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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.07.2012

Schwul unterm Hakenkreuz

Michel Dufranne/Milorad Vicanovic/Christian Lerolle: "Rosa Winkel", Jacoby & Stuart, Berlin 2012, 144 Seiten

In Konzentrationslagern mussten homosexuelle Häftlinge rosa Winkel tragen. (picture alliance / dpa)
In Konzentrationslagern mussten homosexuelle Häftlinge rosa Winkel tragen. (picture alliance / dpa)

Homosexualität war unter den Nationalsozialisten ein unverzeihliches Tabu. Die Graphic Novel von Michel Dufranne erzählt eindrücklich von den langen Schatten, die das Verdrängen wirft.

Der "Rosa Winkel" ist ein Symbol: Während der Zeit des Nationalsozialismus mussten männliche Häftlinge in Konzentrationslagern, die wegen ihrer Homosexualität dorthin verschleppt waren, einen "Rosa Winkel" zur Erkennung tragen. Einer von ihnen ist der Protagonist von Michel Dufrannes bewegender Geschichte.

Andreas Müller ist Anfang 20, Werbezeichner und homosexuell. Der diskrete und romantische junger Mann geht gerne feiern und genießt das Leben. Doch Andreas lebt im Berlin der 30er Jahre, er wird von den Nazis wegen seiner sexuellen Neigung ins Gefängnis und schließlich ins KZ gebracht. Zwar überlebt er das Lager, doch die Befreiung bringt ihm kaum Erleichterung, denn die Gesetze der Nationalsozialisten zur Homosexualität bleiben in Kraft. Andreas wird erneut verhaftet und misshandelt. Als Ausweg aus seinem Leiden wählt er die Heirat mit einer lesbischen Freundin, gemeinsam ziehen sie deren Kind auf. Als verbitterter alter Mann lebt Andreas heute in Paris, wo ihn sein Urenkel wegen eines Schulprojekts zum Zweiten Weltkrieg besucht. Da werden die schrecklichen Erinnerungen wieder lebendig.

Schon der Amerikaner Art Spiegelman hat mit seiner Graphic Novel "Maus" eine großartige, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete KZ-Geschichte erzählt. "Rosa Winkel" besitzt eine ähnliche Wucht! Die grandios illustrierte Graphic Novel erzählt auf berührende und aufwühlende Weise vom lange tabuisierten Schicksal der Homosexuellen in der Nazi-Zeit und danach. Denunziation und Diskriminierung, Ressentiments und Erpressung werden in eindringlichen Bildern unmittelbar anschaulich. Die dramatische Aufteilung jeder einzelnen Seite, die wechselnde Farbigkeit, die große Expressivität vieler Szenen und die knappen Texte sind nicht nur beeindruckend, sondern - nicht nur für Jugendliche - sehr spannend und hochinteressant.

Das Autoren- bzw. Illustratoren-Trio arbeitet mit einer deutlichen Farbigkeit: Die Rahmenerzählung aus der Gegenwart ist in bunten Tönen gehalten, die braunen Jahre kommen in einem düsteren Braungrau und die KZ-Jahre grün-schwarz daher. Nur der "Rosa Winkel" leuchtet böse. Wirken die Gesichter auch in Comic-Manier schematisch und starr, so entwickeln Massenszenen und Prügeleien, Verhöre und Folterszenen eine dramatische Wucht. Präzise ist Pariser und Berliner Architektur wiedergegeben. Außergewöhnliche Perspektiven, Zooms und Schnitte, vor allem aber die grausam-realistischen KZ-Panoramen bleiben im Gedächtnis hängen.

"Rosa Winkel" holt Jugendliche da ab, wo sie sich meistens aufhalten: vor den visuellen Medien. Diese Graphic Novel ist harter Tobak! Sie informiert über ein früheres Tabu-Thema, sie verstört und regt zu Fragen an. Auch Erwachsene, die mit dieser Gattung bisher nicht warm werden konnten, werden nachhaltig beeindruckt sein. Es gibt inzwischen viele Bücher zum Thema - dies ist einzigartig!

Besprochen von Sylvia Schwab

Michel Dufranne/Milorad Vicanovic/Christian Lerolle: Rosa Winkel
Jacoby & Stuart, Berlin 2012
144 Seiten, 18,00 Euro

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