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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.09.2014

Sexuelle GewaltFrauen als Kriegsbeute des IS

Nahostexperte Thomas von der Osten-Sacken über das elende Schicksal Tausender Frauen

Moderation: Dieter Kassel

Eine jesidische Frau stützt in einem Flüchtlingscamp im Nordirak den Kopf auf die Hand (AFP / Ahmad Al-Rubaye)
Nur wenigen verschleppten Jesidinnen gelingt die Flucht (AFP / Ahmad Al-Rubaye)

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat im Nordirak offenbar systematisch Tausende Frauen verschleppt und vergewaltigt. Opfer seien vor allem Jesidinnen, sagt der Nahostexperte Thomas von der Osten-Sacken. Viele würden auf Sklavenmärkten verkauft.

Dieter Kassel: Wenn die Terrororganisation IS ein Dorf überfällt, in dem Jesiden leben, dann geschieht leider eigentlich immer das Gleiche: Die Männer werden ermordet, die Frauen werden verschleppt. Das klingt in den Nachrichten oft so, als gingen die Täter mit den Frauen weniger brutal um als mit den Männern, auch ich habe leider manchmal das Gefühl gehabt. Aber wenn man genau hinschaut, dann verflüchtigt sich dieses Gefühl sehr bald. Was es gerade für jesidische Frauen bedeutet, in die Hände der IS zu geraten, darüber wollen wir jetzt mit Thomas von der Osten-Sacken reden. Er ist Geschäftsführer von WADI, einer Hilfsorganisation, die seit vielen, vielen Jahren unter anderem auch in Syrien und im Irak aktiv ist. Schönen guten Morgen, Herr von der Osten-Sacken!

Thomas von der Osten-Sacken: Guten Morgen!

Kassel: Was bedeutet es wirklich für Frauen, wenn sie, um dieses Wort noch einmal zu benutzen, von IS- oder anderen Terrororganisationen verschleppt werden?

von der Osten-Sacken: Von dem Islamischen Staat jetzt ganz spezifisch bedeutet es – darauf deutet inzwischen alles hin –, dass sie mehr oder weniger in die Sexsklaverei entführt werden, sollten sie im Alter zwischen zwölf und 50 sein. Die Hinweise erhärten sich, dass der Islamische Staat ganz systematisch während dieser Kampagne im Sindschar-Gebirge, das ja mehrheitlich von Jesiden bewohnt gewesen ist, muss man sagen, im August, Mädchen und Frauen verschleppt hat nach Mossul, nach Raqqa, also in die Städte, die er kontrolliert, und sie dort sowohl verkauft als auch zum Vergnügen, in Anführungszeichen, seiner Anhänger benutzt. Also, wir gehen inzwischen davon aus, dass man von mehreren Tausend Mädchen und Frauen sprechen muss, die so in die Zwangsprostitution, in die Sexsklaverei entführt worden sind.

Grauenvolle Geschichten von systematischer Vergewaltigung

Kassel: Und die vorher, das haben Sie ja angedeutet, vergewaltigt werden, oft auch von mehreren.

von der Osten-Sacken: Wir arbeiten ja auch in den riesigen Flüchtlingslagern da in Dohuk, es sind ja da im August auf einen Schlag ungefähr 400.000 Menschen geflohen aus dem Sindschar-Gebirge. Und wir kennen inzwischen relativ viele Familien, wo die weiblichen Familienmitglieder eben fehlen und zum Teil die Telefone angelassen worden sind, also wo Brüder oder Väter oder Söhne eben weiterhin anrufen können und dann häufig jemanden vom Islamischen Staat an der anderen Seite der Leitung haben, die mehr oder weniger deutlich machen, was sie da mit diesen Frauen und Mädchen treiben.

Einige konnten in der letzten Zeit auch fliehen und sind jetzt nach Dohuk entkommen, wo sie versucht werden zu betreuen, und sie erzählen wirklich grauenvolle Geschichten von systematischer Vergewaltigung, systematischem Missbrauch in entsprechenden Einrichtungen, in den Orten, die vom Islamischen Staat kontrolliert werden.

Man muss dazu wissen, Jesiden sind eine Minderheitsreligion im Irak, die eine Mischung aus einer alten zoroastrischen Religion mit ein paar Elementen der Schia sind, aber von streng gläubigen Muslimen werden sie als Ungläubige beziehungsweise sogar als Teufelsanbeter angesehen. Das heißt, sie stehen in der Hierarchie ganz unten. Und nach der Auslegung schariatischen Rechts durch den Islamischen Staat stehen nun Dschihadisten diese Mädchen und Frauen, so sie nicht zum Islam konvertieren, mehr oder weniger als Beute zur Verfügung.

Kassel: Welche Chancen haben denn die Frauen, dem zu entkommen?

von der Osten-Sacken: Bis jetzt sehr wenige. Es gibt einige Initiativen, diese Mädchen und Frauen freizukaufen, die natürlich problematisch sind. Einige konnten in den letzten Wochen und Monaten entkommen, die meisten sind weiterhin in Gewahrsam des Islamischen Staates und wir wissen alle nicht, was die Zukunft bringen wird. Also, sollte die Militäroffensive gegen den Islamischen Staat erfolgreich sein, ob sie dann umgebracht werden, wenn Truppen der Anti-IS-Koalition in diese Orte einmarschieren, ob man sie befreien kann, das wird die Zukunft zeigen.

