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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.06.2012

Sex in der Opernloge

Richard Swartz: "Notlügen", Hanser Verlag, München 2012, 224 Seiten

Ein Kuss, keine Liebe (picture alliance / dpa / Vojtech Vlk)
Ein Kuss, keine Liebe (picture alliance / dpa / Vojtech Vlk)

In diesen kühl und unsentimental erzählten Geschichten geht es um Männer und Frauen, die schlichtweg unfähig sind, aufrichtig miteinader zu sein. Also wird gelogen und betrogen, was das Zeug hält.

List und Lüge, Verstellung und Intrige haben in der Literatur eine lange und reiche Tradition. Sie reicht vom schlauen Odysseus bis zu Patricia Highsmiths mörderischem Verstellungskünstler Mr. Ripley. Viel und gern wird vor allem in der Liebe und in Liebesdingen gelogen und eben davon handeln die sechs Erzählungen des schwedischen Schriftstellers und Reporters Richard Swartz.

Der Titel des Bandes, in dem die Erzählungen zusammengefasst sind, lautet allerdings "Notlügen". Die Notlüge, die kleine Schwester der großen Intrige, unterscheidet sich von dieser unter anderem dadurch, dass sie nicht einem Plan folgt, sondern aus dem Moment heraus entsteht.

So ist es in diesen Geschichten. Die Männer, die hier Frauen belügen, tun dies ohne nachzudenken. Sie lügen, weil es ihrer Haltung zu Geliebten, Ehefrauen oder bezahlten Damen entspricht. Sie lügen, weil ihnen die Wahrheit nicht zur Verfügung steht. Sie belügen sich auch selbst. Das ist der Kern ihrer Notlügerei.

In der ersten Geschichte wird ein Mann aus Gründen, die der Erzähler im Dunklen lässt, von Europa nach Amerika versetzt. Irgendetwas hat er sich zu Schulden kommen lassen. Verabredungsgemäß soll seine Frau ihm nach New York folgen. Ob ihm das wirklich passt, ob es ihm nicht lieber wäre, allein zu bleiben, ob seine Frau in Europa tatsächlich eine Liaison mit seinem besten Freund hat oder er das aus ihren hinhaltenden Briefen nur herausliest - das erfährt der Leser so wenig wie der Mann es selbst zu wissen scheint. Das kühle Zwielicht der Halbwahrheit ist zu seiner zweiten Natur geworden. Er nimmt eine Frau aus einer Bar mit nach Hause, schläft mit ihr, gibt ihr hinterher Geld. Eine Garantie, dass sie tatsächlich Prostituierte ist, hat er nicht. Er fragt sie auch nicht.

Richard Swartz erzählt nicht nur unsentimental, er erzählt nahezu unbewegt, fast analytisch kühl. Keiner der sechs Männer hat einen Namen, sie heißen im Text alle nur "der Mann", die Frauen heißen "die Frau". Dies gibt den Geschichten den Anstrich einer anthropologischen Unausweichlichkeit.

Männer und Frauen, so lässt sich das deuten, sind nicht dazu geschaffen, sich auf der Brücke der Aufrichtigkeit zu begegnen. Wenn sie sich treffen, wenn sie sich lieben oder zu lieben versuchen, ist die Notlüge schon zur Stelle. Bisweilen wird sie von einer guten Prise Sadismus gewürzt. In einer Geschichte, die auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zu datieren ist, richtet ein Mann es so ein, dass er mit seiner Geliebten in der Opernloge ihres Mannes schläft, während dieser dieselbe Oper mit seiner Frau im Parkett verfolgt. Es ist eine Szene, die aus der Feder Arthur Schnitzlers stammen könnte.

Richard Swartz erzählt von Geschlechterkämpfen, die nicht offen, nicht mit Wut und Geschrei ausgetragen werden, sondern von Geschlechterkämpfen, die einem Kalten Krieg ähneln. Männer und Frauen belauern sich stumm in diesen fast unheimlichen Geschichten. Denn oft hat die Notlüge die Form des Schweigens.

Besprochen von Ursula März

Richard Swartz: Notlügen
Aus dem Schwedischen von Verena Reichel
Hanser Verlag 2012
224 Seiten, 19,80 Euro