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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.07.2010

"Sehr, sehr knappe Etats"

Wie die Krise die Kunstvereine gefährdet

Kathrin Jentjens und Anja Nathan-Dorn im Gespräch mit Jürgen König

Viele Kunstvereine werden von der Finanzkrise hart getroffen (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Viele Kunstvereine werden von der Finanzkrise hart getroffen (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Für immer mehr Kunstvereine werden die Gelder aus der öffentlichen Hand und von privaten Sponsoren knapp. Der seit mehr als 170 Jahren bestehende Kölnische Kunstverein warnt daher: Die Krise bedroht einen traditionellen Teil der Kulturszene.

Katrin Heise: Der Kölnische Kunstverein wurde 1839 gegründet und es gibt ihn nach wie vor und nach wie vor fördert er mit Ausstellungen die zeitgenössische Kunst. Seit 2007 wird er geleitet von Anja Nathan-Dorn und Kathrin Jentjens und mit beiden sprach mein Kollege Jürgen König und wollte vorab wissen, wie viele Mitglieder dieser Kunstverein eigentlich aktuell hat.

Kathrin Jentjens: Ja, der Kölnische Kunstverein hat im Moment cirka 1600 Mitglieder.

Jürgen König: Und aus ihren Beiträgen finanziert sich der Verein?

Jentjens: Zu einem Teil. Also natürlich sind die Mitglieder ein wesentlicher Teil unserer Finanzierung, aber der Kölnische Kunstverein ist auch finanziert über die städtischen Zuschüsse, über Mitglieder, die den Kunstverein besonders fördern, und natürlich über die Projektgelder.

König: Anders als bei einem Museum sind ja bei einem Kunstverein die Mitglieder des Vereins wichtiger als das - sagen wir ruhig - normale Publikum. Wer sind Ihre Mitglieder, was sind das für Leute?

Anja Nathan-Dorn: Die Mitglieder in Kunstvereinen sind ganz unterschiedliche Leute. Das heißt, das ist also, Kunstvereine sind nicht besonders exklusiv, sondern sie sprechen eigentlich ein breites Publikum an. Es gibt natürlich auch professionelle Mitglieder, das heißt Künstler und Kulturschaffende, es gibt auch viele Sammler bei uns und das ist auch ein sehr wichtiger Teil unserer Mitglieder und es gibt aber auch einfach das ganz normale breite Publikum, das sich für zeitgenössische Kunst in Köln interessiert und ein bisschen mitverfolgen will, wie da so die Entwicklungen weitergehen. Also es gibt auch Familien, wo schon die Kinder, wenn sie geboren werden, Mitglied im Kunstverein werden.

König: Diese Auseinandersetzung, die es da gibt, stelle ich mir jedenfalls vor, schulen die auch - wie soll ich sagen - den Blick auf die Kunst?

Jentjens: Ja natürlich, also ich denke, eine der Hauptaufgaben des Kunstvereins ist natürlich die Vermittlungsarbeit. Wir haben mit den Mitgliedern ein sehr direktes Publikum, und wir bieten eben natürlich im Wesentlichen unsere Ausstellung öffentlich an, aber wir machen auch ganz besondere Programme für unsere Mitglieder. Das heißt, wir fahren mit ihnen auf Reisen jetzt zur Berlin Biennale, wir bieten Ausstellungsführungen an, wir schauen uns gemeinsam andere Ausstellungen im Rheinland oder in Deutschland an… Und da kommt man natürlich ins Gespräch und das ist natürlich sehr wichtig, wenn es darum geht, eine Sprache zu entwickeln für junge Positionen.

König: Die Künstler, kommen wir mal auf die zu sprechen. Der Kunstverein vergibt durch eine Jury jährlich 20 Atelierplätze. Wer arbeitet bei Ihnen?

Nathan-Dorn: Bei uns arbeiten im Moment 20 internationale Künstler zum Teil auch, zum Beispiel der Simon Denny, Claus Richter, es gibt aber auch Autoren und Musiker, zum Beispiel Mark von Schlegell, ein amerikanischer Autor und auch Kunstkritiker oder Oliver Tepel, der auch popkulturellen Zusammenhang relativ bekannt sind, das sind im Moment Leute, die bei uns arbeiten.

König: Sie unterliegen ja als Kunstverein nicht dem Druck, den die Museen haben, nämlich eine große Öffentlichkeit anziehen zu müssen. Ich kann mir vorstellen, dass sich daraus eine ganz andere Haltung zu Kunst ergibt, zu den Positionen der Gegenwartskunst, dass man freier ist, unbefangener, vielleicht auch risikofreudiger sein kann?

Jentjens: Das ist sicherlich richtig. Natürlich erreichen wir auch in Köln und auch international unser Publikum, aber wir sind natürlich im Vergleich zu den Museen und den Galerien auch unabhängiger, weil wir eben nicht darauf angewiesen sind, in erster Linie Arbeiten zu verkaufen, und auch nicht wirklich darauf angewiesen sind, das wirklich breite Publikum anzusprechen. Deswegen ist der Kunstverein natürlich auch in seiner Geschichte immer wieder bekannt geworden dafür, dass er Pionierarbeit geleistet hat zum Beispiel in der Videokunst oder in der Installationskunst, die natürlich sperrig ist und die aber eben auch dazu geführt hat, dass neue Sprachen in der Kunst entwickelt wurden.

