Donnerstag, 2. Oktober 2014MESZ10:36 Uhr

Aus der jüdischen Welt

NationalsozialismusFür die Opfer ohne Lobby
Rosen liegen am Mahnmal für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie-Morde" in Berlin-Tiergarten.

Hagai Aviel stellte die Namen von 30.000 NS-Euthanasie-Opfern ins Netz - illegal. Doch viele Angehörige waren dankbar für die Aktion. Sie gab einen Anstoß zur Errichtung eines Denkmals für Euthanasie-Opfer in Berlin.Mehr

KunstWiderstreitende Gefühle
Aufnahme vom 11.09.2014 während einer Pressekonferenz in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu seiner Ausstellung "Moshe Gershuni. No Father No Mother". Sie wird vom 13.09. bis zum 31.12.2014 gezeigt und ist die erste umfassende Einzelausstellung des bekannten israelischen Künstlers in Europa. 

Moshe Gershuni ist einer der wichtigsten israelischen Künstler, doch hierzulande kaum bekannt. Er gilt gleichzeitig als Avantgarde-Held und als Enfant terrible. Seine Bilder malt er mit Einsatz des ganzen Körpers. Mehr

Jüdische TraditionTage der Ehrfurcht
Ein jüdisches Gebetsbuch vor einer Menora

Die zehn Tage zwischen dem jüdischen Neujahrstag Rosch ha-Schana und Jom Kippur, dem Versöhnungstag, sind eine Zeit der Umkehr. Ein altes Gebet erinnert die Gläubigen in diesen Tagen an die Legende um einen reuemütigen Rabbiner.Mehr

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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 12.02.2010

Sekundenkleber zwischen den Menschen

Porträt des Kantors Teron Cohen

Von Gerald Beyrodt

Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin .
Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin . (AP Archiv)

Sie singen, und sie tun mehr als das: Kantoren verleihen der jüdischen Gemeinde eine Stimme gegenüber Gott. In der Synagoge Berlin-Mitte haucht Teron Cohen den liturgischen Texten Leben ein.

Sein Synagogengesang berührt. Kantor Teron Cohen setzt nicht nur Noten in Töne um, er legt Gefühl in seine Stimme: je nach Anlass, Feiertag und Text ein freudiges, trauriges oder ernstes Gefühl. Dass Teron Cohen schön und volltönend singt, versteht sich fast von selbst.

"Wenn wir singen, tun wir das mit unserer Seele. Wir singen mit unserer gesamten Lebenserfahrung. Mit all unseren Schmerzen und all unserer Freude. Es gab große Kantoren, die keine großen Sänger waren. Wenn die Seele spricht, hört jede Kreatur zu. Es funktioniert nicht mit dem lauten hohen C, das manche anderen Kantoren benutzen. Für mich sind es Anmut, Bescheidenheit und Demut, die inspirieren."

Zurzeit amtiert Teron Cohen in der egalitären Synagoge in Berlin-Mitte. Er vertritt die dortige Kantorin während ihrer Elternzeit. Viele Beter äußern sich begeistert über Cohen und sein detailliertes Wissen zur Liturgie.

Das hat er am Schechter-Institut in Jerusalem und am Jewish Theological Seminary in seiner Geburtsstadt New York erworben. Beides sind Masorti-Institutionen. Die Bewegung vertritt eine Mittelposition zwischen liberal und orthodox.

Teron Cohens Vater war Folksänger, viele seiner Vorfahren Kantoren. So wollte der heute 37-jährige die Familientradition wieder aufgreifen. Dabei war ihm der Kantorenberuf keineswegs in die Wiege gelegt: Als Jugendlicher wollte er Punkrocker werden und spielte als Drummer in einer Band. Vergleichsweise spät kam er mit einem Musikstudium zum Gesang und traf den Entschluss, Kantor zu werden: mit 24 Jahren.

"Das hebräische Wort für Kantor 'Chasan' bedeutet wörtlich übersetzt Visionär. Für mich heißt das: Ein Kantor haucht dem Text Leben ein. Er inspiriert die Gemeinde mit der Stimme, mit dem Körper und der Seele und bringt sie näher zu Gott. Das tun wir mit Musik. Außerdem ist der Kantor eine Art Botschafter. Er wird von der Gemeinde gewählt, um sie vor Gott zu vertreten."

Der Körper ist sein Instrument, sagt Cohen. Deshalb hält er sich seit zwölf Jahren mit Yoga fit. Schnell ist Cohen in ein Gespräch mit den Betern verwickelt. Ihm ist anzumerken, dass sie ihn persönlich interessieren. Der Kantorenberuf spielt sich nicht nur im Gottesdienst ab, sagt er.

"Ein Kantor ist der Sekundenkleber zwischen den Menschen. Ich bringe sie zusammen, ob ich nun mit Senioren Donuts esse und Kaffee trinke oder Kindern Bar-Mizwah-Unterricht gebe und sie ermutige, nach der Bar Mizwah in der Synagoge zu bleiben. Der Kantor spricht das Totengebet. Er ist für die Familie da, wenn sie einen geliebten Menschen verloren hat. Wir sind da, wenn Menschen geboren werden und wenn sie die Erde verlassen."