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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.01.2016

Sergej Lebedew: "Menschen im August"Spurensuche in der Schattenwelt

Von Olga Hochweis

Menschen laufen über den Roten Platz in Moskau. (VASILY MAXIMOV / AFP)
Das System der Einschüchterung finde sich auch im heutigen Russland, schreibt Sergej Lebedew in seinem Roman. (VASILY MAXIMOV / AFP)

Anpassung, Pessimismus und Angst: Mit "Menschen im August" begibt sich der russische Schriftsteller Sergej Lebedew in die tieferen Schichten der sowjetischen und post-sowjetischen Psyche. Ein poetisch kraftvoller Roman zwischen Polit-Thriller und Road-Movie.

Am Anfang des Romans steht eine Zeitenwende: Der kommunistische Putsch gegen Michail Gorbatschov im August 1991 ist gescheitert. Der Zerfall der Sowjetunion steht bevor. Die Perestroika-Generation der "Menschen im August” befreit sich von den Protagonisten des Roten Terrors auf ihre Weise: Statuen wie die des Gründers der russischen Geheimpolizei Tscheka, Felix Dserschinski, werden von ihren Sockeln gestürzt. Voller Erwartung, freut sich der namenlose Icherzähler über die selbstverfasste Familienchronik seiner Großmutter - ein Zeichen zur Zeit:

"Ein Buch als Künder großer und kleiner Veränderungen, die sich im Land und mit den Menschen vollzogen."

Ein Enkel auf der Suche

Doch die Lektüre enttäuscht den Enkel: Die Großmutter, einst Redakteurin in einem Partei-Verlag für politische Literatur, spart in ihrer Familiengeschichte die Figur des Großvaters aus. Die entscheidenden Passagen über den politisch fragwürdigen Mann findet der Icherzähler einige Zeit später versteckt in einem Gedichtband mit sowjetischer Lyrik. Und doch bleiben Leerstellen. Sie motivieren ihn, das kollektiv verinnerlichte "Terrain des Verschweigens" zu betreten und es über die eigene Biografie hinaus auch für andere Menschen zu durchqueren – im übertragenen wie auch ganz buchstäblichen Sinn: Als professioneller "Sucher", der für zahlungskräftige Auftraggeber die Todesumstände ihrer Angehörigen bis zurück in den Zweiten Weltkrieg rekonstruiert, wird er auf seinen Recherchen selbst zu einer Figur der Schatten- und Unterwelt.

Seine Spurensuche und diverse Begegnungen führen ihn von Moskau nach Karelien, Kasachstan, Tschetschenien bis in die Tundra - eine Reise sowohl in die Sowjet-Vergangenheit von Straflagern, Hungersteppen und Verbannungsorten als auch in die postsowjetische Gegenwart, in die alten und neuen Schlangengruben der 1990er-Jahre mit ihrem dichten Netz aus Korruption und Bespitzelung. Selbst eine Liebesgeschichte hat hier noch Platz gefunden, doch auch sie beschreibt nur die traurige Wiederholung der Geschichte. Der Icherzähler lernt seine Anna in Rostow, am Tor zum Kaukasus kennen, als sie in einem Kühlwaggon nach der Leiche ihres verschwundenen Vaters sucht - eine Parallele des Tschetschenien-Kriegs zum Bürgerkrieg sieben Jahrzehnte zuvor, als die Großmutter zwischen toten Rotarmisten nach ihrem vermeintlich toten Vater gesucht hatte. Auch Anna bleibt eine Person mit Fragezeichen. Sie verschwindet am Ende des Romans und gerät damit zu einer weiteren Leerstelle in der Biografie des Icherzählers. Schließlich wird er selbst Opfer des Systems, in dem er sich eingerichtet hatte.

Temporeich, spannend, poetisch

Die Stärken von "Menschen im August" liegen weniger im abenteuerlichen Plot des Romans, auch wenn der sich mit seinen fünf temporeichen und komplex miteinander verwobenen Kapiteln spannend wie eine Mischung aus Polit-Thriller, Road-Movie und Ideen-Roman liest. Stark ist vor allem die Leidenschaft und poetische Kraft der Sprache, mit der russische Geschichte und Politik einerseits detailverliebt und andererseits im großen historischen Panorama entwickelt werden. Sergej Lebedew, 1981 in Moskau geboren und vor seiner Tätigkeit als Journalist als Geologe tätig, ist hinabgestiegen in die tieferen Schichten der sowjetischen und post-sowjetischen Psyche zwischen Anpassung und Angst.

Lebedews Roman appelliert an die Dringlichkeit einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und einer Rückkehr von Humanität und Recht – allem Pessimismus zum Trotz. Im August 1991, so schreibt Lebedew, seien zwar die Statuen vom Sockel gerissen worden, das System der Einschüchterung aber sei geblieben. Wie recht er mit seiner Einschätzung hat, zeigt sich aktuell auch daran, dass lange Zeit niemand in Russland seinen Roman veröffentlichen wollte. Nun aber soll er dort im Januar 2016 in einem mutigen, kleinen Verlag erscheinen.

Sergej Lebedew: Menschen im August
Aus dem Russischen von Franziska Zwerg
S.Fischer Verlag, Frankfurt 2015, 386 Seiten, 22,99 Euro

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