König: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit den Direktorinnen des Kölnischen Kunstvereins Anja Nathan-Dorn und Kathrin Jentjens. Wir leben ja in Zeiten der Finanzkrise, die verschärft die ohnehin schon vorhandene Dauerkrise der Städte. Bedeutet die Krise der Kommunen auch eine Krise der Kunstvereine?

Nathan-Dorn: Das ist ganz sicher so. Die Kunstvereine sind ja grundsätzlich ein sehr starker Ausdruck von einem föderalen Kulturverständnis. Das heißt, sie arbeiten eigentlich als Scharnier zwischen dem internationalen Kunstbetrieb und dem jeweiligen lokalen Publikum. Und das ist sozusagen die wichtigste Funktion auch von Kunstvereinen. Und man muss schon sagen, dass die Finanzkrise, in die die Städte im Moment geraten - sowohl durch die Wirtschaftskrise als auch durch die aktuelle Bundeswirtschaftspolitik -, sich massiv in den Etats und den Möglichkeiten der Kunstvereine auswirkt. Das heißt sowohl bei den privaten Sponsoren brechen die Gelder weg als auch gleichzeitig bei der öffentlichen Hand. Und Kunstvereine arbeiten grundsätzlich mit sehr, sehr knappen Etats - das können sie auch, weil sie spontaner reagieren können als zum Beispiel Museen, und da kostet also die gleiche Art der Ausstellung eventuell einfach nur ein Drittel des Budgets -, aber das heißt natürlich, dass sobald jetzt zusätzlich was weg bricht, einfach gar nichts mehr möglich ist. Und das ist natürlich was, was Kunstvereine in der ganzen Republik im Moment sehr, sehr gefährdet.

König: Sehen Sie vielleicht neben der Entwicklung, die Sie beschrieben haben, auch ganz generell eine Krise des Bürgertums, will sagen ein Nachlassen des bürgerschaftlichen Engagements?

Jentjens: Das kann man vielleicht nicht so generalisierend sagen. Es ist sicherlich so, dass man sich heute vielleicht nicht mehr so sehr mit einer Stadt identifiziert, weil die Mobilität der Personen natürlich sehr, sehr viel größer geworden ist und man natürlich viel, viel leichter und viel häufiger auch am Wochenende reist und man nicht selbstverständlich mehr das Abo im Theater, in der Oper und die Mitgliedschaft im Kunstverein hat, wie das vielleicht noch vor einigen Jahren der Fall ist. Gleichzeitig kann man aber eben auch beobachten, dass es natürlich ein wachsendes Interesse an der zeitgenössischen Kunst gibt und das natürlich auch ein neues Publikum zu uns in den Kunstverein führt.

König: Sie haben die Lage der Kunstvereine gerade zum Thema einer Ausstellung und einer Veranstaltungsreihe gemacht zusammen mit den Kunstvereinen von Düsseldorf und Bonn. Da sollen, wie es heißt, die institutionellen Herausforderungen für Kunstvereine im 21. Jahrhundert diskutiert werden. Welche sind denn das?

Jentjens: Das sind natürlich zum einen die Themen, die wir gerade angesprochen haben: Also wie stellen sich Kunstvereine auch in dem Zusammenhang und der Struktur des Kunstbetriebs zwischen Museen und Galerien auf, wenn man beobachten kann, dass zum Beispiel auch die Museen immer mehr zeitgenössische Kunst zeigen, was natürlich auch den Erfolg der Kunstvereine spiegelt, aber was aber auch dazu führt, dass Kunstvereine natürlich neu überlegen müssen, wie sie sich positionieren in diesem Feld, aber auch wie man natürlich sein Publikum gewinnt und behält. Das sind sicherlich Fragen, die wir diskutieren wollen sowohl mit Kollegen, aber auch mit Soziologen. Und es geht aber natürlich auch um programmatische Fragen.

König: "Die Letzten ihrer Art" haben Sie das Projekt genannt in Anspielung auf das berühmte Dinosaurierbuch von Douglas Adams. Das klingt jetzt nicht sehr hoffnungsfroh! Sehen Sie denn die Kunstvereine als die Letzten ihrer Art?

Nathan-Dorn: Also "Die Letzten ihrer Art" ist ja eigentlich ein sehr selbstbewusster Titel, würde ich ja auch behaupten, denn tatsächlich ist es natürlich so, dass die Kunstvereine - und da sind sich nicht viele Leute darüber im Klaren -, die Kunstvereine sind natürlich sehr, sehr alte Kunstinstitutionen. In Köln ist der Kunstverein praktisch die älteste Einrichtung für bildende Kunst überhaupt. "Die Letzten ihrer Art" heißt aber auch - und das ist natürlich genau der Fall, wie in dem Buch von Douglas Adams -, das sind auch seltene Vögel und die eventuell einfach schützenswert sind und man sich da auch von einem gesellschaftspolitischen Standpunkt aus überlegen muss, ob diese Institutionen nicht einfach für ein Stadtgefüge sehr wichtige Funktionen erfüllen auch in der Idee, dass man da eine Bildsprache entwickelt, die dann allen zur Verfügung steht oder so. Und diese Frage des Schützenswerten ist tatsächlich eine, die wir an dieser Stelle jetzt dann auch schon aufwerfen wollen.

