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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 01.11.2009

"Selig die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben"

20 Jahre Friedliche Revolution

Von Jens Daniel Schubert, Dresden

Montagsdemonstration im Leipzig, 17.10.1989 (AP Archiv)
Montagsdemonstration im Leipzig, 17.10.1989 (AP Archiv)

Als vor 20 Jahren engagierte DDR-Bürger auf die Straße gingen, herrschten Angst und Gewalt. Egon Krenz, Honeckers "Kronprinz" hatte die "chinesische Lösung" öffentlich gut geheißen. Angst auf beiden Seiten führte oft zur Eskalation von Gewalt.

Am Dresdner Hauptbahnhof flogen Steine. Die Polizei rüstete auf. Wasserwerfer und Gummiknüppel. Vorläufige Festnamen, "Zuführungen", Schläge... erschreckende Berichte. Daher gehörten brennende Kerzen, weiße Armbänder und "Keine Gewalt"-Schilder bald zum prägenden Bild der Proteste von 1989. Sie führten zur Friedlichen Revolution. Eine Seligpreisung wurde nachvollziehbar Realität.

Ein junger Pfarrer hat mir vor 15 Jahren gesagt "Wir haben erlebt, wie die Verheißung der Seligpreisung Wirklichkeit geworden ist. "Selig die keine Gewalt anwenden", heißt es, "sie werden das Land erben!" Die Friedliche Revolution ist nur gelungen, weil sie friedlich war. Die Demonstranten mit den Rufen "Keine Gewalt!" haben gesiegt – und das Land geerbt."

Der junge Pfarrer hat mich stark beeindruckt. Und sein Gedanke hat mich fasziniert. Er geht mir nach bis auf den heutigen Tag. Deswegen sinne ich, 20 Jahre nach den entscheidenden Oktobertagen, diesem Gedanken nach. Aber ich denke inzwischen auch, dass es notwendig ist, ihn zu hinterfragen.
Anlässlich des 20. Jahrestags der Friedlichen Revolution sind die Medien voll von Berichten, Erinnerungen und Reflexionen. Es gibt Ausstellungen und Vorträge, Bücher und Filme... Mancher Pfarrer wird vielleicht auch darüber gepredigt haben. Die Bergpredigt mit ihrem "Selig sind die Sanftmütigen– oder eben Gewaltlosen– sie werden das Land erben" taugen dazu ebenso wie der schöne Bibelvers: "Mit meinem Gott überspringe ich Mauern." Und es lassen sich noch viele doppelsinnige Bibelzitate als Predigtvorlage finden.
Das man sich in Kirchenkreisen besonders an die Friedliche Revolution erinnert, hat seinen guten Grund.

Jeder, der sich auch nur flüchtig mit dem Thema beschäftigt hat, weiß: Die Kirchen, mutige Pfarrer, mutige Christen und solche, die hier Schutz im sonst weitgehend gleichgeschalteten gesellschaftlichen Raum fanden, haben wesentlich zur Friedlichen Revolution beigetragen. Sie haben dazu beigetragen, dass es eine Revolution wurde und nicht nur eine "Wende", von der Egon Krenz meinte, er und seine Genossen hätten sie eingeleitet.
In den Kirchen ist vieles von dem gekeimt und gewachsen, was dann in der Revolution zum Tragen kam.

1988, beispielsweise, trat - in Dresden die Ökumenische Versammlung zur 1. Vollversammlung zusammen. Trotz oder vielleicht wegen der Unmöglichkeit, wichtige globale gesellschaftliche Themen in der DDR außerhalb der Kirchen frei zu diskutieren, war sie eine der ersten regionalen Versammlungen in Europa im Rahmen des Konziliaren Prozesses, eines gemeinsamen "Lernwegs christlicher Kirchen" für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

Die Themen der Ökumenischen Versammlung waren programmatisch für die, die Veränderungen und Reformen in der DDR erstrebten.
Die Geschichte dieser Revolution, in der ein gesamtes politisches System zusammenbrach, in der das gesellschaftliche Leben grundlegend neu organisiert wurde, ist in den letzten Tagen auf unterschiedlichste Weise beleuchtet worden.

