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Religionen / Archiv | Beitrag vom 01.02.2015

Sexueller Missbrauch "Die Entschädigungsfrage ist nach wie vor offen"

Matthias Katsch im Gespräch mit Philipp Gessler

Matthias Katsch, ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs; vor der Jesuitenschule in Berlin. In dem Gebäude fanden viele der sexuellen Übergriffe auf Schüler statt. (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)
Matthias Katsch, ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs, vor der Jesuitenschule in Berlin. Dort fanden viele der sexuellen Übergriffe auf Schüler statt. (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)

Eine "Anerkennungszahlung" von 2000 bis 3000 Euro leistet die katholische Kirche an Opfer von sexuellem Missbrauch. Doch eine Auseinandersetzung mit dem geschehenen Unrecht finde kaum statt, kritisiert Matthias Katsch von der Vereinigung "Eckiger Tisch".

Philipp Gessler: Vor zwei Wochen haben wir uns bereits hier in "Religionen" intensiv mit dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche beschäftigt. Wir haben die Stimmen von Klaus Mertes und Hans Zollner gehört. Die beiden Jesuiten setzen sich schon seit Jahren mit dem Thema Missbrauch auseinander. Anfang dieser Woche waren nun in der Bundespressekonferenz in Berlin auch die Opfer oder Betroffenen zu hören und ihr Rückblick auf die vergangenen fünf Jahre, in denen verschiedene gesellschaftliche Gruppen, darunter die beiden Volkskirchen, sich diesem Thema stellten beziehungsweise stellen mussten. Auch der Bundestag hat sich diese Woche mit dem Thema beschäftigt.

Ich hatte die Möglichkeit, mit Matthias Katsch zu reden, der einer der Sprecher des Eckigen Tisches ist, einer Vereinigung von ehemals missbrauchten Schülern am Canisius-Kolleg in Berlin. Meine erste Frage an ihn war, ob er – pauschal gesagt – mit der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche zufrieden sei.

Matthias Katsch: Pauschal gesagt: Welche Aufarbeitung? Es hat einige Berichte gegeben über Missbrauchsgeschehen, 2010 vor allem, in isolierten Institutionen, aber es gibt keine systematische und vor allem keine unabhängige Schau auf das Gesamtgeschehen in den Institutionen in der katholischen Kirche, in den einzelnen Bistümern, es gibt noch nicht mal Zahlenübersichten zu Tätern, Opfern, Tatorten. Wir kratzen eigentlich bisher noch an der Oberfläche.

Gessler: Nun hält sich ja die katholische Kirche zugute, dass sie schon mal etwas gezahlt hat. Aber diese Beträge, die bisher gezahlt wurden, sind ja sehr niedrig, man geht davon aus, es sind bis zu 5.000 Euro.

Katsch: Ja, das sind Beträge, die die Kirche selber als Anerkennungszahlung deklariert hat und bewusst nicht als Entschädigung verstanden haben wollte. Und insofern ist die Entschädigungsfrage aus unserer Sicht nach wie vor offen. Denn diese Anerkennungszahlung, die tatsächlich bis zu 5.000 Euro, in der Regel aber darunter, 2.000, 3.000 Euro betrugen, sind nicht mehr als die Anerkennung, ja, wir glauben dir, dass du Opfer gewesen bist. Aber das ist keine Auseinandersetzung mit der Frage, was war unser Anteil daran, warum haben wir das zugelassen, warum haben wir nicht verhindert, dass du Opfer werden konntest, warum haben wir nachher so lange geschwiegen und dich im Schweigen festgehalten. Dazu gibt es bisher keine Entschädigung, keine Angebote, und diese Gespräche sind dringend notwendig. Wir fordern das nach wie vor.

"Vom ganzen Verfahren her eine entwürdigende Angelegenheit"

Gessler: Diese Anerkennungszahlung ist ja im Grunde eine Anerkennungszahlung dafür, dass man vertuscht hat, dass man verschwiegen hat. Es ist keine irgendwie Entschädigung für die Tat selber.

Katsch: Nein, und es ist vom ganzen Verfahren her eine entwürdigende Angelegenheit. Ich meine, wo gibt es das, dass eine Institution selbst darüber entscheidet, was sie bereit ist, Menschen, die unter ihr gelitten haben, denen sie Unrecht zugefügt hat, als Entschädigung anzubieten? Dazu kommt ein wenig transparentes Verfahren selbst. Also, das Antragsverfahren ist retraumatisierend nach unserer Ansicht, was den Fragebogen angeht, man weiß nicht, wer da über was entscheidet. Das ganze Prozedere ist letztlich nicht dazu geeignet, Menschen Genugtuung zu geben für das, was ihnen widerfahren ist, sondern sie erneut zu verletzen. Und ich glaube, das ist auch der Grund, warum relativ gesehen, auf die vermutete Gesamtzahl gesehen, nur wenige, nämlich etwa 1.500 Menschen diesen Weg der Anerkennungszahlung ... diese zu beantragen gegangen sind.

Gessler: Nun liegen ja auch noch viele Fälle bei der Glaubenskongregation in Rom. Und es scheint so zu sein, dass es da nur extrem langsam vorangeht. Was wissen Sie darüber?