König: Sprechen wir zuletzt noch mal über die Kunst selber. Moderne Kunst inhaltlich zu bestimmen, ist nicht einfach. Das kann eine intellektuelle Kunst sein, eine körperliche mit Performances zum Beispiel, das kann eine Bildkunst sein, die sich dann in Videos beispielsweise niederschlägt oder natürlich auch an Bildern, Ideenkunst, Konzeptkunst wiederum eher intellektuell ausgerichtet. Wie würden Sie die Frage beantworten, was zeitgenössische Kunst heute vermag?

Jentjens: Das ist eine schwere Frage, aber vielleicht geht es nicht so sehr darum, was die Kunst kann, sondern, was die Kunst versucht, anzusprechen. Also das ist uns zum Beispiel auch sehr, sehr wichtig, dass die künstlerischen Positionen, die wir in unser Programm aufnehmen, und die Künstler, die wir einladen, dass sie einen Bezug suchen zu der Debatte, die es vielleicht gerade in Köln gibt auch politisch oder gesellschaftlich, oder dass die Künstler, die wir einladen, Bezug nehmen auf die aktuelle Debatte, die im Kunstbetrieb geführt wird, also dass man wirklich darüber nachdenkt, wo man steht, und wie man vielleicht auch eine Frage formulieren kann, die eine bestimmte Diskussion öffnet. Das ist sicherlich ein wichtiges Kriterium.

Nathan-Dorn: Also ich denke, dass eine zeitgenössische künstlerische Sprache heute oft sehr abstrakt ist. Aber ein sehr schönes Beispiel in diesem Zusammenhang ist vielleicht auch eine Ausstellung, die wir gemacht haben, die hieß "Konzepte der Liebe" und in dieser Ausstellung ging es sehr stark dadrum, unter welchen Bedingungen man heute überhaupt noch zu etwas Ja sagen kann. Also in Deutschland gibt es ja schon zum Beispiel das Phänomen, dass man sich gerne sehr kritisch gegenüber Politik stellt, gegenüber Konzepten der Gemeinschaft stellt und sozusagen immer auch versucht zu formulieren - und sehr berechtigt versucht zu formulieren -, warum, an welcher Stelle man kritisch auf die Schwierigkeit in bestimmten Bezügen hinweisen muss. Und dann haben wir versucht die Frage zu stellen, unter welchen Bedingungen man denn etwas zustimmen kann, also an welcher Stelle man tatsächlich mal Ja sagen kann zu einer Bedingung und unter welchen Bedingungen man eben dann auch Zusammenleben organisieren kann. Und das ist natürlich sehr, sehr eingeschränkt vielleicht aus unserer Sicht nur möglich, aber das ist natürlich, eigentlich ging es uns dadrum, auch sozusagen da eine Möglichkeit zu öffnen und eine positivere Sicht auch wieder zu öffnen.

König: Macht Kunst glücklich?

Nathan-Dorn: Auf jeden Fall! Was soll man denn dazu sagen? Ja, natürlich macht Kunst glücklich!

Jentjens: Natürlich kann man …

König: Warum ist das so natürlich? Kunst macht ja auch viel Arbeit, wie Karl Valentin schon wusste …

Nathan-Dorn: Ja, das ist allerdings richtig, die Frage ist natürlich, ob Arbeit glücklich macht …

König: … machen kann auf jeden Fall!

Jentjens: Natürlich, aber es ist auf jeden Fall sehr bereichernd und es ist nicht so, dass man eben um fünf Uhr nach Hause geht und dann im Grunde völlig abschaltet, sondern man trägt diesen Gedanken oder die Diskussion, die man im Büro oder in der Ausstellung gehabt hat, natürlich irgendwie mit und das ist deswegen so bereichernd.

König: Kunstvereine in Deutschland - ein Gespräch mit Anja Nathan-Dorn und Kathrin Jentjens, den Direktorinnen des Kölnischen Kunstvereins. Ihre Veranstaltungsreihe "Die Letzten ihrer Art" ist zu erleben in Köln, Bonn und Düsseldorf bis zum 5. September. Mehr dazu auf der Internetseite die-letzten-ihrer-art.org. Frau Nathan-Dorn, Frau Jentjens, ich danke Ihnen und gutes Gelingen!

Jentjens: Vielen Dank!

Nathan-Dorn: Vielen Dank!

Heise: In unserer Serie "Kunstvereine" stellte Ihnen Jürgen König den Kölnischen Kunstverein vor. Informationen wie eben gerade gehört zur aktuellen Veranstaltungsreihe also auf der Internetseite www.die-letzten-ihrer-art.org. Morgen hören wir im "Radiofeuilleton" an dieser Stelle, was die Künstler den Kunstvereinen verdanken.

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