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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 09.09.2006

Sehnsucht nach dem Hurrikan

Der Klima-Alarmismus

Von Dirk Maxeiner

Hurrikan Katrina an der US-Küste (AP)
Hurrikan Katrina an der US-Küste (AP)

Gerne erinnere ich mich an den vergangenen Juli. Es war heiß, sehr heiß. Die Sonne lachte und gutgelaunte Menschen bestürmten Freibäder und Eisverkäufer. Nur in den Medien wurde die Stimmung immer düsterer. Mit jedem Tag schwoll der Chor derjenigen an, die uns im Schwitzkasten der globalen Erwärmung wähnten.

Die immer gleichen Klimaforscher lieferten dazu die immer gleichen Satzbausteine: Ja, es werde in Zukunft noch mehr heiße Sommer geben, mehr Dürren, mehr Hitzetote. Tenor: Es wird immer schlimmer. Und es wird böse enden. Nur die Hitze, die werde nicht enden, sondern Mitteleuropa bis weit in den August erhalten bleiben. Versicherte zumindest ein Forscher des weltberühmten "Earth Simulator Center" in Yokohama.

Prompt wurde es kälter, mancher warf im August sogar die Heizung an. Kommt also die nächste Eiszeit? Ist natürlich Blödsinn, genau wie ein paar heiße Julitage nicht als Menetekel für eine künftige Hitzehölle taugen. Aber nach Logik und Sinn fragt in der Klimaberichterstattung schon lange niemand mehr. Sie ist längst zu einer rituellen Untergangsbeschwörung mutiert, die sich den jeweils passenden Anlass sucht.

Im Moment ist eine gewisse Sehnsucht nach einer möglichst verheerenden Hurrikan-Saison zu spüren. Die Kronzeugen der Anklage stehen bereits Mikrophon bei Fuß und die Unheil raunenden Storys liegen in den Schubladen. Den Anfang machte das Washingtoner "Earth Policy Institute" mit einer von den Medien begeistert aufgenommenen Studie. Darin wird unter anderem behauptet, die letztjährige Flucht vieler Menschen vor Wirbelsturm Katrina sei die erste dokumentierte "Massenbewegung von Klimaflüchtlingen".

Das verwundert insofern, als das Earth Policy-Institute ein solches Phänomen bereits vor vier Jahren vermeldete. Damals machte man mit der Behauptung Schlagzeilen, wegen des steigenden Meeresspiegels müsse der Inselstaat Tuvalu aufgegeben werden, Neuseeland weigere sich aber die 11.000 Flüchtlinge aufzunehmen. Eine Nachrecherche ergab: Weder hatten Bürger Tuvalus Klima-Asyl in Neuseeland beantragt, noch war es abgelehnt worden. In der Region von Tuvalu war der Meeresspiegel seit 20 Jahren praktisch nicht angestiegen. Als Quelle seiner Weisheit gab das Earth Policy Institute schließlich an, eine Mitarbeiterin habe die Meldung in der britischen Gazette Guardian gelesen. Bedauerlicherweise handelte es sich um eine klassische Zeitungsente.

Es kann also nicht schaden, auch die aktuellen Erkenntnisse des Earth Policy Institute ein wenig auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen. Waren die Katrina-Opfer tatsächlich die ersten massenhaften Klimaflüchtlinge? Wohl kaum: Schon ein oberflächlicher Blick in die Menschheitsgeschichte zeigt zahlreiche Fälle klimabedingter Migration. Beispielsweise die Auswanderungswelle nach Amerika gegen Ende der so genannten kleinen Eiszeit im 19. Jahrhundert. Missernten und Hunger trieben die Menschen massenweise aus Europa in die neue Welt. Allerdings nicht weil es zu warm, sondern weil es zu kalt geworden war.

Ferner behauptet das Earth Policy Institute, Hurrikan Katrina sei vom Menschen verursacht. Tatsache ist, dass sich über die letzten 60 Jahre kein eindeutiger Trend feststellen lässt, nach dem Hurrikans häufiger oder intensiver geworden seien. Sagt Chris Landsea, einer der weltweit führenden Hurrikan-Forscher. Ob sich das in Zukunft ändert, ist unter den Wissenschaftlern höchst umstritten. Im Übrigen hat die Überflutung von New Orleans allenfalls indirekt mit dem Wirbelsturm zu tun, weil er knapp an der Stadt vorbeizog. Eine Flutwelle durchbrach erst im Nachgang die falsch konstruierten Beton-Flutmauern der Stadt. Wie so etwas richtig gebaut wird, hätten die Amerikaner seit vielen Jahren in den ebenfalls teilweise unter dem Meeresspiegel liegenden Niederlanden studieren können.

Ja: New Orleans erlebte eine von Menschenhand verursachte Katastrophe. Allerdings nicht per Umweg übers Klima, sondern ganz direkt durch Behördenschlamperei. Man hätte die Überschwemmung relativ einfach verhindern können. Und dies gilt auch für viele andere Umweltprobleme, die häufig dem Klimawandel zugeschrieben werden. Wüsten und Steppen bilden sich vielfach in Folge von Überweidung, Gewässer versiegen wegen zu hoher Wasserentnahme durch die Landwirtschaft, Böden versalzen wegen falscher Bewässerung.

Doch die Wahrnehmung solch konkreter und lösbarer Umweltprobleme wird durch den anschwellenden Klima-Katastrophengesang mehr und mehr verhindert. Die Kassandras aller Länder befinden sich derzeit in einem regelrechten Überbietungs-Wettbewerb. Der britische Forscher James Lovelock sieht Ende des Jahrhunderts nur noch "wenige reproduktive Menschenpaare in den Polregionen" überleben. Der amerikanische Ex-Vizepräsident El Gore räumt der Welt nur noch "zehn Jahre" für eine Umkehr ein. Der deutsche Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber raunt, die Menschheit werde die nächsten 100 Jahre "mit einer Chance von 1:10 nicht schaffen". Auf welcher empirischen Basis sie solche aberwitzige Prognosen aufstellen, bleibt das Geheimnis der Beteiligten. Es geht wohl auch weniger um Wissenschaft als um Medienpräsenz. Und schon gar nicht um konkreten Umweltschutz. Dem erweisen sie nämlich längst einen Bärendienst.

Dirk Maxeiner, geboren 1953, volontierte bei der "Motorpresse" in Stuttgart und war Redakteur bei "Hobby" (das Magazin der Technik) und beim "Stern". Er entwickelte in den achtziger Jahren in Paris das Stadtmagazin "Pariser Luft" und war dort Chefredakteur und Herausgeber. Danach Idee und Entwicklung des Umweltmagazins "Chancen", dort Chefredakteur bis 1988. Anschließend bis 1993 Chefredakteur der Zeitschrift "natur" - der zu dieser Zeit größten europäischen Umweltzeitschrift. Seit 1993 arbeitet Maxeiner als Publizist. Er verfasst Sachbücher schreibt für Magazine und Zeitschriften. Darüber hinaus hält er Vorträge zu den Themenbereichen seiner Publikationen. Dirk Maxeiner ist Mitglied im Future Board des Zukunftsinstituts.

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