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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.06.2011

Schwärmerisches Verlangen

Donald Windham: "Zwei Menschen", Lilienfeld-Verlag, 208 Seiten

Blick auf die italienische Hauptstadt Rom, im Vordergrund der Petersplatz im Vatikan.
Blick auf die italienische Hauptstadt Rom, im Vordergrund der Petersplatz im Vatikan. (Stock.XCHNG / Matic Zupancic)

Donald Windham hat in "Zwei Menschen" einen römischen Abend beschrieben. Dabei spielt das schwärmerische Verlangen nach Schönheit eine große Rolle in dem Werk des amerikanischen Romanciers.

"Die Schwärme der Menschen auf den Straßen spiegelten die Schwalbenschwärme über den Dächern, und das Neonleuchten einiger Reklameschilder war rosa wie der Sonnenuntergang und blau wieder der Abendstern." Die Beschreibung eines römischen Abends könnte dazu verleiten, Donald Windhams Roman "Zwei Menschen" in eine ganz bestimmte Schublade zu packen. Das schwärmerische Verlangen nach Schönheit grundiert fast alle schwule Literatur von August von Platen über Thomas Mann bis Alan Hollinghurst. Und es spielt auch eine große Rolle in dem Werk des amerikanischen Romanciers.

Doch für eine amerikanische Variante von "Tod in Venedig" ist Windhams 1965 erstmals veröffentlichtes Buch zu wenig elegisch. Selbst wenn das Treffen der beiden Protagonisten an dieses Vorbild erinnert. Auf der Spanischen Treppe in Rom ist der amerikanische Broker Forrest fasziniert von einem 17-jährigen Jungen im weißen Regenmantel: "Sein Gesicht war gleichmütig schön". Doch am Ende der Liebesgeschichte, die sich nach dieser Begegnung entspinnt, empfängt keine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von irgendeinem Tode.

Mit "Zwei Menschen" hat der kleine Düsseldorfer Lilienfeld-Verlag nun schon den zweiten Roman des 1920 in Atlanta geborenen Schriftsteller vorgelegt, der im vergangenen Jahr in New York starb. Die selbstverständliche Offenheit, mit der Windham darin die Liebe zwischen zwei Männern erzählt, erstaunt noch heute.

Doch wie in seinem, Anfang 2010 neu herausgebrachten Erstling aus dem Jahr 1948, "Dog Star", in dem Windham das Adoleszenzdrama eines 15-jährigen in den amerikanischen Südstaaten schildert, wird auch in diesem Buch eher die Geschichte einer Identitätskrise als die klassische schwule Liebesgeschichte erzählt. Nicht umsonst hat Windham seinen Roman "Zwei Menschen" und nicht "Zwei Männer" genannt.

Natürlich fühlt sich Forrest von der Schönheit und Unschuld des jungen Marcello angezogen. Und sie landen mehr als einmal im Bett. Doch die sexuelle Affäre weitet sich zu einer Erziehung der Gefühle zweier Menschen. Die Beziehung zu dem jungen Italiener klärt für den einsam durch die ewige Stadt streifenden Mann das Verhältnis zu seiner Frau, die ihn während der gemeinsamen Europareise plötzlich verlassen hat.

Für Marcello ist Sex der leidenschaftslose Form der Liebe, die der Sohn eines kleinen, autoritären Handwerkers vermisst. In dem von Misstrauen, Eifersüchteleien, kleinen Lügen und Geldgeschenken begleiteten Verhältnis zu dem Amerikaner lernt er so etwas wie ein Selbstwertgefühl zu entwickeln. Am Ende trennen sich ein Mann, der sich für seine Familie in New York entscheidet. Und ein Junge, der erwachsen geworden ist und seine Freundin heiraten wird.

Windham ist ein Meister des subtilen psychologischen, aber völlig unsentimentalen, fast kühlen Erzählens, das Alexander Konrad wieder stilsicher ins Deutsche übertragen hat. Zu seinen Lebzeiten war Windham, Freund und Zeitgenosse Tennessee Williams` und Truman Capotes wenig bekannt. Auch wenn sich Albert Camus und André Gide für ihn einsetzten. Die Neuauflage seines fein nuancierten Bildes einer Selbstfindung könnte ihm nun den verdienten Nachruhm eintragen.

Rezensiert von Ingo Arend

Donald Windham: Zwei Menschen
Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Konrad. Lilienfeld-Verlag, Düsseldorf 2010, 208 Seiten, 19,90 Euro