturell etwas machen, an Rahmenbedingungen für Kindertageseinrichtungen und Schulen, müssen uns Gedanken machen, wie wir gesellschaftlich zusammenleben wollen, wie wir das Thema Zusammenleben verschiedener Kulturen managen wollen, das kann ich nicht indem ich jeden resilient mache, so geht es nicht."

Der Versuch, Kindern in den Resilienz-Programmen das Rüstzeug für die normalen Herausforderungen im Alltag zu vermitteln, ist nachvollziehbar und sinnvoll. Und Annas Kraft aus den Untiefen ihrer Kindheit aufzutauchen und zurück ins Leben zu finden beeindruckend. Skepsis kommt auf, wenn Arbeitgeber Resilienz-Programme nutzen, um sich möglichst perfekte Arbeitnehmer zu formen, die mit den erheblich gestiegenen Anforderungen und Belastungen im Job besser fertig werden, länger durchhalten und dabei leistungsfähig bleiben.

Aber genau das machen immer mehr Arbeitgeber, allen voran das US-Militär, wo rund eine Million Menschen beschäftigt sind. Aber auch die Bundeswehr vermittelt ihren Soldaten in Trainings, wie sie mit Kriegserfahrungen besser zurechtzukommen, damit sie einsatzfähig bleiben, nicht krank werden, gar eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln und das Trauma mit nach Hause in die Gesellschaft bringen.

Kritisches Stress-Niveau erkennen

Menschen für den Job zu dressieren, das hat eigentlich nicht mehr viel mit der Idee zu tun Menschen fürs Leben zu stärken, sagt Thomas Gebauer von medico international:

"Dahinter steckt ein ganz klares ökonomisches Denken. Man versucht aus Menschen möglichst viel an Arbeitskraft und Produktivität herauszuschlagen. Wir erleben ja, wie in der Arbeitswelt die Menschen unter einem unglaublichen Druck stehen sich immer selbst zu optimieren, immer perfekter zu werden, um wirklich wie ein Rädchen in dem Prozess zu funktionieren. Alles, was dann nicht mehr gebraucht wird für den Produktionsprozess, was da störend wirkt, muss sozusagen verhindert werden. Aber es wird nicht gesellschaftlich bearbeitet, warum Menschen zum Beispiel einen Burn-out haben, ist dann nicht mehr eine Frage von vielleicht Überforderung, von falschen Arbeitsbedingungen, sondern weil sie sich nicht selbst geschützt haben."

Der Einzelne trägt das Risiko, nicht der Arbeitgeber, nicht die Gesellschaft. Auch Fröhlich-Gildhoff hat Bedenken:

"Wir können Arbeitsbedingungen, Lebensbedingungen nicht immer stressiger machen und dann auf der anderen Seite die Menschen versuchen stressresistenter zu machen. Das ist nicht kompatibel."

Gebauer: "Es wird sozusagen immer mehr Resilienz notwendig, um sich gegen das, was in der Umwelt, in den Lebensbedingungen an Gefahren dann aufschaukelt, auszubilden und das funktioniert nicht. Der Widerstand, der dann im Individuum entwickelt werden soll, der entzündet sich an Verhältnissen, die aber genau durch diesen Widerstand stabilisiert werden."

Die Psychologin Isabella Helmreich führt am Mainzer Resilienz-Zentrum Trainings für Firmen durch. Die Menschen leistungsfähiger zu machen ist nicht das Ziel, sagt sie.

"Genau das ist nicht unser Ansatz, sondern es geht darum, vor allem die Leute zu schulen, erst mal zu erkennen, wo sind denn meine Grenzen. Dass, wenn man merkt, okay, jetzt ist ein kritisches Niveau erreicht, dass ich dann wirklich versuche meinen Akku wieder aufzuladen und für Entspannung und Ausgleich zu sorgen."

Wenn das nicht mehr funktioniert, muss sich der Betroffene eingestehen, dass er  Hilfe braucht, sagt Helmreich.

Das Deutsche Resilienz-Zentrum wurde 2014 an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität gegründet. In Zukunft sollen hier auch Konzepte entwickelt werden, wie Arbeitsumwelten verbessert werden können. Doch noch dreht sich alles um das menschliche Verhalten. Die Wissenschaftler wollen das Gehirn und seine Widerstandskraft untersuchen, um daraus Therapien zu entwickeln, die Verhalten und Gehirnstrukturen beeinflussen. Oliver Tüscher, einer der 25 verantwortlichen Forscher:

"Wir wollen die Mechanismen mit denen das menschliche Hirn mit Stress, entweder äußerem Stress, also durch äußere Anlässe, wie Katastrophen, also wirklich große Traumata, aber auch alltäglicher Stress, wie wir ihn hier in unserer Umgebung im großstädtischen Bereich beispielsweise erleben, umgeht, besser verstehen, weil wir denken, dass die Stärkung dieser Mechanismen am Ende dazu führt, dass man sich zumindest vor Stress assoziierten psychischen Erkrankungen dann auch besser schützen kann."  

Psychische Erkrankungen nehmen zu, denn Menschen, die das Gefühl haben, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein, stehen immer mehr unter Druck. Nicht auszuschließen ist, so Tüscher, dass irgendwann, wenn auch in ferner Zukunft, Substanzen entwickelt werden, die widerstandsfördernd sind. Das wäre eine scheinbar einfache Lösung für Menschen, die sich nicht stabil genug fühlen. Wer Psychopharmaka schluckt, stärkt allerdings nicht seine Resilienz, sagt Friedrich Lösel, der deutsche Pionier auf dem Gebiet der Resilienzforschung: Denn zum Leben gehören auch Enttäuschungen und Niederlagen, die durchlebt werden müssen, um sich aus ihnen positiv zu entwickeln. Resilienz ist das Endprodukt eines Prozesses.

Mehr zum Thema

Resilienz in der Wirtschaftskrise
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 16.12.2008)

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