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Thema / Archiv | Beitrag vom 02.11.2007

"Seine Orgasmuslehre war mit viel Elend für die Menschen verbunden"

Sexualforscher Sigusch hält Wilhelm Reich für überschätzt

Moderation: Liane von Billerbeck

Der Psychiater, Psychoanalytiker und Sexualforscher Wilhelm Reich in seinem Labor in Maine, USA (AP Archiv)
Der Psychiater, Psychoanalytiker und Sexualforscher Wilhelm Reich in seinem Labor in Maine, USA (AP Archiv)

Der ehemalige Direktor des Instituts für Sexualwissenschaften, Volkmar Sigusch, hält die Sexuallehren Wilhelm Reichs für überholt. In der Geschichte der Sexualwissenschaften habe er "das Kapitel Reich" abgeschlossen, erklärte Sigusch.

Liane von Billerbeck: Er hat auf spätere Generationen gehofft, der Psychoanalytiker Wilhelm Reich, und deshalb vor seinem Tod 1957 angeordnet, dass sein Nachlass verschlossen wird – bis jetzt. Am Samstag wird im amerikanischen Orgonon ein Tresor mit einem Teil seiner Hinterlassenschaften geöffnet. Wilhelm Reich war nicht nur der begabteste Freud-Schüler, er hat als KPD-Mitglied des Massenpsychologen Hitler entlarvt und den zugegeben untauglichen Versuch gemacht, Marxismus und Orgasmus zu vereinen. In den USA, wohin er emigrieren musste, hielt man ihn in den 50er Jahren für einen Quacksalber, Reich hat nämlich eine Wettermaschine erfunden und nannte sie Cloudbuster. Kollegen erklärten ihn deshalb für verrückt, die Blaubeerzüchter allerdings, die ihn bei Dürre um Regen baten, haben dafür bezahlt. Doch die verrückteste Maschine, die er erfunden hat, das war der sogenannte Orgonakkumulator.

Am Telefon in Frankfurt am Main ist jetzt Volkmar Sigusch, der Psychiater, Arzt und Soziologe hat in Frankfurt am Main bis zu seiner Emiritierung 2006 das Institut für Sexualwissenschaft geleitet. Herr Sigusch, und damit guten Tag nach Frankfurt, Sie haben diesen Orgonakkumulator doch mal nachgebaut.

Volkmar Sigusch: Also ich bin ja kein Physiker, ich habe mich damals, um nun diese Geschichte erst mal ernst zu nehmen und dann ernsthaft zu klären – und wir hatten ja nur das Mittel der Wissenschaft, in dem Fall der Physik, das ist ja eine eindeutige, klare Wissenschaft, zur Verfügung – und da habe ich mich verbündet mit befreundeten Physikern. Die haben das im Max-Planck-Institut für Physik in Frankfurt am Main nachgestellt, nach den Anweisungen von Wilhelm Reich selbst und haben festgestellt, dass es diese Energieform, die er meinte entdeckt zu haben 1940, nicht gibt. Das war das Ergebnis. Und wir haben das ordentlich wie eine wissenschaftliche Arbeit publiziert. Seither bin ich für einige Anhänger dieser Art des Reichanismus natürlich kein enger Freund mehr.

Billerbeck: Am Samstag, Herr Sigusch, 50 Jahre nach dem Tod von Wilhelm Reich, wird in Orgonon im amerikanischen Bundesstaat Maine der Tresor mit einem Teil von Reichs Nachlass geöffnet. Was erhoffen Sie sich darin?

Sigusch: Ehrlich gesagt nichts. Ich denke, es liegt alles offen, und seine Positionen waren so eindeutig und klar, dass ich keine großen Geheimnisse erwarte.

Billerbeck: Wird überschätzt.

Sigusch: Das wird total überschätzt. Da werden endlose Papiere drin sein, wo er gemessen hat irgendwelche Strömungen und so weiter, und die werden dann falsch interpretiert werden.

Billerbeck: Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich ist ja für die einen ein großer Forscher, für die anderen sogar ein Guru, wieder andere nennen ihn Kommunist, und es finden sich bestimmt auch genug Reich-Gegner, die ihn schlicht für einen Spinner halten. Wer ist Reich für Sie?

Sigusch: Alles zusammen. Das kann ich ganz einfach beantworten. Auf der einen Seite ein großer Mann, der große Ideen hatte. Auf der anderen Seite jemand, der sich verrannte in Dimensionen, in denen man mit Wissenschaft nichts mehr beginnen kann.

Billerbeck: Sie sind ja selber Arzt, Sexualforscher und Soziologe. Wann haben sie denn Wilhelm Reich für sich entdeckt?

Sigusch: Ich habe ihn zwangsläufig durch die Studentenbewegung entdeckt. Er hatte ja dort eine bemerkenswerte Renaissance, übrigens als einziger Sexualforscher im weiteren Sinne neben Magnus Hirschfeld. Das ist keinem anderen vergönnt gewesen, dass das alte Werk aus der Zeit vor den Nationalsozialisten wiederentdeckt wird und von den jungen Leuten mit großer Hingabe studiert wird. Da war natürlich das besondere, dass er versprach in seinen Werken über Orgasmus, sexuelle Revolution, Einbruch der Sexualmoral und so weiter, dass wenn man die Zwangsmoral der bürgerlichen Gesellschaft überwinden würde und praktisch die Sexualität befreite, entfesselte, dass dann diese ganze menschenverachtende Gesellschaft in sich zusammenstürzen würde wie ein Kartenhaus. Das war die tolle Message, wie man heute sagen würde. Und das ist natürlich nach einigem Nachdenken dann und den Erfahrungen, die wir gemacht haben, eine ganz tolle Illusion.

