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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.01.2010

Schweinegrippe: Politik fordert Entgegenkommen der Impfstoff-Hersteller

Gesundheitsminister Sachsen-Anhalts: Land drohen Kosten zwischen zwei und zehn Millionen Euro

Hanns Ostermann im Gespräch mit Norbert Bischoff

Eine Arzthelferin zieht im Gesundheitsamt in Bremen den Impfstoff Pandemrix gegen die Schweinegrippe auf eine Spritze. (AP)
Eine Arzthelferin zieht im Gesundheitsamt in Bremen den Impfstoff Pandemrix gegen die Schweinegrippe auf eine Spritze. (AP)

Der Gesundheits- und Sozialminister von Sachsen-Anhalt, Norbert Bischoff (SDP), hofft auf die Kompromissbereitschaft der Pharmaindustrie beim zu viel bestellten Schweinegrippe-Impfstoff. Es müsse geprüft werden, ob der Impfstoff in andere Länder verkauft werden kann.

Hanns Ostermann: Fangen wir mit der guten Nachricht an: die Schweinegrippe ist bei uns längst nicht so dramatisch verlaufen wie befürchtet. Das Virus hat bei weitem nicht so übel gewütet, wie es hätte passieren können. Die schlechte Nachricht: es wurden viel zu viele Impfstoffe bestellt, die Länder bleiben jetzt auf den Beständen sitzen, nach Lösungen suchen Bund und Länder am kommenden Donnerstag. Wer zahlt die Zeche? Wer kommt für den Schaden auf? – Ich möchte darüber mit dem neuen Gesundheits- und Sozialminister in Sachsen-Anhalt sprechen, Norbert Bischoff von der SPD. Guten Morgen, Herr Bischoff.

Norbert Bischoff: Guten Morgen, Herr Ostermann.

Ostermann: Transparency International kritisiert vor allem immer wieder die Pharmaindustrie, die Krankheit sei katastrophenmäßig aufgebauscht worden. Sehen Sie das eigentlich ähnlich?

Bischoff: Also, zumindest sind große Verunsicherungen passiert in der Zeit, wo vielleicht die Impfbereitschaft am höchsten war: Verunsicherungen, was die Wirkung angeht, die Nebenwirkungen angeht. Da, glaube ich, sind unterdessen viele Menschen vorsichtig geworden und fragen sich tatsächlich, ist es überhaupt nötig, sich impfen zu lassen.

Ostermann: Ist es denn nun nötig aus Ihrer Sicht? Haben Sie sich selbst impfen lassen?

Bischoff: Also ich selber habe mich noch nicht impfen lassen, weil ich mich noch nicht zu der Personengruppe gezählt habe, die besonders gefährdet sind. Aber man muss deutlich sagen, die Gefahr ist nicht vorbei. Man muss es sicher nicht so aufbauschen, der Verlauf ist nicht so dramatisch verlaufen, wie es vielleicht am Anfang gedacht ist. Aber man befürchtet ja immer noch, dass eine zweite Welle kommen kann. Und besonders gefährdet, und das möchte ich ausdrücklich mal sagen, sind ganz besonders Kinder und nachdem jetzt der Impfstoff auch für Schwangere, ich glaube, in der 51. Kalenderwoche zur Verfügung steht, sollte man hier auch raten, dass Schwangere sich impfen lassen sollten.

Ostermann: Herr Bischoff, wer hat denn jetzt den schwarzen Peter? Die Hersteller, die vielleicht doch mit der Angst ein Geschäft machten, oder die Bundesregierung, die 50 Millionen Impfdosen bestellt hat?

Bischoff: Na ich glaube, die Länder sitzen ja mit im Boot. Ich glaube, die Verteilung ist auch über die Länder passiert. Also man muss jetzt tatsächlich neu verhandeln. Wenn es so bliebe, wie es jetzt ist, also in der Impfbereitschaft, und da ist ja Sachsen-Anhalt gar nicht so schlecht im Bundesvergleich, aber trotzdem ziemlich weit unten. Ich glaube, 10 Prozent haben sich hier in Sachsen-Anhalt impfen lassen, und mit 30 Prozent haben wir ja bundesweit auch gerechnet. Wenn es so bliebe, dann würden wir tatsächlich auf einer hohen Dosis von nicht gebrauchten Impfstoffen sitzen bleiben und das könnte eine Summe zwischen zwei und zehn Millionen nur für das Land bedeuten.

