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Religionen / Archiv | Beitrag vom 03.05.2015

Sexueller Missbrauch in ChileWiderstand gegen Bischofsernennung

Von Victoria Eglau

Neben dem Turm der Kirche San Francisco in der Hauptstadt Santiago de Chile flattert die chilenische Flagge. (picture-alliance / dpa / Udo Bernhart)
Neben dem Turm der Kirche San Francisco in der Hauptstadt Santiago de Chile flattert die chilenische Flagge. (picture-alliance / dpa / Udo Bernhart)

Unter Chiles Katholiken tobt die Debatte über den Umgang mit sexuellem Missbrauch von Kindern durch Priester. Besonderes Aufregen erzeugt derzeit die Ernennung Juan de la Cruz Barros zum Bischof. Der katholische Geistliche soll schwere sexuelle Vergehen gedeckt haben.

Tumulte und Handgemenge in der modernen Kathedrale von Osorno, im Süden Chiles. Aufgebrachte Katholiken protestierten lautstark, als dort Ende März  sein Amt als Bischof antrat.

Der Hintergrund: Bischof Barros war einst in einer Kirchengemeinde tätig, die in Chile traurige Berühmtheit erlangt hat: "El Bosque" in Santiago de Chile. Traurige Berühmtheit, weil Fernando Karadima, der Gemeindepfarrer, der mehr als zwei Jahrzehnte lang über "El Bosque" herrschte, 2011 vom Vatikan wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verurteilt wurde. Der Fall des Pädophilen Karadima, der inzwischen vom Priesteramt suspendiert wurde, schlägt in Chile bis heute hohe Wellen. Und Juan de la Cruz Barros, der umstrittene neue Bischof von Osorno, soll von dem schweren Missbrauch Minderjähriger in der Gemeinde "El Bosque" gewusst haben.

"Ich habe gesehen, wie er zuschaute, applaudierte und in gewisser Weise den Missbrauch deckte. Ich habe auch gesehen, wie er Fernando Karadima und dessen Verhalten nachahmte. Barros war ein treuer Jünger in jener Atmosphäre von Machtmissbrauch und Beihilfe",

… sagte James Hamilton, Missbrauchsopfer und Kläger gegen Karadima, im chilenischen Fernsehen. Auch andere Opfer beschuldigen den Bischof, den pädophilen Gemeindepfarrer Fernando Karadima gedeckt zu haben. Barros selbst weist die schweren Vorwürfe zurück.

Nachdem Papst Franziskus den früheren Militärbischof  im Januar als Bischof von Osorno designiert hatte, kam es in Chile zu einem Sturm der Entrüstung.

"El es una autoridad, que tiene que ser una autoridad moral intachable ..."

Tausende Unterschriften gegen Barros

Unser Bischof muss doch eine unbefleckte moralische Autorität sein, empörte sich eine Gläubige in der südchilenischen Diözese. 30 Priester und Diakone aus Osorno forderten in einem offenen Brief an den päpstlichen Nuntius den Rücktritt des designierten Bischofs.

Auch bildete sich eine katholische Laienbewegung, die Tausende von Unterschriften gegen Barros sammelte. Juan Carlos Claret, einer ihrer Sprecher:

"Wir wissen, was im Evangelium steht, und wir wissen, was das kanonische Recht sagt, nämlich, dass ein Bischof einen guten Ruf haben muss. Wir wissen auch, dass Papst Franziskus der Kirche eine neue Richtung gegeben hat. Die Ernennung dieses Bischofs steht zu all dem im Widerspruch. Wir glauben daher, dass dem Papst bei seiner Entscheidung nicht alle Informationen über Barros zur Verfügung standen."

Die Laien aus Osorno schrieben an Franziskus, ebenso wie 50 chilenische Parlamentarier verschiedener Parteien – mit der Bitte, die Ernennung des Bischofs von Osorno zurückzunehmen. Doch trotz all dieses Widerstands hat Barros sein Amt in Osorno angetreten, und der Vatikan hält bislang an ihm fest. Chiles Bischofskonferenz stellte sich hinter Barros‘ Ernennung. Ihr Vorsitzender, Kardinal Ricardo Ezzati:

"Der Heilige Vater hatte es in seiner Hand, zu erkennen, was gut für unsere Gemeinschaft ist. Und wir schließen uns seiner Entscheidung an."

Eine Entscheidung, für die der chilenische Filmregisseur Matías Lira wenig Verständnis hat:

"Ich war auf einer katholischen Schule, ich bin gläubig. Deswegen kann ich nicht verstehen, dass heute Bischöfe ernannt werden, die Zeugen, nein Komplizen sexuellen Missbrauchs waren. Und ich kann nicht verstehen, wieso die Kirche so sehr an der Macht interessiert ist."

Auch Priester kritisieren Bischofsernennung

In der vergangenen Woche ist in Chile ein Spielfilm in die Kinos gekommen, den Matías Lira über den Fall Karadima gedreht hat: "El Bosque de Karadima".

"Man darf einen Priester wie Fernando Karadima, der Jugendliche missbrauchte, nicht isoliert sehen. Um ihn herum existierte ein Netz, das ihn gewähren ließ. Aber mein Film ist keine Hexenjagd gegen die ganze katholische Kirche in Chile, im Gegenteil: Viele Priester haben mir bei der Umsetzung geholfen."

Die Ernennung des Mannes, der Karadima geschützt haben soll, zum Bischof hat Chiles Kirche gespalten. Viele Geistliche sind nicht einverstanden mit der Haltung der chilenischen Bischofskonferenz, darunter der bekannte Priester Percival Cowley.

"Die Erklärung der Bischöfe war unglaublich verschwommen. Angesichts der Entscheidung des Vatikans riefen sie zu Glauben und Gehorsam auf, aber verloren kein Wort über Barros. Kein Wort darüber, was die Menschen in Osorno über ihn denken. Dort haben sich 30 Geistliche und eine Menge katholischer Laien gegen den Bischof ausgesprochen. Das heißt: das Volk Gottes denkt nach, erhebt die Stimme und bittet, gehört zu werden."

Priester Cowley, der ehemalige Kaplan des Regierungspalastes "Moneda", zeigte sich in chilenischen Medien perplex darüber, dass der Vatikan an Bischof Barros festhält:

"Das widerspricht dem, was der Papst selbst verkündet hat: die Notwendigkeit, den sexuellen Missbrauch in der Kirche auszumerzen. Und er hat dazu aufgerufen, Wirbel zu machen. Machen wir also Wirbel!"

Dass durch die Ernennung von Juan de la Cruz Barros zum Bischof von Osorno ein Konflikt in Chiles Kirche aufgebrochen ist, hält Percival Cowley nicht für schlecht.

"Als Franziskus antrat und sich als Bischof von Rom vorstellte, öffnete er die Tür für mehr Kollegialität und weniger Zentralisierung. Der Papst will doch, dass die Kirche überall lebendig ist und debattiert. In Chiles Kirche herrschten lange Zeit Schweigen und Angst. Dass nun Konflikte ausgetragen werden, ist positiv."

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