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Profil / Archiv | Beitrag vom 24.07.2013

Sein Gentrifizierungsblues

Der Klang- und Lebenskünstler Dirk Dresselhaus

Von Cornelius Wüllenkemper

Dirk Dresselhaus hat sich auch als Gitarrist einen Namen gemacht.
Dirk Dresselhaus hat sich auch als Gitarrist einen Namen gemacht. (Stock.XCHNG / Dora Pete)

Musikgenres sind für den Klangexperimentator Dirk Dresselhaus nur äußere Hülle. Ob klassischer Blues oder elektronische Klangkollagen: Er entdeckt Grundmuster auch im scheinbar Gegensätzlichen. Und dann entsteht "kosmische Musik" in seinem Berliner Kellerstudio.

"Also ich bin überzeugter Autodidakt."

Dirk Dresselhaus, 42 Jahre alt, gebürtiger Ostwestfale, feines Gesicht mit dunkler Hornbrille und einem Lächeln, das ebenso schelmisch-ironisch wie verlegen wirkt, erzählt, wie er Musiker geworden ist:

"Als ich zwei Jahre alt war, habe ich angefangen, auf einer Zinkbadewanne mit Kochlöffeln rumzutrommeln. Mit sieben ungefähr habe ich angefangen, Gitarre zu spielen. Zur gleichen Zeit habe ich mir ein Schlagzeug gebaut aus alten Waschmitteltrommeln und Pinseln als Sticks. Dann hab’ ich das Abitur abgebrochen, aber dann auch mit meiner Band halt viel gespielt, und dann irgendwie das große Glück gehabt, da irgendwie von leben zu können."

Alles ohne Plan und ohne nachzudenken einfach "kommen lassen", so scheint das Leben und auch die Musik des Sohns zweier Lehrer aus Bielefeld zu funktionieren. In den 90er-Jahren hat Dirk Dresselhaus sich gemeinsam mit ein paar Schulfreunden als Sänger und Gitarrist der Indierock-Band "Hip Young Things" einen Namen gemacht, spielte im Vorprogramm von Beck Hansen und den Ramones. Das Prinzip der Hip Young Things: Keiner der Musiker sollte sein Instrument wirklich beherrschen.

"Erst mal ging es uns um Spaß und um einen ... dilettantistischen Anteil. Auf der anderen Seite auch darum, dass ich bis heute auch die Erfahrung gemacht habe, dass wenn man irgendwas in die Hand nimmt, an das man nicht gewöhnt ist - zum Beispiel ein spezielles Instrument, aber das gilt auch für andere Dinge - dass man das irgendwie mit einem anderen Bewusstsein spielt, weil man sich mehr Mühe geben muss, und dadurch a) was lernt, und b) einen eher kindlichen Ansatz hat."

So hat der ewig Neugierige Mitte der 90er auch angefangen, mit elektronischen Effektgeräten und Samplern herumzuspielen, ein neues musikalisches Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wenig später unterschreibt er als "Schneider TM" einen Vertrag beim legendären Berliner Indie-Label City Slang und zieht in die Hauptstadt.

In Berlin stürzt sich Dirk Dresselhaus in immer neue musikalische Entdeckungsmissionen, arbeitet als Remixer, Filmmusiker und Hörspielproduzent. Mit Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten greift Dresselhaus neuerdings auch gern zur Blockflöte, daneben spielt er in einem akustischen Country-Trio oder baut mit dem Noise-Duett "Angel" hypnotische Klangwände aus Kirchenorgeln, Bassklarinette und Synthesizer auf.

Tägliche Lärmbeschallung durch die Bauarbeiter

Für sein kürzlich erschienenes Album "Construction sounds" hat Dresselhaus wieder dem natürlichen Gang der Dinge vertraut. Über acht Jahre hatte er in einer Altbauwohnung inmitten zahlreicher Großbaustellen gelebt - ein Zeichen des Umbaus vom ehemaligen Berliner Arbeiterquartier Prenzlauer Berg zu einem Viertel für Besserverdienende. Kurz bevor er an der täglichen Lärmbeschallung durch die Bauarbeiter verzweifelt ist, entwickelte der Musiker die Idee für sein nächstes Projekt:

"Es gibt einfach Rhythmus bei diesen Arbeiten, und ich glaube, dass die sich unterbewusst irgendwie beeinflusst haben und dann irgendwie gejamt haben. Und ich hab’ halt mitgejamt."

"Construction sounds", eine gesampelte atmosphärisch-meditative Musikkollage aus Bohrhämmern, Schleifmaschinen und Hydraulikpumpen, ist für den genresprengenden Freeform-Musiker sein ganz persönlicher "Gentrifizierungsblues":

"Im Blues geht’s ja auch darum, dass man über seine Sorgen singt und sie dadurch los wird. Und so ähnlich bin ich das bei 'Construction Sounds' auch angegangen, weil durch die Verarbeitung der Baustellen in meiner Musik habe ich versucht, das Problem halt loszuwerden. Und insofern ist da schon eine Parallele zum Blues."

... sagt Dresselhaus lächelnd, während er hinter doppelverglasten Fenstern in seiner Neubauwohnung im Prenzlauer Berg sitzt. Die Befreiung vom Baustellenlärm, die neue Wohnung im Non-Profit-Hausprojekt, in dem Dresselhaus seit einigen Monaten mit seiner Partnerin, der japanischen Tänzerin Tomoko Nakasato, wohnt – all das, glaubt er, hat ihm die "unbewusste Synchronität" beschert, der er in seiner Musik und auch in seinem Leben viel Platz einräumt:

"Das ist halt auch die Schönheit daran oder das, was ich als ‚kosmische Musik’ bezeichnen würde, weil es gibt einen absoluten Zusammenhang dazwischen. Der ist aber nicht forciert, sondern der passiert automatisch. Das ist halt so wie - genau, wie die Baustellengeräusche. Es geht um Bewusstseinserweiterung bei allen Sachen, die ich mache."

Mit dem Umzug in den Neubau fand Dresselhaus auch die Möglichkeit, sich ein professionelles Kellerstudio einzurichten, natürlich komplett schallisoliert. Zwischen Gitarren, seinem alten Schlagzeug, Drum-Computern, Effektgeräten und Samplern ist er hier zu jeder Tages- und Nachtzeit auf der Suche nach neuen musikalischen Entdeckungen und Abenteuern.