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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.10.2013

"Sehr hohes Risiko sexuellen Missbrauchs"

Caritas-Referentin über Gewalt gegen Frauen auf der Flucht

Vera Jeschke im Gespräch mit Christopher Ricke

Der Anteil der Frauen im Flüchtlingsstrom rund um Syrien sei hoch: Frauen und Kinder machen etwa 75 Prozent aus, sagt Vera Jeschke. (dpa / pa / Stenin)
Der Anteil der Frauen im Flüchtlingsstrom rund um Syrien sei hoch: Frauen und Kinder machen etwa 75 Prozent aus, sagt Vera Jeschke. (dpa / pa / Stenin)

Vor dem Syrienkrieg sind Hunderttausende geflohen, der größte Teil der erwachsenen Flüchtlinge sind Frauen. Sie haben oft dramatische Erfahrungen gemacht - im Kriegsgebiet, aber auch auf der Flucht, erklärt Vera Jeschke, die bei Caritas International für die Projekte im Nahen Osten verantwortlich ist.

Christopher Ricke: Europa diskutiert mal wieder seine eigene Asyl- und Flüchtlingspolitik, eine Woche nach dem Schiffsunglück vor Lampedusa. Dabei ist es der geringste Teil der Flüchtlinge, der sich auf den Weg nach Europa macht, der größte bleibt in der Region - die meisten wollen irgendwann mal wieder nach Hause.

Vor dem Syrienkrieg sind Hunderttausende geflohen, in die Türkei, nach Jordanien, in den Libanon, und der größte Teil der erwachsenen Flüchtlinge sind tatsächlich Frauen. Die Männer bleiben zurück, weil sie das Heim verteidigen, kämpfen oder schon gefallen sind.

Über das Schicksal der Frauen auf der Flucht sprach ich mit Vera Jeschke, sie ist bei Caritas International für die Projekte im Nahen Osten verantwortlich und insbesondere eben für Syrienflüchtlinge. Frau Jeschke, wie groß ist denn nach Ihrer Erfahrung der Anteil der Frauen im Flüchtlingsstrom?

Vera Jeschke: Der Anteil der Frauen im Flüchtlingsstrom rund um Syrien ist sehr hoch, ganz genau kann ich es nicht beziffern, aber Frauen und Kinder machen 75 bis 80 Prozent aus, je nach Region, je nach Land.

Ricke: Welche Erfahrungen haben denn die Frauen auf der Flucht gemacht?

Jeschke: Die Frauen haben oft dramatische Erfahrungen gemacht, einfach die Gefahr, die sie auf dem Weg erlebt haben, sie sind häufig ohne ihre Männer unterwegs mit ihren Kindern oder in größeren Familien und Nachbarschaftsverbünden, die Wege sind unsicher, sie sind lang, manche werden beschossen - also die Erfahrungen sind wirklich dramatisch.

Ricke: Die Stellung der Frau im Nahen Osten ist ja eine andere als in Mitteleuropa. Eine Frau auf der Flucht ohne Mann, vielleicht auch noch mit kleinen Kindern - wie schwer hat sie es denn auf der Flucht?

Jeschke: Sie hat es auf jeden Fall sehr schwer. Eine Frau braucht eigentlich immer einen männlichen Beschützer, das kann ein Teenagersohn sein, das kann ein Bruder sein, ein Onkel, wenn denn der Ehemann nicht verfügbar ist, und wenn all diese Männer ihr nicht zur Verfügung stehen, weil sie vielleicht noch sehr kleine Kinder hat, dann braucht sie in gewisser Weise einen Schutzpatron, also einer, der sich für sie zuständig erklärt, und dem sie dann in gewisser Weise folgen und gehorchen muss.

Ricke: Und wenn sie diesen Schutzpatron nicht hat, was passiert dann?

Jeschke: Viele Familien, viele Frauen mit ihren Kindern flüchten ja zum Beispiel in Großfamilienverbünden, in Nachbarschaftsverbünden, wo sich dann eine Person als Patron dazugesellt. Aber wenn eine Frau vollkommen schutzlos ist, dann hat sie natürlich ein sehr hohes Risiko sexuellen Missbrauchs, sexuellen Übergriffs, Gewalterfahrungen, körperlicher Gewalt, sexueller Gewalt, verbaler Gewalt, also ganz vieler verschiedener Gewaltformen, denen sie ausgesetzt sein kann.

Ricke: Zu den Grausamkeiten des Krieges gehört ja tatsächlich auch die systematische Vergewaltigung von Frauen und Mädchen. Kann man diesen Opfern, wenn sie dann Schutz gefunden haben, da helfen? Kann man ihnen erklären, dass sie wirklich Opfer sind und keine Mitschuld tragen?

