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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.06.2007

Sehnsucht nach Selbstbestimmung und gutem Leben

Ludwig Harig: "Kalahari", Hanser, München 2007, 214 Seiten

Die Die Wüste ist für Harings Hauptfigur eine Chiffre seiner freiheitlichen Sehnsucht. (Rüdiger Maack)
Die Die Wüste ist für Harings Hauptfigur eine Chiffre seiner freiheitlichen Sehnsucht. (Rüdiger Maack)

Ludwig Harig beschreibt in "Kalahari" eine deutsch-französische Lebensfreundschaft. Er erzählt die Lebens- und Familiengeschichte seines Freundes Roland Cazet und von dessen Vater und Großvater. Sie ist unverkennbar ein französisches Spiegelbild der eigenen deutschen Geschichte.

Das Lebensmotto, das er immer wieder zitierte, stammte von seinem Vater: "Ich nehme mir das Meine, wo ich es finde." Ein Deutscher dürfte sich nach 1945 nicht an einer so imperial auftrumpfenden Maxime orientieren. Für einen Franzosen ist das etwas anderes. Ludwig Harig beschreibt in "Kalahari" die Geschichte einer deutsch-französischen Lebensfreundschaft.

Schon in seinem autobiographischen Roman "Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf", erzählte er von seinem Freund Roland Cazet, den er 1949, als er als Aushilfslehrer in Lyon arbeitete, kennenlernte. Der Frankreichaufenthalt war für den Saarländer Harig ein prägendes Erlebnis. Spätestens da begriff er, der auf einer nationalsozialistischen Eliteschule erzogen worden war, dass die Vorurteile der Völker nicht haltbar waren. "Unser Leben, so verschiedenartig es sich entwickeln sollte, es begann eigentlich erst in Lyon", schreibt Harig im Rückblick.

Die Freundschaft, die dort entstand, war die Antwort seiner Generation auf die "Erbfeindschaft" der Väter, die sich einst in Verdun gegenüberstanden und sich seither in Schweigen hüllten. Auch von dieser Gefangenschaft in den eigenen Traumatisierungen hat Harig, Jahrgang 1927, schon eindrucksvoll erzählt. In "Kalahari" liefert er nun die Lebens- und Familiengeschichte seines Freundes Roland Cazet und von dessen Vater und Großvater.

Sie ist unverkennbar ein französisches Spiegelbild der eigenen deutschen Geschichte. "Ein wahrer Roman" heißt das Buch im Untertitel, um die Frage nach Dichtung und Wahrheit gar nicht erst aufkommen zu lassen. Jede Lebensgeschichte ist Fiktion, wenn sie zur Erzählung verwandelt wird und eine narrative Struktur mit allen nötigen Ergänzungen und Ausschmückungen erhält.

Roland Cazet ist in vielem das Gegenteil von Ludwig Harig. Während Harig, 1927 in Sulzbach im Saarland geboren, dort fest verwurzelt blieb, zog es den französischen Freund hinaus in die Fremde – nach Äthiopien und schließlich bis auf eine kleine Insel in der Südsee. Im Unterschied zum Familienmenschen Harig blieb er unverheiratet. Die Wüste Kalahari ist eine Chiffre seiner freiheitlichen Sehnsucht, das eigene Stück der Welt zu finden und sich "das Meine zu nehmen". Aus der Ferne schreibt er immer wieder Postkarten, der Kontakt reißt niemals ab. Und fast in jedem Jahr taucht er irgendwann im Saarland auf, um dort die Gastfreundschaft zu genießen.

Wie in allen Büchern Harigs wird auch hier viel gegessen, getrunken und gefeiert. Die Lebensart des Saarländers ist französisch orientiert. "Und so saßen wir bei seinem nächsten Besuch abendelang um den Wohnzimmertisch, aßen Mutters Würstchen mit Kartoffelsalat und hörten Rolands Geschichten zu." Das klingt biedermeierlich-idyllisch, und war es wohl auch. Später dann, in den Jahren nach 1968, beziehen die Harigs ein Sommerhaus in Urweiler, wo allerlei Künstler, erregte Studenten und politisch Radikalisierte zu Gast sind.

Die bewegten Zeiten mit der Sehnsucht nach Selbstbestimmung und gutem Leben finden ihren Niederschlag auch auf dem Land – ganz ähnlich wie das Christa Wolf zehn Jahre später in ihrem Roman "Sommerstück" für die DDR beschrieben hat. Es ist eine erstaunliche Übereinstimmung, denn nichts könnte dem frankophilen und ganz und gar nach Westen orientierten Harig fremder sein als die DDR – auch wenn mit Erich Honecker dort ein Saarländer regierte.

Am Ende ist Roland Cazet ein kranker Mann, der auf elende Weise an Krebs stirbt. Zuvor, bei einem letzten Besuch Harigs in Frankreich, offenbart sich der Freund als rassistisch verbitterter Wähler der Nationalen Front Le Pens, der die "windelweiche Multikultischwärmerei" attackiert und fürchtet, islamistische Einwanderer aus Nordafrika würden Frankreich in Besitz nehmen. Das ist ein Schock, den Harig geschickt an die Leser weitergibt. Das Leben dieses Weltreisenden erscheint plötzlich in einem anderen Licht – und doch bleibt die Freundschaft bis zu Rolands Tod bestehen.

Das Lebensmotto – auch das wird am Ende enthüllt – stammt in Wirklichkeit von Molière, der sich damit gegen den Vorwurf geistigen Diebstahls wappnete. "Ich nehme mir das Meine, wo ich es finde." So nimmt sich auch Ludwig Harig die Geschichte seines Freundes Roland Cazet und macht daraus einen "wahren Roman".


Rezensiert von Jörg Magenau

Ludwig Harig: Kalahari. Ein wahrer Roman
Hanser, München 2007, 214 Seiten, 19,90 Euro

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