Ostermann: Nur allein für Sachsen-Anhalt. Hoch gerechnet sind das dann 200, 300 Millionen Euro. Rechnen Sie denn jetzt damit, dass der Hersteller Ihnen, also den Bundesländern entgegenkommt?

Bischoff: Also ich bin da auch gespannt. Also, er weist zwar darauf hin und dafür habe ich auch Verständnis, dass er auch Verträge abgeschlossen hat, dass Mitarbeiter eingestellt worden sind, dass auch andere Zulieferfirmen beauftragt sind. Gleichzeitig weiß die Pharmaindustrie auch und der Hersteller, dass er eigentlich auch die öffentliche Hand braucht, jetzt auch für die Zukunft braucht, und es muss ja auch verhandelt werden, ob nicht der Impfstoff, sollte tatsächlich welcher übrig bleiben, das ja auch Länder gibt, die Impfstoff dringend benötigen, also wenn man noch mal verhandeln muss, ob er nicht woanders auch abgegeben und verkauft werden kann.

Ostermann: Das macht gerade Frankreich vor. Da findet dann also eine Konkurrenz statt, wer am schnellsten Impfdosen los wird. – Was mir nicht ganz klar ist bei der ganzen Sache: nun stellte sich heraus, eine Impfung reicht. Zuvor war man immer von zweien ausgegangen. Wie ist denn das eigentlich zu erklären?

Bischoff: Ja, das ist eine schwierige Frage. Da muss ich auch noch mal genauer nachfragen. Das ist sozusagen … tatsächlich auch die Impfstoffmenge so bestellt worden, dass sozusagen jetzt die Hälfte nur noch gebraucht wird. Nach meinen Informationen ist sozusagen erst in der Reihe der Untersuchungen, wo sozusagen das Virus gezüchtet worden ist, deutlich geworden, dass eine Impfung ausreicht. Das hat dann auch die WHO so bestätigt, und zwar für alle Impfstoffe, die zurzeit sozusagen geprüft auf dem Markt sind, so dass sich daraus tatsächlich eine andere Lage ergibt und wir nach dem jetzigen Stand tatsächlich nur die Hälfte des Impfstoffes bräuchten.

Ostermann: Das könnte dann ja ein Argument sein gegenüber dem Hersteller, möglicherweise dass der nicht alle Impfdosen sozusagen herausgibt, sondern auf einem Teil selbst sitzen bleibt.

Bischoff: Ja, oder es weiterverkauft. Es finden ja erst mal die Gespräche auf der Fachebene der zuständigen Referatsleiter statt aus den Ministerien am 7. . Ich vermute oder gehe stark davon aus, dass auch der Hersteller das ähnlich sieht – das ist in der Entwicklung – und dass man sich auf einen Mittelweg einigen kann. Ob es jetzt tatsächlich einen Wettlauf geben wird, wie die übrig gebliebenen Impfdosen weiterverteilt werden, das hoffe ich nicht, aber da muss man erst mal den 7. Januar abwarten.

Ostermann: Lassen sich jetzt eigentlich schon Schlussfolgerungen ziehen für künftige Pandemien, beispielsweise was die Politik der Weltgesundheitsorganisation betrifft?

Bischoff: Also zumindest wäre es wünschenswert, wenn gleich zu Anfang in einer etwas ruhigeren Art informiert werden würde, dass man das Stückchen auch abwartet bei der Herstellung des Impfstoffes, welche Wirkung und Auswirkung es gibt, denn das ist sehr deutlich geworden: dieses Hin und Her und immer wieder neue Argumentationen und auch neue Informationen haben einfach Menschen auch verunsichert, denn es hätte auch nicht geschadet und eher noch genützt, wenn schon wesentlich mehr Menschen hätten sich impfen lassen können. Die sind vorsichtig geworden und ob jetzt sozusagen in den ersten Wochen des neuen Jahres die Impfbereitschaft noch steigen wird, bleibt jetzt abzuwarten, wie auch die weitere Information sowohl vom Hersteller wie auch jetzt über die Politik weitertransportiert wird.

Ostermann: Norbert Bischoff von der SPD, der Gesundheits- und Sozialminister in Sachsen-Anhalt. Herr Bischoff, danke Ihnen für das Gespräch.

Bischoff: Danke Ihnen.

Interview

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