Billerbeck: Reich hat ja versucht, Psychoanalyse und Politik in Einklang zu bringen. In den 20er Jahren hat er sich also für Empfängnisverhütung, Schwangerschaftsabbrüche in Krankenhäuser und auch für finanzielle und medizinische Unterstützung für junge Mütter eingesetzt. Er hat anders als die KPD, deren Mitglied er war, Hitler sehr früh als Massenpsychologen sehr ernst genommen. Wieso hat man denn bei der Linken in den 20ern und in den 30ern nicht auf seine Mahnungen gehört?

Sigusch: Ja, also dazu muss ich sagen, hier haben wir den großen Wilhelm Reich vor uns. Seine Massenpsychologie des Faschismus ist, glaube ich, ein ganz wesentliches Werk. Und sein Werk insgesamt steht ja für den sogenannten Freudomarxismus, das heißt den Versuch, Psychoanalyse einerseits, Marxismus andererseits zu verbinden. Wenn ich das mal übersetzen darf, also das seelische Geschehen, das psychologische Geschehen mit dem gesellschaftlichen, kulturellen Geschehen. Und das war ja eine ganz große Aufgabe der Zeit. Insofern war er genau auf dem richtigen Weg. Nur wir wissen heute, dass das nicht gelingen konnte, weil zwischen Gesellschaft einerseits und dem seelischen Geschehen andererseits oder den Individuen ein Hiatus, ein Abgrund klafft, den man nicht mit wissenschaftlichen Mitteln und schon gar nicht mit psychoanalytischen überspringen kann. Und insofern musste er scheitern. Er ist dann den Weg gegangen, dass er das Leben als solches entdecken wollte, das war zum Beispiel Orgon, und hat das Politische ganz verlassen und wurde zum reinen Naturalisten, der nur noch vom Orgasmus redete und von der reinen Heterosexualität, von der Genitalität. Alles andere, von Homosexualität bis zu anderen Vorlieben, konnte er nicht mehr interpretieren und hat er bekämpft.

Billerbeck: Das sind sozusagen seine Irrtümer, die sie jetzt eben so kurz zusammengefasst haben, oder sein Irrweg.

Sigusch: Das ist richtig, weil ich sehe zwei Wilhelm Reichs. Den einen, den man bewundern kann, Stichwort: Freudomarxismus, Massenpsychologie des Faschismus und so weiter und Fortführung der Psychoanalyse, Entwicklung neuer Körpertherapien. Dafür ist er heute weitgehend anerkannt. Und auf der anderen Seite der – muss man dann schon sagen – Sektierer, der sich vollkommen verrennt in einem Naturalismus, den es nicht geben kann. Natürliche Freiheit, natürliche Sexualität, das gibt es nicht, die Natur kennt nicht die Kategorie Freiheit. Die Natur ist amoralisch und so weiter. Also da beginnen dann die theoretischen und politischen Probleme.

Billerbeck: Man muss auch sagen, dass Wilhelm Reich immer auf der Flucht war. Er war über Luzern, über Norwegen, Oslo dann in die USA emigriert und hatte quasi keine Heimat mehr. Wie hat man denn in den USA in den 50 Jahren auf seine Forschungen reagiert?

Sigusch: Ganz negativ natürlich. Also er wurde als Quacksalber eingestuft und wurde, obwohl im das verboten worden war, weiterhin den Orgonakkumulator benutzte oder vertrieb sogar, wurde er mit zwei Jahren Gefängnis bestraft. Und er ist ja auch vor exakt 50 Jahren in einem Gefängnis in den USA gestorben.

Billerbeck: Er ist auch in den USA, und das ist vielleicht besonders bitter für ihn gewesen – ja in der Hochzeit McCarthy's hat er gelebt. Und da sind zum zweiten Mal die Bücher von Reich verbrannt worden. Was ist das eigentlich für ein Zeichen gewesen?

Sigusch: Ja, das ist auch richtig. Es ist angeordnet worden, dass alle Schriften, die von dieser Quacksalberei handelten, dass die vernichtet werden sollten. Also soweit ich weiß, hat das auch tatsächlich stattgefunden.

Billerbeck: Wenn man heute anguckt, was von ihm geblieben ist, was sollten denn Schüler heute noch lernen, Studenten, die sich mit dem Fach Psychoanalyse et cetera beschäftigen? Was ist von Wilhelm Reich das, was bleibt?

Sigusch: Oh Gott, da bringen Sie mich jetzt in große Schwierigkeiten, weil ich habe das Kapitel Wilhelm Reich im Sinne der Universitätslehre oder der Geschichte der Sexualwissenschaft abgeschlossen. Ich hätte jetzt große Schwierigkeiten ein Werk zu nennen, also Funktion des Orgasmus und so weiter, weil diese Orgasmokratie, der er aufgesessen ist – es war ja eine Welle, die lief über einige Jahrzehnte, die haben wir ja Gott sei dank überwunden. Die war ja mit viel Elend auch für die Individuen verbunden, weil wenn Sie nur an Frauen denken, die nicht zum Orgasmus kommen, dann immer dieses Schwert vor ihnen schwebte, wenn sie nicht den Orgasmus bekommen, dann sind sie unreif, dann sind sie neurotisch, dann leben sie eigentlich gar nicht.

Billerbeck: Am Samstag soll nach 50 Jahren der Tresor geöffnet werden, indem Reichs Nachlassteil verwahrt ist in den USA. Wir sprachen darüber mit dem einstigen Direktor des Instituts für Sexualwissenschaften, mit Volkmar Sigusch.

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