Sicher dabei ist: die Kirchen haben an dieser Revolution mitgewirkt. Und sie haben entscheidenden Anteil daran, dass sie friedlich blieb. "Keine Gewalt", "Sicherheitspartnerschaft", "runder Tisch" sind die Schlagworte.
Das Signal zum Dialog statt zur Konfrontation kam, und darauf bin ich als Dresdner stolz, aus meiner Heimatstadt.

Nur noch wenige erinnern sich daran: Als die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen aus Prag durch Dresden rollten, sammelten sich Hunderte am Hauptbahnhof. Manche zum Zeichen der Solidarität, andere, weil sie hofften, auf den vielleicht letzten Zug aufspringen zu können.

Sie trafen auf Polizisten in einer Ausrüstung, die man hier bis dato kaum kannte: Helme, Schilde, Schlagstöcke. Später kamen Wasserwerfer dazu und Reizgas. Schnell eskalierte die Gewalt.

Nun rissen die Proteste nicht mehr ab. Protestierende versammelten sich, Demonstrationszüge formierten sich, Sprechchöre und Losungen entstanden. "6-7-8 Dresden ist erwacht". Für jeden, den die Polizei gewaltsam verhaftet und oft misshandelt hatte, im Amtsdeutsch hieß das "zugeführt", reihten sich neue in die Demonstrationszüge ein: "Schließt euch an, wir brauchen jeden Mann!"

An vielen Orten kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Aber auch aus den sich friedlichen formierenden Demonstrationszügen griffen die Polizisten - und anderen "Einsatzkräfte" immer wieder willkürlich Einzelne heraus, um sie "zuzuführen". Sie verschwanden oft für Tage und hatten keine Möglichkeit, jemanden zu benachrichtigen.

In der Dresdner Kreuzkirche wurden die Meldungen über Vermisste, Zugeführte und Verhaftete gesammelt. Mitte Oktober waren es 390 Meldungen. Andere Quellen sprechen von über 1000. Hier wurden auch "Gedächtnisprotokolle" entgegen genommen, bis zum Frühjahr 1990 lagen etwa 350 solche erschütternde subjektive Zeugnisse über Gewaltmissbrauch im Gewahrsam der Volkspolizei vor.

Bericht einer "Zugeführten" vom 4. Oktober.
Wir überlegten, wie wir weiter gehen sollten. Überall Polizisten. Vor uns eine Polizeisperre. Ehe wir uns versahen, wurden wir hinter die Linien gezerrt. Wir sagten, dass wir nur nach Hause wollten bzw. zur Straßenbahn. Trotzdem wurden wir zugeführt. Gegen 2.30 Uhr kamen wir im Polizeigebäude Dr. Kurt Fischer Allee an und wurden bis 5.00 Uhr festgehalten und getrennt verhört. Bei mir fand man eine Visitenkarte des ZDF, auf die ich gar nicht mehr geachtet hatte. Sie stammte aus dem Nachlass von Leuten, die nach dem Westen gegangen waren. Das brachte mir die Zuführung zur StaSi ein. Der Beamte ließ mich einem Meter vor ihm gerade hinstellen. Danach schrie er: "So sehen Bestien aus, Sau Ratte, Vieh! Wir werden uns furchtbar rächen. Ich werde dich niedermachen, du wirst mich um Gnade anflehen." Danach bezeichnete er mich als Westspion, der vom ZDF bezahlt wird, und sagte mir: Ich werde dich jetzt etwas misshandeln... Er schlug mich mehrfach mit der Faust ins Gesicht und trat mir auf die Füße. Er bezeichnete mich als Hure von ZDF-Leuten, die illegal die DDR verlassen wolle.
Als ich bat, meine Eltern benachrichtigen zu können, weil mein Kind allein zu Hause sei, wurde mir das verwehrt. Mein Kind wurde in ein Heim gebracht. Drei Stunden Psychoterror folgten. Ein Angehöriger der kasernierten Volkspolizei erlaubte mir dann zu telefonieren. Am 5.10., 19 Uhr wurde ich entlassen. Mein Mann am 6.10., 13 Uhr. Gegen uns liegt ein Ordnungsstrafverfahren vor.


