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Nachspiel | Beitrag vom 07.02.2016

Selbstorganisierte AktivitätenAuslaufmodell Sportverein?

Sebastian Braun im Gespräch mit Jörg Degenhardt

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Auf dem alten Flughafen Tempelhof ist auch viel Platz für Sportler. Hier sehen wir einen Wind-Surfer auf einem Brett mit Rollen und Segel. (picture-alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)
Auf dem alten Flughafen Tempelhof ist auch viel Platz für Sportler. (picture-alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)

Viele Menschen gehen heute selbstorganisiert in öffentlichen Räumen sportlichen Aktivitäten nach. Auf dem Berliner Tempelhofer Feld tummeln sich Kitesurfer, Lenkdrachensegeler oder Inlineskater. Steht dabei die Existenz von Sportvereinen auf dem Spiel?

Fußball im Verein – war gestern. Heute tummeln sich Sportler häufig zum Beispiel auf dem Tempelhofer Feld, der riesigen Freifläche mitten in Berlin. Ob Kitesurfen, Lenkdrachensegeln, auf dem Tempelhofer Feld – funktioniert prima ohne Verein.

Bewegung außerhalb von Vereinen ist das grob gesagt informeller Sport? Sebastian Braun, Professor für Sportsoziologie an der Humboldt Universität Berlin:

Sebastian Braun: Die Abgrenzung ist natürlich schwierig. Mittlerweile gibt's über 90.000 Vereine mit über 27 Millionen Mitgliedschaften. Man kann jetzt nicht von der Erosion des Vereinswesens und einer enormen Expansion des Informellen Sektors sprechen. Sondern, ich würde sagen, es ist eher zweigeteilt. Auf der einen Seite hat das Vereinswesen einen enormen Boom erlebt, der jetzt auf hohem Niveau stagniert, so eine Art Deckeneffekt erreicht und sich da auf nem hohen Niveau stabilisiert.

Und auf der einen Seite, das ist vollkommen richtig, haben wir eine ungeheure Expansion der Sportbeteiligung in selbstorganisierten Formaten, wo Menschen sich zum Sporttreiben im weitesten Sinne des Wortes treffen und wo auch der Sportbegriff ausfranst und in unterschiedlichste Richtungen sich ausdehnt.

Jörg Degenhardt: Da will ich mal zwei Zahlen dagegenhalten. Die informelle Lauf umfasst bundesweit, habe ich gelesen, angeblich 19 Millionen Menschen. Der Deutsche Leichtathletikverband hat aber nur um die 800.000 Mitglieder. Ist der Vereinssport, um es zugespitzt zu formulieren, dann vielleicht doch langfristig bedroht?

Sebastian Braun: Ich glaube, wenn Sie von Bedrohung sprechen, wäre das vielleicht ein bisschen viel, aber wir können über Bedrohung gleich noch sprechen, die kommt, glaube ich, aus anderer Richtung. Sie haben halt eine enorme Expansion der Sportbeteiligung im Ganzen, also die Beteiligung an Sportaktivitäten insgesamt ist gestiegen.

Und davon profitiert der Vereinssport genauso wie der Raum der selbstorganisierten Sportaktivitäten, wie auch die kommerziellen Sportanbieter, also Sportaktivität als Ganzes aus unterschiedlichsten Motiven heraus, betrieben mit unterschiedlichstem Verständnis von Bewegungsaktivität, ist in den letzten Jahrzehnten eben expandiert und davon ist ein großer Teil in den informellen Raum vorgedrungen.

Jörg Degenhardt: Und woher kommt dann die von Ihnen erwähnte Bedrohung für den Vereinssport?

Vereinssport hatte Monopolstellung

Sebastian Braun: Der Vereinssport hatte über Jahrzehnte hinweg unter dem Dach des DOSB und mit seinen Fachverbänden so eine Art Monopolstellung im Hinblick auf Sportaktivität, die nach bestimmten Wettkampfregeln organisiert sind, das ist dann überwiegend eine Sportaktivität gewesen für Kinder und Jugendliche, meistens eher für männliche Kinder und Jugendliche. Und darauf hat sich der Vereinssport konzentriert und der Rest fand ein bisschen an den Rändern statt.

Dann gab's diese Bewegung in den 70er-Jahren, die unter dem Stichwort zweiter Weg läuft, wo sich mehr und mehr Sportaktivitäten auch in diesen informellen Raum verlagert haben, aber dennoch war der organisierte Sport so etwas wie das politische Sprachrohr des organisierten Sports. Und seit den 80er-Jahren erleben wir einen Boom vor allen Dingen der kommerziellen Sportanbieter: im Fitnessbereich, im Gesundheitsbereich, der zunächst mal mobilisieren konnte, auch das weiterhin kann und parallel dazu diffundierte quasi die Sportaktivität in einen Raum des Informellen rein, vor allen Dingen auch in den städtischen Ballungsgebieten, die allesamt dazu beigetragen haben, dass wir diese enorme Expansion der Sportaktivität insgesamt beobachten können.

