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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 14.12.2011

Sei unbequem - aber nicht uns!

Über Anpassung und Nonkonformität

Von Sebastian Wessels

Gerauchte oder nicht gerauchte Zigaretten von Ex-Kanzler Schmidt sind immer wieder eine Meldung wert. (AP)
Gerauchte oder nicht gerauchte Zigaretten von Ex-Kanzler Schmidt sind immer wieder eine Meldung wert. (AP)

"Aus Respekt vor der ungewöhnlichen Kulisse rauchte er diesmal nicht eine einzige Zigarette.” So endete kürzlich ein Artikel des "Stern" über ein Wirtschaftsforum im Hamburger Michel, wo unter anderen Altbundeskanzler Helmut Schmidt zur Eurokrise gesprochen hatte. Ein gutes Vierteljahrhundert nach Schmidts Kanzlerschaft hat sein Wort Gewicht.

Seine Reden und Interviews einschließlich dabei gerauchter oder eben auch nicht gerauchter Zigaretten sind immer eine Meldung wert, und im vergangenen Jahr ging er aus einer "Spiegel"-Umfrage als höchste moralische Instanz der Deutschen hervor. Die kühle Arroganz, für die man den Kanzler seinerzeit hasste, wird nun als unbestechlicher Eigensinn bewundert – und für den ist die Zigarette natürlich ein treffender Ausdruck.

Wir mögen unsere Stars und Helden mit Ecken und Kanten. Die rustikalen wie Schmidt, die schrulligen wie Marcel Reich-Ranicki, die streitsüchtigen wie Henryk M. Broder, die dreisten wie K.-T. zu Guttenberg und die unverblümt korrupten wie Silvio Berlusconi. Es sind zugeschriebene Eigenschaften wie Authentizität, Standhaftigkeit und Originalität, die sie zu Vorbildern machen und außerdem unterhaltsam sind.

Konformisten stehen weniger hoch im Ansehen. Zu den gängigsten Vorwürfen gegen Politiker gehört der des opportunistischen Einknickens; Angela Merkel wird das bestätigen. Wir schütteln den Kopf über die Leute, die Masse, wenn nicht sogar die Herde, die aus Faulheit, Feigheit oder Unfähigkeit auf eigenes Denken verzichtet und stattdessen den gängigen Mainstream-Meinungen folgt. Uns selbst zählen wir nicht dazu.

Vom Charisma des Unangepassten zeugt neben unserer Faszination für Helmut Schmidts Zigaretten auch die Tatsache, dass nach aktuellen Umfragen 60 Prozent der Bevölkerung mit der Arbeit von Guttenberg zufrieden sind, obwohl der seit Monaten gar nicht arbeitet. Vorerst gescheitert ist er trotzdem, weil auch seine Gegner zahlreich sind, deren Liebe zu eigensinnigen Normverstößen er überstrapazierte. Nun bekam er den Konformitätsdruck zu spüren, den Demokratie und Mehrheitsprinzip mit sich bringen.

Der "Zeit"-Kolumnist Harald Martenstein nannte das neulich den "Sog der Masse”, und schon im Jahr 1840 beobachtete Alexis de Tocqueville in Amerika eine "Allmacht der Mehrheit”, die er für die größte Bedrohung der Freiheit in der jungen Demokratie hielt.

Die Mehrheit definiert die Grenzen des Akzeptablen. Wer mit diesen Grenzen spielt, macht sich interessant, aber wer sie zu weit überschreitet, egal ob Plagiator oder Prophet, riskiert die Verbannung.

Etwas größeren Spielraum hat die Nonkonformität, wenn sie folgenlos ist. Deshalb wurde Helmut Schmidt in sicherem Abstand zur Macht zum Volkstribun. Und deshalb durfte ein Reich-Ranicki in seiner Literatursendung schimpfen und zetern, soviel er wollte, prallte aber an eine Mauer höflich-betretenen Schweigens, als er auf einer Fernsehpreisverleihung die Niveaulosigkeit des Fernsehens beklagte. Im Zweifel stellt der öffentliche Betrieb selbst die Folgenlosigkeit sicher. Henryk M. Broder zog seine Kandidatur für den Vorsitz des Zentralrats der Juden in Deutschland im Oktober 2009 bereits nach zehn Tagen wieder zurück; der Zentralrat hatte sie nach Bekanntwerden als "lustige Fantasie” bezeichnet. Und Berlusconis Beliebtheit ging in den Keller, als ein geplantes Sparpaket den Italienern unbequem wurde.

Die Karawane zieht weiter; kleinere Extravaganzen am Rande sind okay und Kursänderungen prinzipiell möglich, aber alles in allem zieht man entweder mit oder bleibt in der Wüste zurück.

Manchmal trifft dieses Schicksal einen originellen Geist, den wir schätzen, und wir schlüpfen in die Rolle des unangepassten Verteidigers der Freiheit, der den in Bedrängnis geratenen Provokateur gegen die Fackeln und Heugabeln des intoleranten Mainstreams in Schutz nimmt. Aber wenn der nächste Provokateur zur anderen Seite hin ausschert und uns damit selbst sauer aufstößt, sind wir ganz froh, uns auf diese Fackeln und Heugabeln verlassen zu können. Dann sind wir wieder selber der Mainstream.

Was uns dazu macht, ist dasselbe, was auch den gefeierten Nonkonformisten mit seinen Fans verbindet: gemeinsame Werte und Normen, in denen man sich gegenseitig bestärkt und bestätigt. Man nennt es auch Konformität.

Sebastian Wessels (privat)Sebastian Wessels (privat)Sebastian Wessels, geboren 1976 in Bremen, studierte Sozialwissenschaften in Hannover und Cardiff (Wales). Seit 2009 arbeitet er im Forschungsprojekt "Autonomie - Handlungsspielräume des Selbst" am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI). Gemeinsam mit Harald Welzer stellte er im September 2011 in der Zeitschrift "Merkur" erstmals Ergebnisse des Projekts vor. Neben der Konformitätsforschung gehören Gesellschaftstheorie und Nachhaltigkeit/Klimawandel zu seinen Arbeitsschwerpunkten.

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