Aus dem Brief eines jungen Christen an seinen Seelsorger:
Aufgrund der Ereignisse der vergangenen Tage hier in Dresden möchte ich Dir schreiben. Ich stehe ja nun wegen meiner Inkonsequenz vor der Einberufung als Christ auf der anderen Seite. Glaube mir, dass sich die Sache so entwickelt, wollte niemand von uns Wehrpflichtigen. Für uns gibt es nur zwei Möglichkeiten, entweder die Befehle ausführen oder für lange, sehr lange Zeit nach Schwedt ins Militärgefängnis zu gehen. Am Mittwoch und am Donnerstag war die Situation noch eine ganz andere. Dort standen uns Leute gegenüber, die die Polizei mit Steinen, Brandflaschen und Säureflaschen bewarfen. Unser Zug war mit dabei, als der Hauptbahnhof belagert wurde, und am Donnerstag auf der Prager Straße. Man holte uns erst relativ spät und stellte uns zuerst dorthin, wo es am Gefährlichsten war. Wir hatten nichts als Angst. Auf unsere Schilde prasselten Steine, vor uns schlugen Brand- und Säureflaschen auf den Asphalt. Zwei Mann von uns kippten um. Steine hatten ihre Visiere durchschlagen.
... Das, was wir dort drinnen in der Menschenmenge angerichtet haben, taten wir aus Angst und einfach aus Überlebenswillen.


"Wo Gewalt der Gewalt gegenübersteht, hat sich noch immer die Staatsgewalt als Sieger erwiesen. Aber diese an sich absolute Überlegenheit währt nur solange, als die Machtstruktur des Staates intakt ist, das heißt, solange Befehle befolgt werden und Polizei und Armee bereit sind, von ihren Waffen Gebrauch zu machen." konstatiert Hannah Arendt in ihrem Buch "Macht und Gewalt" von 1970.
In Dresden beginnt sich am Sonntag, dem 8. Oktober 1989 zu zeigen, dass die Machtstruktur des Staates DDR nicht mehr intakt ist.

Während eine große Zahl von Demonstranten auf der Prager Straße einer Polizeikette gegenübersteht und faktisch eingekesselt ist, treffen hochrangige Kirchenvertreter den Oberbürgermeister und dringen auf eine gewaltfreie Lösung. Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer und SED-Bezirkschef Hans Modrow gehören zum sogenannten Reformflügel der SED. Sie setzen sich bewusst von der starrköpfigen Haltung der Altgenossen in Berlin ab.

Gleichzeitig suchen zwei Dresdner Kapläne aus den Reihen der Protestierenden auf der Straße das Gespräch mit den Polizisten. Diese haben zwar den Demonstrationszug auf der Prager Straße gestoppt, inzwischen hat sich aber auf dem Leninplatz, also in ihrem Rücken, eine neue Menschenmenge angesammelt.

In dieser Situation erklärt sich ein Oberleutnant entgegen seinen Dienstanweisungen bereit, ein Gespräch zu vermitteln. Als Zeichen der Verhandlungsbereitschaft senken die Polizisten ihre Schilde. Damit der Kaplan zu den Menschen reden kann, werden die Springbrunnen auf der Prager Straße ausgeschaltet. Noch vor dem ersten Wort eine Geste des Entgegenkommens. Applaus.

