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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.10.2009

Seitenhiebe auf Kulturbanausen

Georg Kreisler: "Letzte Lieder", Arche Literatur Verlag, 156 Seiten

Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Der Kabarettist und Komponist Georg Kreisler legt mit "Letzte Lieder" eine Autobiografie vor - und rechnet dabei nicht nur mit bürgerlichem Kleingeist ab.

"Ich bin nicht kompromissbereit, wenn keine künstlerischen Gründe für einen Kompromiss vorliegen. Ich bin niemandem zu Diensten, und ich lasse mich nicht regieren." Kaum einer kann das so glaubhaft, weil mit seinem ganzen Leben, versichern wie Georg Kreisler. So einer hält sich auch nicht an Genres, er schreibt allenfalls "eine Art Autobiographie" und führt zu seiner Entschuldigung an, er habe bis heute den Sinn des Lebens nicht begriffen, deshalb bleibe ihm nur die Satire. Aber er ist ja auch gerade erst 87 geworden.

Man kann nur sagen, zum Glück hat sich der Alt- und Großmeister der gesungenen Satire - als der er vor allem berühmt ist - gegen chronologisch-korrekte Vollständigkeit entschieden. Er ist kein "Aufschreiber", er ist Künstler, und alle Kunst beginnt mit der Form. Die ist hier, kreislertypisch, auch in kein Genrekorsett zu pressen, sondern eine Art Liederzyklus, und die 15 einzelnen "Lieder" sind wiederum unterschiedlich gebaut und an- und ineinander komponiert.

Die einzelnen Stationen seines "Leben unter Zugzwang" - Flucht aus Wien 1938, Schule in Hollywood, mit der US Army zurück nach Europa, Musicalmacher für D-Day-Truppen, Verhördolmetscher bei Göring, Streicher, Kaltenbrunner als einer der "Ritchie Boys", Barpianist in New York, Leben und Überleben in Österreich, Deutschland, der Schweiz ab 1955 - erzählt er fast wie nebenbei.

Er durchsetzt sie mit Seitenhieben auf Kulturbanausen aller Art, europäische "Subventionsgewährer" wie amerikanische Geldanbeter oder Kritiker als Gralshüter des Dilettantismus. Beiläufig verreißt er das schlechte Deutsch von Richard Wagner oder Martin Walser, indem er einfach Texte zitiert, en passant enttarnt er den verdrängten Nazi hinter manchem Philosemiten.

Das alles kommt so leicht daher wie eine Serie delikater Amuse-Geules und Entrées, und eigentlich müsste man irgendwann fragen: Wo bleibt denn das Hauptgericht? Aber man tut es nicht. Man vermisst nichts "Schweres zum Beißen". Und das eben ist die Kunst dieses virtuosesten unter den lebenden Alchimisten der (deutschen) Sprache: An seiner Leichtigkeit hat man zu knabbern. Und zwar unvorhersehbar.

Plötzlich streut er ein rätselhaftes oder beinah halluzinierendes Gedicht zwischen Episoden aus seinem Leben. Das antisemitische Grundrauschen des Wiens von 1938, aus dem er floh, und des Wiens von 1960 und 2008 beschwört er mit einem skizzierten Theaterstück herauf. Erfahrungen mit "mythischen" Städten wie Wien oder Berlin, mit der Schweiz oder den USA, Gedanken über Künstlersein, Musik, Schreiben, Religion, Armut, Patriotismus, den ewigen Zusammenprall von Geist und Ungeist verdampft er zu Aphorismen von bestechender Klarheit.

Georg Kreisler ist ein Verdichter, und ein ziemlich radikaler, furchtloser obendrein. Anekdoten aus seinem Privatleben finden sich hier nicht, aber nicht weil er die Selbstentblößung scheut. Im Gegenteil. Er enthüllt viel Intimeres: schmerzhafte Details der ewig prekären Existenz seltsamer, unregierbare Künstlerseelen und ihrer ewigen Niederlagen. "Schreiben und schwimmen sind für mich Synonyme, ein ständiges Strampeln ohne Ufer in Sicht und unter gelegentlich schwammigen Boden unter den Füßen."

Besprochen von Pieke Biermann

Georg Kreisler: Letzte Lieder
Autobiographie

Arche Literatur Verlag
Zürich/Hamburg 2009
156 Seiten geb., 19,90 Euro

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