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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.01.2009

Schutzgott Londons

Peter Ackroyd: "Die Themse - Biographie eines Flusses", Knaus Verlag, München 2008, 576 Seiten

London: Das britische Parlament Westminster und die Themse. (Stock.XCHNG / Viajero Viajero)
London: Das britische Parlament Westminster und die Themse. (Stock.XCHNG / Viajero Viajero)

Eine Liebeserklärung an die Themse hat Peter Ackroyd verfasst. Sie sei die Verkörperung Londons in flüssiger Form, ihr Geist und Wesen. Das Buch "Die Themse - Biographie eines Flusses" ist eine unerschöpfliche Fundgrube wissenswerter Fakten über den berühmten Fluss.

Nach "London - Die Biographie" hat Peter Ackroyd ein neues pralles Werk vorgelegt. Eine, gar die "Lebensgeschichte" von etwas, das weit über einen einzelnen Menschen und seine Zeit hinausgeht, hatte er diesmal allerdings gar nicht im Sinn.

Es geht, wie der Originaltitel "Thames - Sacred River" verrät, um einen noch viel absolutistischeren Zugriff. Und Ackroyd lässt auf keiner der knapp 600 Seiten Zweifel aufkommen, dass er das ganz große Ganze im Visier hat und wo seine Welt zentriert ist: Ohne die "Heilige Themse" keine Zivilisation, denn:

"London verdankt seine Existenz dem Fluss. Einige Personen beharren darauf, dass die Themse London ist, seine Verkörperung in flüssiger Form, sein Geist, sein Wesen. Der Fluss war der Schutzgott der Stadt. (Er) war die große Lebensader der Stadt und steht in so enger Verbindung zu ihr wie Blut zum menschlichen Körper."

Deshalb hat er sich auf eine nicht nur romantisch-sentimentale, sondern enthusiastisch-mythomanische Reise begeben, entlang diesem nicht mal 350 Kilometer langen Fluss mit seinen über 400 Brücken, 44 Schleusen, zwanzig einigermaßen großen Zuflüssen und Zusatzquellen, der mal seicht, mal tief, mal geradeaus, mal in Mäandern, mal durch das saftig-grüne ländliche England, mal durch den Moloch London bis zur ganz und gar unwirtlichen brackig-salzigen Mündung ins offene Meer dahintreibt,

"mit einer gewissen erhabenen Distanz. Er biedert sich nicht an, schmeichelt sich nicht ein. Er wirkt urtümlich, geheimnisvoll und undurchdringlich. Eine einzige große Hin- und Herbewegung, die sich aus tausend unterschiedlichen Strömungen und Strudeln zusammensetzt."

Wem das etwas zu "erhaben" klingt, der sollte das Buch unbedingt hinten zu lesen anfangen und zuerst mit auf die "Reise von der Quelle bis zur Mündung" gehen. Hier erzählt Ackroyd ganz unprätentiös Flussabschnitt für Flussabschnitt von Landschaften und Orten, ihrer Geschichte, die sich in den Namen spiegelt, und ihren vielfältigen Beziehungen zur Sprache, den Künsten, den Kriegen, zu Tod und Leben.

Die knapp fünfzig Seiten stimmen ein auf das Füllhorn an Wissen und Kontexten, das sich in Ackroyds Erzählungen immer ergießt, und nehmen manch "gloriosem" Satz ein paar Windböen aus den herrischen Segeln. In Greenwich liegt zwar seit 1884 auch der international gültige Nullmeridian, nur wird davon das Themsestädtchen längst nicht "der Ort, wo die Zeit beginnt". Ein bisschen "themsozentrisch-selbstreferentiell" strömt und strudelt mancher Gedankenfluss daher - als gäbe es keinen anderen Fluss mit ähnlicher Mythen- und Weltlast.

Von Vater Rhein bis Ol' Man River Mississippi, von Nil bis Tiber, von Ganges bis Jangtse. Wolga, Donau, Amazonas nicht zu vergessen. Sie alle sind entschieden länger, der eine oder andere war auch schon Lebensader eines Weltreichs, und an Literaturhaltigkeit ist vermutlich die kleine Liffey aus Joyces kleinem Dublin kaum zu überbieten.

Trotzdem: Was heutige Welthaltigkeit angeht, hat Ackroyd sicher recht. Vor allem aber ist sein Themse-Buch eine unerschöpfliche Fundgrube, ein weder langer noch ruhiger Fluss voller Überraschungen, und im ganz wunderbar altmodischen Sinn erbaulich.

Rezensiert von Pieke Biermann

Peter Ackroyd: Die Themse - Biographie eines Flusses
Deutsch von Michael Müller
Knaus Verlag, München 2008
576 Seiten, 39,95 Euro

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