Später werden auf den Demonstrationen neben den Kerzen und den Schärpen "Keine Gewalt" auch immer wieder Blumen auftauchen. Blumen für die Polizisten. - "Sicherheitspartnerschaft".
Am Springbrunnen entsteht eine Verhandlungsdelegation, die sogenannte "Gruppe der 20".
Im Zusammentreffen der reformwilligen Haltung seitens des SED-Oberbürgemeisters Berghofer und des SED-Bezikschefs Modrow, der deutlichen Intervention der Kirchenleitung, der beherzten Aktion der Kapläne und der dienstpflichtwidrigen Bereitschaft des Oberleutnants kommt es zum ersten Rathausgespräch zwischen Stadtoberhaupt und der Gruppe der 20.
Ihm sind viele weitere gefolgt, die "Gruppe der 20" wurde zu einer basisdemokratischen Einrichtung, zu ihr gehörte auch Herbert Wagner, später viele Jahre selber Oberbürgermeister in Dresden.

Das Signal "Dialog ist möglich – Gewalt vermeidbar" geht von Dresden nach Leipzig, noch bevor sich dort am Abend des 9. Oktobers mehr als 70 000 zur "Montagsdemo" versammeln. Hier beginnt das Ende der SED-Herrschaft, vier Wochen später fällt die Mauer, vier Monate später gibt es freie Wahlen in der DDR.

Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben. Die Bergpredigt wird erlebbar. Ich verstehe, was mir der junge Pfarrer sagen wollte.

Selig die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben. Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden das Land erben. Andere Übersetzungen sprechen von den Sanftmütigen oder den Gewaltlosen.

Die Verheißung aus den Seligpreisungen der Bergpredigt Jesu ist eindeutig: sie werden das Land erben. Das ist das, was die Bibel auch an anderer Stelle verspricht:

Aus dem Psalm 37:
Sei still vor dem Herrn und harre auf ihn! / Erhitze dich nicht über den Mann, dem alles gelingt, den Mann, der auf Ränke sinnt.
Steh ab vom Zorn und lass den Grimm; erhitze dich nicht, es führt nur zu Bösem.
Denn die Bösen werden ausgetilgt; die aber auf den Herrn hoffen, werden das Land besitzen.
Eine Weile noch, und der Frevler ist nicht mehr da; schaust du nach seiner Wohnung - sie ist nicht mehr zu finden.
Doch die Armen werden das Land bekommen, sie werden Glück in Fülle genießen.


Aus dem Buch Jesaja:
Ich lasse aus Jakob Nachkommen hervorgehen und aus Juda einen Erben für meine Berge. Meine Auserwählten sollen das Land besitzen, und meine Knechte sollen dort wohnen. (Jes 65, 9)


Das Land erben - das ist die große Verheißung, an die das Volk Gottes glaubt. Was für das jüdische Volk eine konkrete Hoffnung ist, wird bei Christen im Regelfall allgemeiner verstanden: bei Gott sein, seine Güte erfahren. Es ist die alttestamentarische Verheißung an das vertriebene Volk Israel: Land erben. Das Verheißene. Und nicht nur irgendwie -bekommen, -pachten, -mieten, -leasen... Nein erben.

Etwas Sichereres gibt es nicht. Aber die Realität sieht anders aus.
Man kann die Geschichte drehen oder wenden, wie man will, es ist wohl eine Utopie. Vielleicht eine Verheißung fürs Jenseits. Aber hier auf Erden? Das hat die Welt noch nicht gesehen, dass Friedfertige, Gewaltlose oder Sanftmütige das Land erben.

Land muss man erobern und bis zum Letzten verteidigen. Auge um Auge und Zahn um Zahn. Die Nachrichten aus dem Nahen Osten, und nicht nur von dort, zeigen es Tag für Tag.

Die Welt müsste sich gänzlich auf den Kopf stellen, damit das gelingen kann.

Die Seligpreisungen Jesu sind das Programm einer Revolution, wie sie radikaler kaum denkbar ist.