Katsch: Auch das ist ein sehr intransparentes Verfahren. Es gibt ja nach dem Kirchenrecht die Möglichkeit, Täter zu bestrafen, bis hin zur Laisierung, also das heißt zum Ausschluss vom Priesteramt, so wie ich es verstanden habe, auch was Geldstrafen angeht, sind möglich. Und die Verfahren selber sind aber für Betroffene überhaupt nicht durchsichtig, man weiß nicht, an welcher Stelle sie sich befinden, wo die Akten sind, es gibt auch keine Möglichkeit, sich Rechtshilfe, Unterstützung zu suchen in diesen Verfahren. Hier würde tatsächlich es sehr helfen, wenn Rom bereit wäre, die Aktenbestände aus der Vergangenheit, die dort liegen, zur Verfügung zu stellen, damit hier in Deutschland auch mit diesem Aktenmaterial an einer Aufarbeitung gearbeitet werden kann.

Gessler: Ihre eigenen Akten liegen dort in Rom schon seit 24 Jahren. Das ist unglaublich eigentlich!

Katsch: Es ist die Akte des Täters, die dort liegt, in der er jedenfalls behauptet, viele Angaben gemacht zu haben zu der Vorgeschichte seiner Tat. Die Frage ist eben, ob nicht aus dieser Akte die Verantwortlichkeit, der Verantwortungsträger des Jesuitenordens der katholischen Kirche in Deutschland nicht noch deutlicher hervortreten würde, und das würde uns natürlich sehr dabei helfen, diese Verantwortung auch benennen zu können und in das Bild der Aufarbeitung mit einzufügen und dann gegebenenfalls auch Ansprüche geltend machen zu können.

Gessler: Sie haben ab und zu dann auch mal nach Rom geschrieben und wollten wissen, wie es vorangeht. Haben Sie da irgendeine Antwort bekommen?

Katsch: Nein, wir haben zwei Mal nach Rom geschrieben, einmal 2011 und dann noch mal 2013. Und wir haben nicht mal eine Eingangsbestätigung bekommen, weder vom Vatikan noch von der Vatikan-Botschaft hier in Berlin. Offensichtlich war man in der Vergangenheit der Meinung, dass man sich mit so was nicht befassen muss. Ich hoffe mal, dass die ja allseits begrüßten positiven Signale, dass sich da in Rom im Augenblick etwas tut, vielleicht auch dazu beitragen, dass jetzt ein dritter Anlauf von mehr Erfolg gekrönt sein wird.

"Als Institution versagt"

Gessler: Haben Sie denn den Eindruck, dass die Kirche jetzt in den letzten fünf Jahren irgendetwas gelernt hat in Sachen Missbrauch? Ist sie offener, vielleicht auch demütiger geworden?

Katsch: Das nun ganz gewiss nicht. Sie hat sicherlich, insbesondere sehr viele Mitarbeiter an der Basis der Kirche, begriffen, wie wichtig Opferschutz ist, wie viel getan werden muss, um Risikoorte sicherer zu machen, Präventionsprogramme aufgelegt. Aber dass sie sich wirklich bewusst ist, wie sie als Institution versagt hat, das kann man nun wirklich nicht sagen. Wir sind immer wieder entrüstet darüber zu sehen, wie leicht und wie schnell die Leute, die in der Vergangenheit beim Schutz der Kinder so eklatant versagt haben, jetzt rumlaufen und sich zu neuen Missbrauchspräventionsexperten ernennen und so auftreten und der Gesellschaft Ratschläge erteilen wollen.

Das ist tatsächlich nicht ein Zeichen von Demut oder von Scham, sondern von einer Überheblichkeit, an der wir uns regelmäßig abarbeiten. Weil, Missbrauch ist ja eine Beziehungstat, also zwischen dem Kind und dem Täter, zwischen dem Opfer und der Institution, und dieses Machtgefälle, das wird fortgesetzt in der Art und Weise, wie Kirche als Institution und konkret zum Beispiel Bischöfe gegenüber den Forderungen von Missbrauchsopfern auftreten, nämlich von oben herab und mit einer Verweigerungshaltung. Das spricht nun wirklich nicht für eine demütige Kirche.

Gessler: Jetzt soll es ja vielleicht im Jahr 2016 eine staatliche, wenn auch gesellschaftlich verankerte, unabhängige Expertenkommission geben. Was erwarten Sie sich von dieser Kommission?

Katsch: Also, ich hoffe sehr, dass es gelingt, über die individuellen Taten hinaus wirklich in einen gesellschaftlichen Diskurs zu kommen. Denn nur im Zusammenwirken der Institution wie der Kirche, des Staates und der Gesellschaft wird es möglich sein, wirklich Lehren zu ziehen aus der Vergangenheit – Missbrauch geschieht ja an vielen Orten, nicht nur in der Kirche, sondern auch in Familien, auch in anderen Strukturen – und dann eben auch zu schauen, wie sowohl die Ansprüche der damaligen Opfer, die alleingelassen worden sind, befriedigt werden können, als auch, was man ableiten muss an Konsequenzen für eine echt nachhaltige, wirksame Prävention für die Zukunft.

Gessler: Und könnten Sie sich vorstellen, dass über diesen Weg der unabhängigen Expertenkommission oder Aufarbeitungskommission dann tatsächlich noch so etwas wie Entschädigung in einer nennenswerten Größe geleistet werden kann?

Katsch: Also, wie gesagt, bisher gibt es keine Entschädigung, sondern nur diese sogenannte Anerkennungszahlung. Die Frage ist also objektiv gesehen offen. Ob es gelingt, eine Dynamik zu erzeugen, an deren Ende dann auch tatsächlich ein Konsens, eine Einigung über die Form von Entschädigungen steht, das kann ich jetzt nicht vorhersagen, aber ich denke, es ist der beste Weg. Denn nur über das Gespräch, über den Austausch, vielleicht auch manchmal über den öffentlichen Druck ist es zu erwarten, dass wir an dieser Stelle noch mal Bewegung sehen.

Gessler: Dies war ein Interview mit Matthias Katsch vom Eckigen Tisch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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