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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.02.2013

Schwebende Häuser und lärmende Stille

Einar Turkowski: "Als die Häuser heimwärts schwebten…", Verlag mixtvision, München 2012

Der Illustrator Einar Turkwoski
Der Illustrator Einar Turkwoski (picture alliance / dpa / Wolf von Dewitz)

Gute Bilderbücher sind nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene geeignet - weil gerade die einfachen, kleinen Dinge oft ihre eigene Tiefe und Bedeutung besitzen. So auch das aktuelle Bilderbuch des in Schleswig-Holstein lebenden Illustrators und Künstlers Einer Turkowski.

Dies ist ein Bilder-Buch im reinsten Sinne des Wortes – ein Buch ganz ohne Text. "Erzählbilder" steht im Untertitel, und was diese Bilder erzählen, das ist so merkwürdig und unerhört, dass kein Text es adäquat mit Worten schildern könnte.

Mit dem Umschlag geht es los. Da sieht man einzelne Häuser oder Häusergruppen, die an langen Schnüren - gehalten wie Luftballons - schwerelos in den Himmel schweben. Gewichtige Gebäude ziehen zwischen Wolkenfetzen luftig-leicht davon, eine Maus springt in letzter Minute in Panik ab. "Wurzel und Spross" heißt das Bild, doch wo sind die Wurzeln dieser Häuser-Sprösslinge? Erstaunt schüttelt man den Kopf.

Zehn Gegensatzpaare illustriert Einar Turkowski mit seinen ebenso surrealistischen wie philosophisch anmutenden Bildern. "Traum und Wirklichkeit" zum Beispiel oder "Lärm und Stille". Konkret sind die einen: "Himmel und Erde". Abstrakt die anderen: "Ruhe und Ungeduld", "Vergangenheit und Zukunft". "Einer und viele" zeigt eine große Mäuseschar – "viele" -, die im gestreckten Galopp über die Straße rennt, direkt auf ein Loch zu. Dahinter wartet "einer": die Katze. So weit, so eindeutig. Und so komisch.

Andere Bilder sind auf den ersten Blick nicht so klar: Das Gegensatzpaar "Lärm und Stille" zeigt in einer kargen Felslandschaft große Vögel mit langen Schnäbeln. Alle Vögel wirken natürlich, bis auf einen, der ist zusammengesetzt aus lauter technischen Metallteilen. Wer macht hier Lärm, die lebenden oder der mechanische?

Wie dieses lassen sich fast alle Bilder von Einar Turkowski ganz unterschiedlich interpretieren. Und manches ist ebenso grotesk wie komisch. Die Blasen zum Beispiel, die die Fische auf dem Bild "Wüste und Meer" ausspucken: Sie enthalten merkwürdige Dinge, deuten die ihre Gedanken an? Oder ihre Wünsche, Träume, Albträume? Oder alles? Oder gar nichts?!

Was besticht, ist die zarte "Sprache" von Einar Turkowskis Bleistiftzeichnungen: Ihre feine Schraffur, ihre klar gestaltete Optik. Ob Holz, Stein, Fell, Sand – das Material wird fast spürbar deutlich. Faszinierend ist ihr surrealer, grotesker Ideenreichtum, der zum Fragen und Nachdenken, zum Reden und Spinnen einlädt. Und schließlich ihre stupende Genauigkeit im Detail – je kleiner, desto filigraner sind Tiere, Dinge oder Muster.

Dazu kommt ein besonderer Witz. Ob die dem Tode geweihten Mäuse Nummern tragen wie Rennpferde, ob ein kleines "Treppenhaus" nur aus Treppen besteht oder ob sich auf fast jedem Bild eine Maus, eine Zahl oder ein Buchstabe versteckt – der Schalk selbst schaut sozusagen aus jeder Zeichnung heraus. Dass Witz unmittelbar mit dem logischen Denken zu tun hat, wird hier ganz direkt deutlich. Mit diesem Bilderbuch können Kinder und Erwachsene ihren Witz und ihre Wahrnehmung schärfen, sich auf Gedankenreise begeben und kleine philosophische Spekulationen vornehmen. Schon Fünfjährige werden Freude haben an den geheimnisvollen Gegensatzpaaren, die trotz ihrer Präzision doch alle auch rätselhaft bleiben.

Besprochen von Sylvia Schwab

Einar Turkowski: Als die Häuser heimwärts schwebten…
Verlag mixtvision, München 2012
32 Seiten, 16,90 Euro
Ab 3 Jahren