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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.07.2010

Seltsames Schicksal einer verwirrten Frau

Zoë Beck: "Das alte Kind", Roman, Bastei-Lübbe, Köln 2010, 302 Seiten

"Ist dieses Kind mein Kind?", fragt sich eine Mutter in Becks Roman. (Stock.XCHNG / Adrian Yee)
"Ist dieses Kind mein Kind?", fragt sich eine Mutter in Becks Roman. (Stock.XCHNG / Adrian Yee)

Ein vertauschtes Kleinkind und ein Mordversuch in der Badewanne: Zoë Beck macht aus zwei veritablen Albträumen einen eleganten Psychothriller mit einem besonderen Blick für zwangsneurotische Situationen.

Albtraum Nummer eins ereignet sich 1978 in Berlin. Während eines Klinikaufenthaltes wird das sechs Monate alte Kind der Galeristin Carla Arnim anscheinend verwechselt. Der Säugling, den man ihr bringt, ist, davon ist die Mutter überzeugt, nicht ihr eigenes Kind. Niemand glaubt ihr, die Frau wird zusehends psychiatrisiert. Besonders als sich später herausstellt, dass das kleine Mädchen ein "Altes Kind" ist, also an "Progerie" leidet, einer seltenen Krankheit, die vorzeitiges Vergreisen und einen frühen Tod bewirkt.

Albtraum Nummer zwei geschieht im Edinburgh von heute. Da erwacht eine junge Frau in der Badewanne und schwimmt im eigenen Blut. Rosenblätter, romantische Teelichte und aufgeschlitzte Handgelenke: ein eindeutiges Selbstmordszenario. Allerdings weiß die junge Frau, dass sie sich keinesfalls umbringen wollte. Sie behauptet, jemand habe versucht, sie zu ermorden. Ihr Umfeld glaubt ihr nicht.

Dass Beck (ein Pseudonym der Roman- und TV-Autorin Henrike Heiland) diese beiden existentiell schlimmen Situationen über den langen Bogen von 30 Jahren erzählter Zeit zusammenfügt, überrascht bei einem Text dieser Güte nicht. Wie sie das tut, ist das Bemerkenswerte an diesem elegant gebauten Roman. Ein Freund der angeblichen Suizidantin beginnt von der Zeitebene "heute" aus zu ermitteln, was es mit dem seltsamen Schicksal der verwirrten jungen Frau auf sich hat. Dabei werden peu à peu die Ermittlungsversuche der Mutter enthüllt, die von der Zeitebene 1978 aus versucht, herauszubekommen, wie und warum das Vertauschen der Kinder stattgefunden hat.

Die Hauptgeschichte um Erbkrankheiten, Überforderung, Panik, Genforschung (als illusionäres und fatales Lösungsangebot für menschliche Ängste vor dem Un-Perfekten) und Familienränke muss man hier nicht rekonstruieren. Sie ist kompliziert, aber transparent erzählt, schon das eine Qualität per se. Eine noch größere Qualität liegt in dem Blick, den Beck kultiviert: Sie beschreibt die Albträume, die zwangsneurotischen Situationen und die zwischenmenschlichen Verklammerungen, ohne je in eine Gefühligkeitsfalle zu geraten. Die Perspektive erinnert an Patricia Highsmith, die sich obsessiv genau für Menschen interessiert, wenn auch nicht unbedingt für das Gute im Menschen. Der Gatte der getäuschten Mutter, ein international gefeierter Pianist, wird nachgerade narrativ präzise filettiert: Die Beschreibung des netten, sensiblen, gar bedeutenden Künstlers als indolenter Soziopath hat große Klasse.

Und auch Becks Talent, Schauplätze der geographischen und soziologischen Art wie die Kunstszene Edinburghs oder den westdeutschen High-End-Kulturbetrieb der 1970/80-er Jahre völlig "unsoziologisch", beinahe beiläufig auf den Punkt zu bringen, gehört zu den erzählerischen Pluspunkten des Romans. Beck blickt ihren Figuren nicht in die Seelen, wühlt nicht in Emotionen und baut genau damit den suspense auf, den ein Psychothriller dieser international satisfaktionsfähigen Machart auszeichnet.

Besprochen von Thomas Wörtche

Zoë Beck: "Das alte Kind". Roman
Bastei-Lübbe Taschenbuch, Köln 2010
302 Seiten, 7,99 Euro

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