Und diese Revolution steht noch bevor!
Land erobern, das können Friedfertige nicht. Sie können es nur erben. Sie bekommen es zugewiesen, zugesprochen. Von dem, der es rechtmäßig zu vergeben hat.

Oft werden die Seligpreisungen als Vertröstung auf das Jenseits gelesen.
Hier leiden um dort glücklich sein, heute Gutes tun, um dereinst erlöst zu werden. Mit Schweiß und Tränen hier und heute das Himmelreich im Jenseits verdienen, wo am Jüngsten Tag dann alles besser ist.

Doch so, - nur so -, kann es nicht gemeint sein. Was Jesus hier beschreibt, soll hier gelten.

Er beschreibt, wie Menschen sein und handeln müssen, dass gesellschaftliches Leben, Zusammenleben zwischen Menschen, gelingt. Und ganz ohne dass Gott intervenieren müsste, ohne den Schutzraum Eden, an dessen Toren der Engel mit dem Feuerschwert steht, der den Ungeeigneten den Zugang verwehrt.

"Selig die keine Gewalt anwenden, sie werden das Land erben", heißt so, ganz einfach, ganz naiv: Land erben und behalten kann man nur, wenn man es ohne Gewalt erworben hat. Wer keine Gewalt anwendet, hat auch keine Feinde. Niemand wird ihm streitig machen, was er geerbt. Nur der Sanftmütige, dem keiner etwas Böses will, kann das Land wirklich besitzen, ohne es ständig verteidigen zu müssen. Klingt utopisch, leuchtet aber doch ein.

Ein junger Priester hatte mich beeindruckt, weil er in der Friedlichen Revolution die Seligpreisungen erfüllt sah.

Das erste Gespräch in Dresden begann am 9. Oktober 1989 vormittags. Die Montagsdemo vom 9. Oktober in Leipzig endete nicht im befürchteten Blutbad. Die SED strauchelte, die Mauer fiel, das Volk lernte den aufrechten Gang. Freie Wahlen im Mai, Beitritt im Oktober. Ein Jahr nach den historischen Oktobertagen ist die DDR-Geschichte. Leipzig und Dresden sind Städte in der Bundesrepublik Deutschland.

Haben die gewaltlosen Demonstranten das Land geerbt?
Das werden viele von denen, die einst ganz bewusst auf die Straße gegangen sind, ganz anders empfinden. Sie werden die unerfüllten Träume und Hoffnungen sehen, sie werden vertane Chancen anführen. Viele der Träume von 1989/90 waren schon gescheitert, bevor sie zu Ende geträumt waren. Noch bevor der Vogel das Fliegen lernte, waren die neuen, oft modern anmutenden und golden glänzenden, Käfigtüren sorgfältig verschlossen.

Ich erinnere mich noch an den Besuch des Bundeskanzlers im November 89 in Dresden. Stimmungsmäßig war hier bereits zu ahnen, dass ein reformierter Staat, ein wirklicher Neubeginn nicht mehrheitsfähig war. Die Euphorie des gemeinsamen Aufbruchs schlug allmählich um. Aus "Wir sind das Volk" wurde "Wir sind ein Volk".

Es gibt inzwischen zahlreiche Einschätzungen der damaligen Lage, die weitgehend übereinstimmend zum Schluss kommen, dass dies, die schnelle staatliche Einheit Deutschlands auf dem Weg des Beitritts, die einzige sinnvolle, vielleicht sogar die einzig mögliche Chance war, die unsägliche Ost-West-Teilung Europas und die Spaltung Deutschlands friedlich zu überwinden, eine bestandsfähige europäische Friedensordnung herzustellen.

