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Schwein gehabt - das Glücksschwein

Eine ebenso lange wie ruhmvolle Geschichte

Von Udo Pollmer

Ein Tablett mit Glücksfiguren aus Marzipan
Ein Tablett mit Glücksfiguren aus Marzipan (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)

Neben dem vierblättrigen Kleeblatt und dem Schornsteinfeger darf das Marzipanschweinchen als Glückssymbol zum neuen Jahr nicht fehlen. Ein Glücksfall und ein passender Anlass, sich ein paar schweinische Gedanken zu machen.

Unser Schwein hat eine ebenso lange wie ruhmvolle Geschichte. Vielen Göttern gereichte das Borstenvieh zur Ehre: Die Babylonier opferten dem Schweinegott Tammuz, in Indien steht bis heute der hinduistische Gott Vishnu hoch im Kurs. Eine seiner Verkörperungen ist ein Keiler. Auch die Ägypter und die Hellenen huldigten der Wutz.

Naturgemäß war der Eber auch den Germanen heilig, ein Symbol der Stärke und Fruchtbarkeit, später für Wohlstand und Reichtum. Von seiner Bedeutung in Mythen und Religionen ist nur noch seine Rolle als Glücksschwein geblieben - aber das ist ja auch das Beste, was einem widerfahren kann. Da haben die Säue noch mal Schwein gehabt.

In der Religion spiegeln sich natürlich auch die Lebensumstände der Menschen wider. Das Schwein als Allesfresser und Bewohner des Unterholzes eignet sich nicht als Vieh für Nomaden; die suchen offene Weidegründe für ihre Herden, die sich vom Gras der Steppen ernähren. Wenn das Schwein domestiziert wird, dann steht es logischerweise für Sesshaftigkeit. Deshalb verachten Nomadenvölker das Schwein der Ackerbaukulturen.

Diese mästeten ihre Schweineherden jenseits ihrer Felder, nämlich in den Wäldern - mit Eicheln, Kastanien und Bucheckern. Doch je mehr Menschen satt werden wollten, desto mehr Wald wurde für den Ackerbau gerodet. Nun änderte sich das Futterspektrum: Statt Eicheln, Pilzen und Engerlingen gab‘s Abfälle wie Molke, Kleie und Kartoffelreste - dazu Zwischenfrüchte wie Saubohnen.

Die Hirten der fröhlich grunzenden Herden standen überall hoch im Kurs. Tristan aus der Artussage war ein keltischer Schweinehirt, einer weiteren Sage nach sogar einer der drei mächtigsten Schweinehirten der britischen Inseln - damals also einer der Royals. Der berühmteste von ihnen ist jedoch Eumaios - aus der Odyssee. Er hatte zwölf Koben gebaut für je 50 Säue, dazu kamen 360 Masteber und eine große Herde von Jungtieren, für deren Beaufsichtigung gleich vier Gehilfen erforderlich waren.

Heute bekäme ein Schweinemäster bei einem solchen Bauvorhaben schnell Ärger mit Behörden, Tierschützern und Öffentlichkeit - ein klarer Fall von Massentierhaltung. Odysseus hätte derartige Kritiker vermutlich schnell zur Sau gemacht - auch ohne die Hilfe der zauberkundigen Kirke, die bereits seine Gefährten in Schweine verwandelt hatte.

Ein so göttliches Tier - es frisst Reste und liefert Schmalz, Schinken und Sülze - genoss natürlich auch im christlichen Abendland den Segen der Kirche. Der bekannteste Schweineheilige ist der Abt Sankt Antonius. Wilhelm Busch zeigt in einer seiner Schnurren, wie Antonius an der Himmelstüre klopft und dabei ein Schwein mit sich führt. Die Empörung der Frommen ob der Sau im Himmel war groß. Doch Maria hatte ein Einsehen: "Willkommen! Gehet ein in Frieden! Hier wird kein Freund vom Freund geschieden. Es kommt so manch ein Schaf herein, warum nicht auch ein braves Schwein. Da grunzte das Schwein, die Englein sangen. So sind sie beide hineingegangen."

Der Verleger von Wilhelm Busch musste sich für diese Verslein vor irdischen Richtern verantworten: "Wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses durch unzüchtige Schriften". Was dazu wohl Miss Piggy aus der Muppet-Show sagen würde?

Wer kein Schwein mag und bei festlichen Anlässen lieber eine Lammkeule oder einen Spiegelkarpfen auf edlem Porzellan serviert, hat dennoch direkt vor seiner Nase ein Schweinchen: Denn das Wort Porzellan leitet sich letztlich von lateinisch "Porcella" ab, dem Ferkel. So lugen nun aus jedem Geschirrschrank ein paar kleine Schweinchen hervor - Glücksschweine wie wir annehmen dürfen, gewissermaßen Symbole unserer Überzeugung, dass wir auch im kommenden Jahr reichlich zu Essen haben.

Doch vorher noch, an Silvester, werden viele erst mal so richtig die Sau rauslassen! Oder um mit den Zechern in Auerbachs Keller zu sprechen, die es bekanntlich Faust-dick hinter den Ohren haben: "Uns ist gar kannibalisch wohl, als wie fünfhundert Säuen." Einen guten Rutsch und viel Schwein im neuen Jahr. Mahlzeit!

Literatur:
Goethe JW von: Faust, erster Theil. Reclam, Stuttgart 2010
Homer: Odyssee. Griechisch-Deutsch. Weltbild, Augsburg 1994
Iben B: Schweinehirte - ein ehrenwerter Beruf! Über die Transhumanz von Schweinen, Hirten und Eichenwäldern. Tierärztliche Umschau 1993; 48: 765-773
Iben B: Das Schweinefleischverbot der semitischen Völker. Thesen und Argumente. Tierärztliche Umschau 1995; 50: 683-694
Meyer H et al: Hausschweine in der griechisch-römischen Antike. Isensee, Oldenburg 2004
Watson L: The Whole Hog. Profile, London 2004

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