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Interview / Archiv | Beitrag vom 03.02.2011

"Sehr wichtig für das Klima der Welt"

Vizedirektor der FAO lobt Fortschritte beim Waldschutz und bei der Wiederaufforstung

Eduardo Rojas im Gespräch mit André Hatting

Regenwald in Costa Rica
Regenwald in Costa Rica (Stock.XCHNG / Andres Ojeda)

Asien ist ein positives Beispiel für Eduardo Rojas, den Vizepräsidenten des Waldressorts bei der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO. Doch auf anderen Kontinenten schreitet der Verlust von Waldflächen ungebremst voran. Die Experten setzen auf ein Programm namens REDD.

André Hatting: Ohne die Wälder der Erde könnten wir nicht überleben, trotzdem geht die Rodung vor allem in den Tropen weiter. Mit dem internationalen Jahr der Wälder wollen die Vereinten Nationen gegensteuern. Gestern war in New York der Auftakt. Zeitgleich mit dem offiziellen Beginn des Jahres der Wälder hat die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO, ihren Zustandsbericht veröffentlicht. Eduardo Rojas ist Vizedirektor der FAO und jetzt am Telefon. Guten Morgen, Herr Rojas!

Eduardo Rojas: Guten Morgen!

Hatting: Der Zustandsbericht klingt katastrophal: Jedes Jahr verschwinden 13 Millionen Hektar Wald, das entspricht der Fläche Englands. Aber nur gut die Hälfte entsteht durch Aufforstung. Jetzt braucht man keinen Taschenrechner, um zu sehen: So retten wir den Wald nicht. Ist es längst zu spät?

Rojas: Nein, es ist nicht zu spät. Die Waldzerstörung hat in den letzten 30 Jahren sich mindestens um die Hälfte reduziert und wurde seit den 90er-Jahren um 37 Prozent heruntergefahren, und vor allem hat diese Verbesserung im Nahen Osten und in Asien stattgefunden, und da sehen wir durchaus Möglichkeiten, diese positiven Beispiele, die wir in China, in Vietnam, in Philippinen, Indien und so weiter, in Asien finden, durchaus auch in anderen zwei Regionen, die noch sehr viel Wald verlieren, in Afrika und Lateinamerika, dort auszubreiten. Denn wie gesagt, die Verhältnisse haben sich doch sehr verändert zur Vergangenheit, vor 20, 30 Jahren war … die ganzen Tropen waren eine Entwaldungsregion, und jetzt sehen wir, wie gesagt, in den Ländern Asiens vor allem entscheidende Verbesserungen. Und es ist ziemlich klar, womit das verbunden ist: mit entsprechenden Mitteln, die die Regierungen zur Walderhaltung investieren.

Hatting: Welche Mittel sind das?

Rojas: Das ist zum Beispiel, ich meine der Fall China, China forstet drei Millionen Hektar auf, das ist praktisch die Hälfte der Nettoentwaldung der Welt, das ist eine Fläche, die kein anderes Land schafft, und das sind entsprechend massive Mittel, die die chinesische Regierung jetzt investiert im Hinterland Chinas, gegen Erosion und Verwüstung aufzuforsten. Das ist zum Beispiel in der lateinamerikanischen Region, wo die Ziffern allgemein sehr enttäuschend sind, der Fall Costa Rica, die gegen die … die Gesamtregion die Wälder sich praktisch verdoppelt hat dank einer sehr eindeutigen Finanzierungspolitik des Waldes, über die Entgeltung von Umweltleistungen. Das heißt, wir haben im Moment ein differenziertes Bild, und wir können sehr wohl aus den positiven und negativen Beispielen lernen, um die auszubreiten. Eine große Gelegenheit besteht jetzt in den Klimaverhandlungen mit dem Instrument REDD, also dieses Instrument zur Reduzierung von den Emissionen aus Entwaldung, die Länder, die noch dahinterstehen, zu unterstützen, damit sie entsprechend Anreize haben, die Wälder zu erhalten.

Hatting: Zu dem REDD-Programm, also dass man quasi Geld bekommt für die Bewahrung des Waldes, als Gegenleistung, da soll eine Art Waldfonds geschaffen werden. Wie viel Geld ist in diesem Waldfonds drin, wer hat denn da schon eingezahlt?

Rojas: Im Moment ist praktisch die einzige Regierung, die sehr stark für REDD gepocht hat, Norwegen. Die haben um die zwei Milliarden Dollar investiert, aber die Idee ist, wenn REDD in den neuen Kyoto 2-, in den neuen Klimavertrag, der in Durban Ende des Jahres verhandelt wird, eingebettet ist, dann sollen die reicheren Länder, also die Länder des Nordens, auch ihre Kompromisse der Reduzierung der Emissionen auch damit abgelten können, indem sie in den Entwicklungsländern Mittel zur Verfügung über REDD bringen. Das heißt, dass dadurch nicht nur die staatlichen Finanzen, die im Moment sehr strapaziert sind in den entwickelten Ländern, sondern auch die Privatwirtschaft Mittel fließen würde. Und dann könnte man die geplanten 20, 30 Milliarden Dollar pro Jahr schaffen, denn ansonsten geht es praktisch um den Kampf zwischen den Entwicklungshilfemitteln, und da wollen wir natürlich nicht, dass die Walderhaltung damit bezahlt wird, dass weniger im Gesundheitsbereich oder im Bereich der Ernährung oder im Bereich der Infrastrukturen, der Erziehung investieren, sondern da müssen neue, zusätzliche Mittel herangeschafft werden.