Im schlimmsten Fall droht bei Jesiden die "Ehrtötung"

Kassel: Wie gehen denn die Jesiden selbst mit dem Thema Gewalt gegen Frauen um?

von der Osten-Sacken: Tendenziell sind Jesiden ähnlich konservativ wie ihre muslimischen Nachbarn. Jesiden heiraten untereinander und haben auch einen sehr, sehr starken Ehrbegriff. Ich setze diesen Ehrbegriff jetzt mal in Anführungszeichen, man kennt das ja von den sogenannten Ehrtötungen, wenn die Frauen angeblich die Ehre der Familie verletzen, dass sie dann umgebracht werden müssen. Es hat auch in der jesidischen Gemeinde oder Gemeinschaft einige dieser Ehrtötungen in den letzten Jahren gegeben. Tendenziell ist auch eine Vergewaltigung eine Verletzung der Ehre der Familie, ganz spezifisch, wenn sie von einem Nichtjesiden getätigt wird, von einem Muslim.

Nun sind diese ganzen jesidischen Flüchtlinge natürlich hochgradig traumatisiert, nicht nur die Frauen, sondern das, was sie da erlebt haben im August, ist schlicht und ergreifend ein versuchter Völkermord gewesen. Es ist natürlich nun extrem wichtig, dass in dieser jesidischen Gemeinschaft sie auch die Unterstützung erhalten, mit diesem systematischen Missbrauch ihrer Frauen und Mädchen umzugehen und eben am besten diese Mädchen wieder in ihre Familien aufzunehmen. Aber wir sehen, dass das für einige Familien sehr, sehr schwierig wird.

Und dazu muss man auch wissen, dass gerade die Jesiden aus dem Sindschar aus einer Gegend kommen, die sehr, sehr arm und auch im Vergleich etwa zu den irakisch-kurdischen Gebieten sehr, sehr rückständig ist. Also, die meisten dieser Familien, die auch sehr, sehr viele Kinder haben, zum Teil wirklich zehn bis 15 Kinder, haben da in sehr, sehr abgeschiedenem Gebiet gelebt und sind jetzt mit etwas konfrontiert, mit dem sie auch psychologisch de facto gar nicht umgehen können.

Die kurdische Regionalregierung muss sich auf Tausende Fälle vorbereiten

Kassel: Um das noch mal klarzumachen: Es ist für Sie denkbar oder ist vielleicht sogar schon passiert, dass Frauen, denen es wie auch immer gelingt, nach so einem traumatischen Erlebnis in den Händen der Terroristen zurückzukehren in ihre Familien, dass die da gar nicht angenommen werden oder sogar dort dann attackiert?

von der Osten-Sacken: Einerseits ist das Problem, dass viele Mädchen und Frauen, die jetzt nach Dohuk entkommen können, ihre Familie nicht wiederfinden, unter Umständen ist ihre Familie auch umgebracht. Das heißt, sie sind unbegleitet und die Frage ist jetzt, was man mit ihnen macht. Es gibt zwar in Irakisch-Kurdistan einige Schutzhäuser, aber diese Schutzhäuser sind nicht dafür vorbereitet. Denn man muss ja jetzt auch sehen, in naher Zukunft wird die kurdische Gesellschaft mit Problemen konfrontiert werden, mit denen sie große Schwierigkeiten hat umzugehen, ich denke etwa an ungewollte Schwangerschaften und Ähnliches.

Bislang ist es so, dass offiziell die Jesiden versuchen, sehr stark in ihre Gemeinschaft hineinzuwirken, auch die jesidische Führung, dass man diese Mädchen wieder aufnimmt, dass es nicht die Schuld dieser Mädchen ist. Aber es wird natürlich eine unglaubliche Menge an Spannungen und an Konflikten geben. Und es ist enorm wichtig jetzt, dass auch die kurdische Regionalregierung, die Stellen in Kurdistan, Frauenorganisationen in Kurdistan sich darauf vorbereiten, mit diesen Hunderten, wenn nicht Tausenden von Fällen eben umzugehen, damit es dann nicht zu Selbstmorden oder im schlimmsten Fall sogar zu Ehrtötungen kommt.

"Die Mehrheit ist verkauft, ist versklavt"

Kassel: Sie haben erwähnt am Anfang unseres Gespräches, dass viele der Frauen auch nicht zurückkommen, sondern in den Menschenhandel geraten, verkauft werden. Gibt es Möglichkeiten, sie da irgendwie rauszuholen?

von der Osten-Sacken: Es muss richtig förmlich Sklavenmärkte zum Beispiel in Mossul geben, was wir gehört haben, und es gibt einige Initiativen, Mädchen und Frauen dort freizukaufen. Aber die Mehrheit ist verkauft, ist versklavt. Und bevor der Islamische Staat nicht geschlagen wird, also, bevor diese Orte nicht befreit werden, sehen wir kaum, dass diese Mädchen und Frauen freikommen oder zurückkommen. Das heißt, sie werden ein elendes Schicksal in den nächsten Wochen und Monaten durchleben müssen.

Kassel: Thomas von der Osten-Sacken, Geschäftsführer der Hilfsorganisation WADI, über das, was Frauen angetan wird, wenn sie in die Hände der Terrororganisation IS geraten, und auch das, was das danach noch bedeuten kann. Herr von der Osten-Sacken, vielen Dank für das Gespräch!

von der Osten-Sacken: Vielen Dank an Sie!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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