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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.11.2012

Sich anfassen, sich salben, sich nahe sein

Christoph Quarch: "Flirten mit Gott. Warum Christsein Sinnlichkeit und Leidenschaft braucht. Ein Weckruf", Verlag Pattloch, München 2012, 88 Seiten

Jugendliche bei einem Treffen in der Communité des Taizé
Jugendliche bei einem Treffen in der Communité des Taizé (promo / Communauté de Taizé)

Seit der Kirchenvater Augustinus lehrte, soll die Liebe zu Gott keusch und allein geistig sein. Christoph Quarch nennt das "den Sündenfall der christlichen Theologie" und startet mit seinem Buch eine Sinnlichkeitsoffensive für den gelebten Glauben. Sein Vorbild liegt in Frankreich, in der Communité des Taizé.

Im christlichen Sprachgebrauch sei oft von ‚bewegen‘, ‚berühren‘ und ‚anfassen‘ die Rede. Aber tatsächlich bewegt und berührt und angefasst werde im Gottesdienst wenig. Bis auf den Friedensgruß in der katholischen Messe vielleicht, aber der sei meist auch nur ein müder, unpersönlicher Händedruck. Die Gottesdienste seien schlecht besucht, hierzulande sinke die Zahl der Kirchenmitglieder, Christentum in Deutschland sei kein Quotenbringer. Das liegt an der Abwesenheit von "Sinnlichkeit und Leidenschaft im Christensein", diagnostiziert der Publizist Christoph Quarch.

Flirten mit Gott. Man kann mit Gott streiten, an ihm verzweifeln, ihn beschimpfen, ihm die Existenz absprechen, aber f l i r t e n – Augen rollen, Näschen krausziehen – ist Gott denn eine Frau, die erobert werden oder ein Mann, um den geworben werden will? Durchaus sagt Quarch, Gott will mit allen Sinnen gesucht und gefunden werden. Quarch ist ein Mystiker. Er will Gott mit dem Herzen suchen und finden, einen Gott, der sich in einer "Wolke des Nichtwissens" verbirgt. Ihm geht es um die Revitalisierung eines Christentums, das alle Sinne aktiviert.

Quarch wirbt für eine Re-Erotisierung des Christentums. Aber Kuscheln auf der Kirchenbank, Küsschen auf die Nase des Pastors und Sex in Gemeindeveranstaltungen sind mit dem koketten Eros-Begriff nicht gemeint. Denn es geht Quarch um den Zentralbegriff christlicher Theologie und Religion, die Liebe, wie etwa im Liebesgebot aus Matthäus Kap.22, Verse 37-39, wo Jesus gefragt wird, was das höchste Gebot sei. Und er sagt: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt." Und: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten". Klarer und deutlicher könne man es nicht gesagt bekommen, formuliert der Autor, der mit dem Gott flirtet. Die Liebe ist die Mitte der Beziehung zu Gott aber auch der zu den Menschen, Mitte und Herz der Theologie eben, der Dogmatik ebenso wie der Ethik.

Das Buch ist der Versuch einer ideengeschichtlichen Begriffsklärung und Praxisveränderung. Im frühen griechischen Christentum, noch ganz unter dem Einfluss der platonischen Philosophie, umfasste Eros alle Liebesaspekte. Der Zentralbegriff dieser später "platonisch" genannten Liebe ist das Begehren. Auffälligstes Kennzeichen dieser Liebe ist ein großes Gefälle: Beklagt wird vom Liebenden der eigene Mangel, ersehnt wird die fremde Fülle. Christlich interpretiert: wie kann ich, dem so gut wie alles fehlt, mich Gott nähern, der schlicht alles ist?

Im römisch-griechischen Konkurrenzkampf der Denktraditionen wird im vierten Jahrhundert durch den lateinischen Kirchenvater Augustinus der Eros umgeformt in Caritas. Der Eros in Menschen-und Gottes-Beziehung müsse von allem Triebhaften befreit werden. Die reine Liebe zu Gott wird nun keusch und geistig und fleischlos. Damit beginnt die Unterscheidung zwischen guter und schlechter, höherwertiger und minderwertiger Liebe historisch zu werden. Mit der Ent-Sexualisierung des Eros - genauer: mit der Auslöschung der Begehrlichkeiten im Liebesbegriff - hätten die alten Theologen dem Christentum das Herz gebrochen. Quarch nennt das "den Sündenfall der christlichen Theologie" und zitiert zustimmend den Religionswissenschaftler Walter Schubart: "Wo Eros und Religion sich trennen, wird er gemein und sie erkaltet".


Quarch,der theologische "Weckrufer", wie er sich selber bezeichnet, plädiert dafür, Sinnlichkeit und Leidenschaft in der Beziehung zu Gott und Mensch wieder zu entdecken und eine Spiritualität des Herzens zu entfalten, deren zentrale Säulen "sechs Bs" sind: "Bezaubern" (durch Schönheit und Kunst), "Begeistern" (durch Poesie und Musik), "Bewegen" (durch Pilgern und Tanz), "Berühren" (durch Zärtlichkeit und Sinnlichkeit), "Besinnen" (durch Schweigen und Beten) und "Befragen" (durch Gespräch und Dialog). Gefühle und Erscheinungen sind das, die im herkömmlichen Gottesdienst und Gemeindeleben zu selten zu finden sind.

Entsprechend der mystischen Tradition lassen sich Gottes-Erfahrungen in der Natur und der Erotik machen, im eigenen Leiden, in der Freude ebenso wie im Gemeinschaftserlebnis. Mystik ist aber nicht nur stille Betrachtung einer sehnenden Seele sondern auch engagierter Kampf für benachteiligte Menschen, betont Quarch häufig. Sein Vorbild liegt in Frankreich, in der Communité des Taizé. Im Grunde geht es ihm um eine ‚Taizéisierung‘ des christlichen Lebens: Kontemplation und Kampf zusammen sehen, das Schöne suchen, ihm hinter hersehen, es singen und summen, sich berühren lassen von Gott auch im Elend der Umgebung, seelische Versenkung und körperliche Aktion in einem. Christliches Leben ist für Quarch eine Art spiritueller psychischer Innendienst und sozialer Außendienst zugleich.

Nähe und Berührung sind durch einen müden Händedruck nur schwach zu vermitteln. Schöner wäre zum Beispiel die alte Tradition der gegenseitigen Salbung, für die Quarch eintritt, ein Tropfen wohl riechendes Öl auf die Stirn des Nächsten. Ein ganz neues Kirchgang-Gefühl wäre das.

Besprochen von Herbert A. Gornik

Christoph Quarch: Flirten mit Gott. Warum Christsein Sinnlichkeit und Leidenschaft braucht. Ein Weckruf
Verlag Pattloch, München 2012
88 Seiten, 10 Euro