"Diese Frauen sind häufig sehr allein mit ihrem Schicksal"

Jeschke: Das kommt natürlich auf den jeweiligen Flucht- und den Aufnahmekontext an. Ich bin ja vor allem im Kontext der Syrienkrise tätig, da sind die Geschichten von systematischen Vergewaltigungen noch nicht oder nicht systematisch belegt oder erfasst. Wir hören natürlich von Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind, und diese Frauen brauchen besonders viel Zuwendung, sie brauchen körperliche Unterstützung, sie brauchen unter Umständen Pflege, gynäkologische Betreuung, sie brauchen vor allem aber seelische Unterstützung durch vor allem andere Frauen, die ihnen wieder auf die Beine helfen, die ihnen zuhören, die ihnen therapeutische Angebote machen, die vielleicht in der Gruppe mit anderen Frauen, die ähnliche Gewalterfahrungen gemacht haben, sie sich gegenseitig unterstützen, hören, und ich habe schon häufig gehört, dass Frauen, die in diesen Gruppen sich austauschen, ein wenig erleichtert werden, weil sie sagen, die Frau und die Frau in der Gruppe, die hat vielleicht noch Schlimmeres erlebt, und das baut unter Umständen die einzelne Frau auf. Das ist natürlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Diese Frauen sind häufig sehr allein mit ihrem Schicksal.

Ricke: Nun kommen diese Frauen im besten Fall dann doch in Obhut, in ein Lager oder vielleicht sogar in eine eigene Unterkunft mit der Großfamilie. Gibt es dann dort darüber hinaus, was Sie gerade beschrieben haben, noch so etwas wie Solidarität und Verteilungsgerechtigkeit, oder gibt es dann wieder neue Probleme mit den Männern?

"Solidarität ist auf alle Fälle vorhanden"

Jeschke: Das kommt auch wieder auf den jeweiligen Kontext an. Häufig werden Frauen oder in der Regel werden Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, da, wo die Fälle tatsächlich erfasst sind, in Einrichtungen gebracht, wo sie mit ihren Kindern unter Frauen leben können, das heißt, in einen geschützten Raum, in Frauenhäuser, in sichere Unterkünfte.

Dort sind die Frauen unter sich und entwickeln doch wieder ein großes Maß an Solidarität. Natürlich muss man sehen: Eine stark traumatisierte Frau ist nicht in der Lage, soziale Beziehungen in der gleichen Weise zu pflegen wie eine Frau, die vielleicht auch Schlimmes erlebt hat, aber nicht in dem Maß traumatisiert ist. Das kommt immer auf den Kontext an.

Ich habe sehr, sehr viel Solidarität unter den syrischen Flüchtlingen in den Nachbarländern erlebt, in Jordanien, im Libanon. Die Menschen unterstützen sich gegenseitig mit Essen, sie geben sich Kleidung ab, sie rücken zusammen, nehmen noch eine Familie auf. Also Solidarität ist auf alle Fälle vorhanden. Natürlich werden Sie im Einzelfall immer auch eine Geschichte finden von einer Person oder einer Familie, wo eine Frau erneut unter die Räder gekommen ist.

Ricke: Die Caritas ist eine katholische Einrichtung, Caritas International arbeitet mit regionalen Caritas-Verbänden zusammen. Welche Motivation haben denn Ihre Mitarbeiter, die sich dann in diesen Ländern um Frauen, um Kinder, um Flüchtlinge kümmern? Ist das nur etwas zum Geld verdienen? Ist da ein gewisser christlicher Impetus dabei?

Jeschke: Da ist ein ganz großer christlicher Impetus dabei, der sich humanitär auswirkt, also auf keinen Fall missionarisch, aber humanitär. Unsere Partnerorganisation Caritas Jordanien hat zum Beispiel überall in ihren Büros Schilder aufgehängt, auf denen steht auf Arabisch, übersetzt: Caritas ist kein Job, es ist eine Berufung.

Und genau diesen Geist, den finde ich immer wieder bei meinen Besuchen vor Ort, dass sich die Menschen über ein quasi fast nachvollziehbares Maß engagieren. In Jordanien zum Beispiel haben wir 120 ehrenamtliche junge Menschen, die jeden Tag, also fünf bis sechs bis manchmal sieben Tage in der Woche für mehrere Stunden Hilfsgüter verteilen an syrische Flüchtlinge, Hausbesuche machen bei diesen Flüchtlingen und einen ganz, ganz großen Pfeiler unserer Arbeit vor Ort darstellen - ehrenamtliche.

Im Libanon haben wir das auch, aber eben dieses besondere Engagement, vielleicht der christliche Geist, der sich transformiert in eine humanitäre Mission, der ist hier sehr stark spürbar.

Ricke: Vera Jeschke, sie ist bei Caritas International für die Projekte im Nahen Osten mit verantwortlich. Vielen Dank, Frau Jeschke!

Jeschke: Gerne!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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