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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.03.2007

Sehnsucht nach sicherer Beschränktheit

Ian Buruma: "Die Grenzen der Toleranz - der Mord an Theo van Gogh". Carl Hanser Verlag, München 2007. 256 Seiten

Der ermordete niederländische Filmemacher Theo van Gogh
Der ermordete niederländische Filmemacher Theo van Gogh (AP Archiv / Willem ten Veldhuys/ Dijkstra b.v.)

Der niederländische Schriftsteller und Journalist Ian Buruma versucht die Ursachen für den Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh zu ergründen. In seinem Buch "Die Grenzen der Toleranz" zeichnet er ein überaus erhellendes, historisch ausgreifendes Panorama der niederländischen Gesellschaft und des Konflikts zwischen Mehrheitsgesellschaft und Einwanderern.

Der Schriftsteller und Journalist Ian Buruma, 1951 geboren, hatte die Niederlande 1975 verlassen, "getrieben von der traditionellen holländischen Wanderlust" und aus "Überdruss an der holländischen Idylle". Die schien endgültig zerbrochen, als Buruma im Winter 2004 zeitweise zurückkehrt, um zu verstehen, was in diesem Land aus dem Gleichgewicht geraten war - nicht erst seit dem Mord an dem Regisseur Theo van Gogh und der sich anschließenden Hysterie, sondern bereits mit dem rasanten Aufstieg des rechtspopulistischen Politikers Pim Fortuyn, der ebenfalls ermordet worden war.

Ihn porträtiert Buruma als Außenseiter und Dandy, als Meister des emotionalen Kitsches mit Begabung fürs Theatralische, als Trickster und diktatorischen Träumer. Zum Heilsbringer wurde er, die schrille Tunte, durch die offen formulierte Furcht vor den muslimischen Immigranten und seiner grundlegenden Kritik an der holländischen Politik der "Toleranz gegen die Intoleranz". Ein "Händler in Sachen Nostalgie", versprach er die Rückkehr zu einfacheren Zeiten, zum "Familienstaat": ein Volk, ein Land, eine Gesellschaft. In seiner Ablehnung der etablierten Politik traf er sich mit Theo van Gogh.

Unfehlbaren Instinkt für Schläge attestiert Buruma dessen Provokationsstrategien und giftigen Polemiken. Aus dem Geist pubertärer Empörung und dem Erbe der Provos gespeist, zeigen sie ein verwirrendes Changieren zwischen Spaß und Militanz. Die von van Gogh ritualisierte "Schimpfkritik" beschreibt der Autor als Mittel zur Distinktion in einem kleinen überschaubaren Land, als pietistisch unterfütterte Anti-Heuchelei.

Zur Verrohung der öffentlichen Rhetorik trug er gewiss bei. Gleichzeitig situiert ihn Buruma auf der Seite der "Rebellion gegen die Rebellion"; frühere Linke, die sich neokonservativen Positionen annähern, statt Multikulturalismus eine Dogmatisierung der Aufklärung betreiben, mit der Verve des Antiklerikalismus ihrer revolutionären Vergangenheit. Ketzer, Dissidenten und Konvertiten haben die Tendenz zur polarisierenden Grundsätzlichkeit, die Buruma auch in Ayaan Hirsi Alis Kompromisslosigkeit erkennt.

Viele Niederländer treffen sich mit konservativen Muslimen in der Sehnsucht nach sicherer Beschränktheit. Buruma lässt keine Zweifel daran, dass er verbohrte muslimische Gesprächspartner getroffen hat und verschweigt auch ihren abstoßenden Antisemitismus nicht. Die aus dem Internet genährte tödliche Mischung wie etwa bei Mohammed Boujeri, Theo van Goghs Mörder, sieht er als eine irregeleitete "revolutionäre Versuchung".

Trotzdem ist seiner Meinung nach der Bedrohung der "gemischten" Gesellschaft nicht beizukommen durch einen grundlegenden Angriff auf die Religion. Deshalb beschränkt sich der Autor auch nicht auf die Konfrontation von radikalem Islam und seinen heftigsten Gegnern, von religiösem Dschihad und radikaler Aufklärung als verschiedene Vorstellungen des Universalen. Er zeichnet ein überaus erhellendes, historisch ausgreifendes Panorama der niederländischen Gesellschaft und des auch anderswo so grundsätzlich gewordenen Konflikts zwischen Einwanderern und der Mehrheitsgesellschaft.

Dabei hat Buruma keine These, sondern ein Interesse. Es geht ihm nicht um Beweise, sondern er legt Tiefenschichten frei, lässt sich ein auf Situationen und Konfliktfelder, sprachliche Gesten und politische Inszenierungen. Vor allem beobachtet er genau. Sein Buch endet mit der warnenden Gleichung, dass die Feier der imaginären holländischen Gemeinschaft "Rückkehr in ein erfundenes Land (sei), nicht wirklicher als die moderne Phantasie eines holländischen Muslims von der reinen Welt der Propheten."

Statt aufzurüsten gegen "die Feinde der Demokratie" hält Buruma weiterhin den Wertepluralismus hoch. Schließlich geht es immer noch um die Frage, wie eine Gesellschaft beschaffen sein muss, die die Rechte der kulturellen Minderheiten schützt und dabei gleichzeitig ihre eigenen Freiheitsrechte nicht aufgibt. Das hat heftige, zum Teil äußerst polemische Gegenreaktionen hervorgerufen, ist nachzulesen bei Perlentaucher.de.

Rezensiert von Barbara Wahlster

Ian Buruma: Die Grenzen der Toleranz - der Mord an Theo van Gogh
Aus dem Englischen von Wiebke Meier
Carl Hanser Verlag, München
256 Seiten