Jörg Degenhardt: Noch mal zum Stichwort Kinder und Jugendliche: Könnten denn aktuelle Ereignisse, ich nenne mal jetzt das jüngste Erfolgserlebnis, nämlich den Europameisterschaftstitel für Deutschlands Handballer, könnten solche Ereignisse zugunsten des Vereinssports dafür sorgen, dass vielleicht mehr Jugendliche wieder anmelden in den Vereinen?

Sebastian Braun: Ja, ich denke schon. Wir hatten was ähnliches ja beobachtet beispielsweise nach der erfolgreichen… oder sehr medial auch erfolgreichen Fußballfrauenweltmeisterschaft oder jetzt nach dem Weltmeistertitel der Herren im Bereich des Fußballs. Ganz bestimmt werden wir im Kinder- und Jugendbereich jetzt ein großes Interesse am Handballsport beobachten. Ob der dann langfristig dazu beiträgt, dass die Kinder und Jugendlichen dann auch wirklich wettkampforientierten Handballsport betreiben wollen, muss man so ein bisschen der Empirie mal überlassen.

Jörg Degenhardt: Herr Braun, was mich noch interessiert. Der informelle Sport, der findet ja ganz häufig auch im öffentlichen Raum statt, im Wald, im Park, auf Plätzen. Birgt das nicht auch Risiken, wenn dieser Raum vielleicht zunehmend bedroht ist? Wenn ich also zum Beispiel auch Angst haben muss, als Freizeitjogger beim Laufen durch den Park überfallen zu werden?

Sebastian Braun: Zunächst mal birgt er ja ne ganze Menge Chancen für die Stadtentwicklungsplanung. Über die Risiken können wir vielleicht gleich noch reden. Aber ich glaube, zunächst birgt er Chancen, dass Stadtentwicklungsplanung sich gerade in expandierenden Städten wie beispielsweise Berlin mit der Frage beschäftigt: Welche Sporträume brauche ich eigentlich, um einen adäquaten Raum zu schaffen, in dem Menschen ihren Bewegungsbedürfnissen nachkommen können. Denn alleine das zu berechnen auf der Basis von Mitgliedschaftsquoten in Vereinen wird zunehmend schwieriger das zu berechnen anhand von Freiflächen oder in Form von Sportplätzen oder Sporthallen.

Menschen suchen sich ihre Räume für Sport und Bewegung selbst 

Denn, wie wir ja sehen können, suchen sich die Menschen selbstorganisiert in den zivilgesellschaftlichen Strukturen selbst ihre Räume, in denen sie dann ihren Aktivitäten nachgehen. Also zunächst, glaube ich, ist das eine Chance, Städte attraktiv zu machen und auf die künftigen Bedürfnisse der nachwachsenden Generation so auszurichten, dass attraktive Freiflächen existieren.

Jörg Degenhardt: Und der öffentliche Raum böte ja auch die Chance, dass sich dort zum Beispiel Fußballmannschaften finden, aus ganz verschiedenen Ecken kommen die Mitspieler. Da zeigt sich ja auch die integrative Kraft des Sports, wenn dann zum Beispiel auch junge Leute mit Migrationshintergrund mit Deutschen zusammenspielen. Das ist ja auch die Chance des informellen Sports im öffentlichen Raum.

Sebastian Braun: Ja und nein. Also ich bin da so ein bisschen skeptischer vielleicht als Sie. Der öffentliche Raum mit seinen dann sehr stark lebensstil-orientierten Elementen, sich aktiv zu beteiligen, birgt natürlich auch ne Menge Formen von sozialen Ungleichheiten im Hinblick auf die Partizipation daran. Denn sie suchen sich ihre Gruppen etwas ähnlicher danach aus, wer auch in meinem Freizeitbereich zu meinem Umfeld passt. Ich wäre da etwas vorsichtiger, zu sagen, dieser informelle Freizeitraum ist der, der die soziale Ungleichheiten oder bestimmte Grenzziehungen in der Gesellschaft überbrückt, während der Vereinssport da distinktiver wäre. Das glaube ich nicht, ich würde fast in der Tendenz eher das Gegenteil behaupten.

Jörg Degenhardt: Das heißt, Vereinssport und informeller Sport wir brauchen sie beide, sie können beide voneinander lernen, beide jeweils von der anderen Seite etwas übernehmen, um sich auch in Zukunft positiv zu entwickeln?

Sebastian Braun: Ja, das glaube ich auf jeden Fall und sie koexistieren ja auch, wenn Sie bei meinen Studierenden beispielsweise nachfragen, anders als das vielleicht in meiner Generation noch war, was sie für Sport treiben, dann sind dort Mehrfachmitgliedschaften in Fitnessstudios für die Bedienung des einen Interesses, auch spät abends noch individuell Sport zu treiben, selbstverständlich genauso wie der wettkampforientierte Sport, den man vielleicht betreibt in einer Mannschaft und wo es ein organisiertes Regelwerk und einen Spielbetrieb geben muss, den man dann im Verein betreibt, dass das bei den nachwachsenden Generationen ne Form von Komplementarität erlebt, die vielleicht in älteren Generationen nicht so selbstverständlich war, davon gehe ich zunächst mal aus.

Jörg Degenhardt: Sebastian Braun war das, Professor für Sportsoziologie an der Humboldt Universität in Berlin. Wie vertragen sich informeller und Vereinssport? Das war unser Thema. Vielen Dank für das Gespräch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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