Aber geträumt haben viele etwas anderes. Die einen nannten es, befangen in den Formulierungen von 40 Jahren SED-Herrschaft und Staatsbürgerkundeunterricht für alle einen "Sozialismus mit menschlichen Zügen". Andere wollten noch mehr Demokratie wagen oder einfach Ballast abwerfen: Waffen, Armeen und Militärbündnisse etwa. Ökonomische Ungerechtigkeiten. Verkrustete Staatsstrukturen. Eingefahrene Gleise, angehäufte Besitzstände, Lobbysysteme. Reformstaus.

Doch bevor der Traum, wie man die Einheit gestalten könne, konkret wurde, bevor der Plan für das neue Haus entworfen war, hatte man sich schon für den Anbau an das alte entschieden.

Möglicherweise wird der junge Priester von damals, der inzwischen graue Haare hat, heute auch nicht mehr dazu stehen, dass die damals Gewaltlosen das Land geerbt hätten. Aber sie haben den aufrechten Gang geübt. Mit ihren bewusst friedlichen Protesten haben sie den alten und ungerechten, den, nach Rolf Henrich, "vormundschaftlichen" Staat, die Diktatur einer entfremdeten Parteiführung zum Zusammenbruch getrieben.

Selig die keine Gewalt anwenden, sie werden das Land erben. 20 Jahre nach der Friedlichen Revolution muss man wohl konstatieren, dass es nicht so einfach ist, das Jesus-Wort direkt auf diese Ereignisse zu beziehen. Es ist durchaus denkbar, dass mancher, der inmitten der bewegten Tage gelebt und agiert hat, eine Ahnung davon bekommen hat, wie es sein kann. Aber die schöne Vorstellung, dass man einmal das Ererbte besitzt und die Verheißung erfüllt ist, bleibt wohl eine Utopie.

Sicher kann man nun auf die Bessere Welt am Ende der Tage hoffen. Aber ich glaube, dass die Zusagen der Bergpredigt tatsächlich auf das Zusammenleben der Menschen hier und heute zielen. Vielleicht im Sinne eines Prozesses, einer Entwicklung.

Vielleicht auch nur in ganz persönlichen Erfahrungen. In den berühmten kleinen Schritten. In der Partnerschaft, in Familien, im konkreten Lebensumfeld. Je mehr Sanftmut und Gewaltlosigkeit, die Bereitschaft zum Frieden mein Leben prägen, um so mehr nähere ich mich dem Verheißenen.
Merkwürdigerweise fällt mir hier Goethe ein: Wer immer strebend sich bemüht.

Zitate:
• Eckhard Bahr "Sieben Tage im Oktober – Aufbruch in Dresden, Forum-Verlag Leipzig 1990
• Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart
• Hannah Arendt "Macht und Gewalt [On Violence]", Piper Verlag München 1970
• Rolf Henrich lieferte mit seinem Buch "Der vormundschaftliche Staat"(erschienen 1989 bei RoRoRo) die Analyse für das Scheitern der DDR, bevor sie scheiterte: Es wurde im Jahr 1989 zum heimlichen Bestseller.

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrer Lutz Nehk, dem katholischen Senderbeauftragten für Deutschlandradio Kultur.

Feiertag

Bei den Dresdner Kapellknaben zu HauseVerkündigung direkt ins Herz
Die Dresdner Kapellknaben stehen am 19.12.2013 in der Staatskanzlei in Dresden (Sachsen) beim Adventssingen nebeneinander. Foto: Sebastian Kahnert/dpa | (dpa-Zentralbild/Sebastian Kahnert)

"Wer singt, betet doppelt", sagt Augustinus. Die Dresdner Kapellknaben folgen diesem Rat seit mehr als 300 Jahren. An Sonn- und Feiertagen erklingt ihr Gotteslob in der Dresdner Kathedrale, der einstigen Hofkirche. Durch seinen exzellenten Gesang schaffte es der Knabenchor sogar auf die Welterbeliste. Ebenso gepflegt wird ein christliches Gemeinschaftsleben, das Kinder und Jugendliche nachhaltig prägt. Ein Porträt.Mehr

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