Hatting: Aber Herr Rojas, Sie haben gerade davon gesprochen, dass optimalerweise bis zu 40 Milliarden Dollar im Jahr bereitgestellt werden könnten für diese Kompensation. Fakt ist aber, dass der Wirtschaftsfaktor Wald insgesamt 100 Milliarden Dollar den Menschen bringt. Das ist doch ein Missverhältnis. Wie wollen Sie das denn kompensieren? Das reicht doch gar nicht.

Rojas: Gut, das ist im Moment, diese 100 Milliarden, das ist, was die Holzeinnahmen bedeuten. Wir sind noch weit davon entfernt, zu wissen, wie viel die anderen forstlichen Projekte bringen.

Hatting: Also noch mehr, noch mehr als die 100 Milliarden Dollar.

Rojas: Wahrscheinlich das Doppelte mit Einbeziehung der holzlichen Produkte. Dazu kommen die ganzen Umweltleistungen, die noch wesentlich schwieriger zu bewerten sind. Der Fonds sollte nicht unbedingt nur eine totale Abgeltung davon sein. Er sollte ein Anreiz sein, dass die Länder sehen, dass der Wald nicht eine Bremse für ihre Entwicklung, sondern ein wichtiger Aktiv ihrer Entwicklung ist, denken wir an den ganzen Tourismussektor, denken wir an die Wasserversorgung und natürlich an Kohlenstoff, dass die den Wald mit einem Wert in Verbindung setzen. Die Zahlung sollte auch nicht nur dafür sein, dass sie den Wald nicht bewirtschaften, vor allem nicht roden, sondern dafür auch, dass dort, wo Wälder zerstört worden sind in der Vergangenheit – denken wir an Pakistan und die ganzen Überschwemmungen –, das ist vor allem, Mittel zur Verfügung zu stellen, damit dort, wo die Entwaldungsgründe verschwunden sind, dass wir auch die Wälder wieder aufstocken können, denn diese Aufforstungsaufgabe ist unheimlich kostenintensiv, aber sehr wichtig für das Klima der Welt.

Hatting: Herr Rojas, die Wälder sind auch eine ganz bedeutende Nahrungsquelle, 1,6 Milliarden Menschen, so die Schätzung der Vereinten Nationen, leben davon. Da besteht doch ein Widerspruch: Einerseits bieten die Wälder und deren Produkte eine Nahrungsquelle, andererseits sollen sie bewahrt werden. Wie bekommt man diesen Widerspruch gelöst?

Rojas: Das ist kein Problem, das ist dasselbe wie Binnenfischereibestände: Alle natürlichen Ressourcen haben eine Erneuerungsrate, und man soll einfach sie bewirtschaften innerhalb dieser Regenerierungsrate und nicht darüber. Und da haben wir gerade in Europa, ausgebreitet vom deutschsprachigen Raum in dem ausgehenden 18. Jahrhundert, das Prinzip der nachhaltigen Waldbewirtschaftung. Das hat ermöglicht, dass im Moment Europa die Wälder praktisch verdoppelt hat in den letzten 100 Jahren, und mit fünf Prozent der Waldfläche der Welt bringt Europa ein Viertel der Wertschöpfung der Wälder der Welt, vor allem auch auf dem Holzsektor. Das heißt, es gibt durchaus sehr gute Beispiele, wo wir also genau wissen, wie wir die Wälder zu bewirtschaften haben in einer Art und Weise, dass wir gleichzeitig sie aufbewahren, diese wichtige Umweltfunktion gewährleisten, aber gleichzeitig die Erfordernisse der heutigen Bevölkerung decken. Aber wie gesagt, das muss man mit einer ganz gezielten Politik, die es schafft, dass man diese Ressourcen entsprechend nicht übernutzt … Das ist in der entwickelten Welt nicht so kritisch, weil wir die Bevölkerung stabilisiert haben, das ist aber in Entwicklungsländern nicht immer der Fall. Die Bevölkerungsentwicklung geht sehr schnell, häufig ist es nicht klar, wem die Wälder gehören, wer sie bewirtschaftet hat, und heute gibt es da Übernutzungserscheinungen.

Hatting: Wollen wir hoffen, dass sich das durchsetzt. Das war Eduardo Rojas, er ist Vizepräsident des Waldressorts bei der FAO. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Rojas!

Rojas: Gern geschehen!

Informationen des Portals "Wald und Zukunft" über das Programm REDD