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Vollbild | Beitrag vom 14.02.2015

"Selma" von Ava DuVernayDer Streit um Martin Luther King

Von Kerstin Zilm

Der britische Schauspieler David Oyelowo, die US-Regisseurin Ava DuVernay und der US Schauspiler Colman Domingo auf der Berlinale bei der Aufführung von "Selma"; Foto vom 10. Februar 2015 (AFP / Tobias Schwarz)
Der britische Schauspieler David Oyelowo, die US-Regisseurin Ava DuVernay und der US Schauspiler Colman Domingo auf der Berlinale bei der Aufführung von "Selma" (AFP / Tobias Schwarz)

Der Film "Selma" von Ava DuVernay über Martin Luther King ist beim Oscar in zwei Kategorien nominiert worden. Doch in den USA wird heftig über dessen Qualität gestritten: Haben sich die Macher zu viele Freiheiten herausgenommen bei ihrer Interpretation?

Präsident Lyndon B. Johnson fragt Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King, wie er helfen kann. Einfach, sagt der. Es geht um ein Grundrecht für schwarze Bürger: Es geht um das Recht zu wählen. Es folgt eine Diskussion um andere Prioritäten des Präsidenten, bevor Johnson sagt: "Das Wahlrecht muss warten."

Dies ist eine Szene aus "Selma", gespielt von Tom Wilkinson und David Oyelowo. Der Film portraitiert Lyndon B. Johnson als äußerst widerspenstigen Mitstreiter im Kampf für Bürgerrechte. Martin Luther Kings unnachgiebige Forderungen und wirkungsvolle Protestaktionen sind ihm lästig. Wissenschaftler, ehemalige Mitarbeiter des Präsidenten und Biografen kritisieren dies als falsche Darstellung der Tatsachen. Wahlrechtsexperte Gary May von der Universität Delaware sagt: Johnson unterstützte Kings Kampf mit Enthusiasmus.

Johnson war kein Quertreiber gezeigt, sondern Unterstützer Kings

Am selben Tag, 14. Dezember 1964, an dem King mit dem Präsidenten sprach, veranlasste Johnson seinen Justizminister, einen Gesetzesentwurf für das Wahlrecht zu schreiben. Davon ist im Film nichts zu sehen. Johnson wird als Quertreiber gezeigt. Dabei hat er King unterstützt. Sie waren sich nur uneins beim Timing.

Manche Kritiker des Films behaupten sogar, die Protestmärsche gegen Rassismus von Selma nach Birmingham seien Lyndon B. Johnsons Idee gewesen. Als Beweis führen sie ein Telefongespräch zwischen Martin Luther King und dem Präsidenten an. Aufgezeichnet am 15. Januar 1965 lautet das Zitat von Johnson:

"Finden Sie ein Beispiel für die schlimmsten Bedingungen in Alabama, Mississippi, Louisiana oder South Carolina. Und das erzählen sie immer wieder im Radio, Fernsehen, von der Kanzel, wo immer Sie sind. Ziemlich bald wird selbst ein Bauer auf seinem Traktor sagen: „Das ist nicht richtig, das ist unfair! Wenn wir das schaffen - das wird die größte Errungenschaft meiner Regierung."

Fehlinterpretation von Geschichte

Regisseurin Ava DuVernay bezeichnet die Vorwürfe als Fehlinterpretation von Geschichte, die die Rolle der Schwarzen im Kampf für die eigene Freiheit herunterspiele. Sie verweist auf Johnsons frühe politische Karriere. Der Texaner stimmte mit anderen Kongressabgeordneten aus Südstaaten gegen Bürgerrechtsgesetze wie das Lynchverbot. Der Präsident habe nicht immer auf der Seite von King gestanden, sagt sie in einem Fernsehinterview.

"Ich bin anderer Meinung. Ganz einfach. Geschichte wird durch die interpretiert, die sie lesen und die sie leben. Dies ist meine Interpretation. Dass die Märsche von Selma Johnsons Idee waren - dem würde ich widersprechen."

Regisseurin Ava DuVernay betont: Ihr geht es nicht nur um Interpretationsfreiheit. Ihr geht es auch um Alternativen zur Geschichte vom weißen Retter, der Schwarze aus ihrem Elend befreit. Zuletzt auf der Großleinwand gesehen in Steve McQueens „Twelve Years a Slave" und Steven Spielbergs „Lincoln". Fakten aus dem Leben von Martin Luther King seien für neue Sichtweisen eine ideale Grundlage, sagt die Filmemacherin:

"Ich will Farbige im Zentrum ihres eigenen Lebens darstellen. Wir müssen von niemandem gerettet werden. Es muss kein Prinz auf einem Schimmel oder irgendjemand anders kommen, um uns beim Erzählen unserer Geschichte zu helfen. Das meine ich."

Das Recht auf künstlerische Freiheit

Die erste afroamerikanische Regisseurin eines Oscar-nominierten Films beansprucht dabei für sich dasselbe Recht auf künstlerische Freiheit wie Steven Spielberg. Der vernachlässigte für seine Interpretation von Abraham Lincoln zum Beispiel den Beitrag Schwarzer zum Kampf für Bürgerrechte. Kein Trost für Historiker Gary May:

"Ich mache mir Sorgen, weil Filme inzwischen die großen Lehrmeister in Geschichtsfragen geworden sind. Deshalb habe ich höhere Ansprüche was Genauigkeit und Fakten angeht an Filme über historische Ereignisse und Personen als an erfundene Geschichten."

Die Diskussion um Selma hat immerhin dazu geführt, dass viel mehr bekannt ist über das Verhältnis zwischen Präsident Johnson und Martin Luther King, so dass sich alle Zuschauer ein besseres eigenes Bild machen können.

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(Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 01.02.2015)

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