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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 14.01.2016

Schule Warum Lehrer keine Noten geben sollten

Von Ayse Buchara

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Schüler einer dritten Klasse in Frankfurt am Main betrachten ihre Zeugnisse. (dpa / picture alliance / Arne Dedert)
Schüler einer dritten Klasse in Frankfurt am Main betrachten ihre Zeugnisse. (dpa / picture alliance / Arne Dedert)

Die Schule hat ein Grundproblem: Um Kinder zu unterrichten, brauchen Lehrer deren Vertrauen. Das ist gefährdet, wenn sie zugleich Noten geben. Die Psychologin Ayse Buchara schlägt darum vor, die Schule in Lern- und Prüfungshäuser zu teilen.

Die Schule der Mörrmells unterscheidet sich ziemlich grundsätzlich von unserem Schulsystem. Ihre Grundstruktur entspringt einer sehr einfachen Idee: Diejenigen, die den Kenntnis- und Wissensstand beurteilen, dürfen nicht diejenigen sein, die das Wissen und die Fähigkeiten vermitteln.

Gelehrt wird bei den Mörmells in den sogenannten Lernhäusern. Für die ganz Kleinen sind sie freundliche Orte, wo die Lernziele Lesen, Schreiben und das selbstständige Arbeiten sind. Mit zunehmendem Alter der Lernenden gleichen die Lernhäuser immer mehr einer Forschungsstätte. 

Schüler pendeln zwischen Lern- und Prüfungshäusern

Ihnen zur Seite stehen die Prüfungshäuser. Dort werden unterschiedlichste Kenntnisse und Fähigkeiten zertifiziert. Abschlüsse ergeben sich durch die Summe der Zertifikate. Noch etwas an der Schulung der Mörrmells ist bestechend: Es gibt für den Besuch der Lernhäuser keine Altersbeschränkung, und die Prüfungshäuser stehen jedem jederzeit offen. 

In diesem System gibt es keine Klassenverbände. An deren Stelle sind Kleingruppen getreten. Sie bestehen aus ungefähr zehn Mitgliedern und bleiben oft elf bis 13 Jahre zusammen, obwohl man natürlich auf Wunsch in eine andere Gruppe wechseln darf.

Jede Gruppe hat einen Betreuer. Dreimal die Woche kommt man ganztägig zusammen. Die Kinder tauschen ihre Lernerfahrungen aus und reden über Erkenntnisse und Probleme. Im Laufe der Zeit werden sie Freunde, kennen sich dann ein Leben lang.

Wo diese Schule der Mörrmells steht? Zugegeben: Ich habe sie erfunden! Ich erzähle von ihr hier nur, um eine Frage zu stellen: Hatten wir in den letzten Jahrzehnten überhaupt eine Schulreform?

Aber nein. Das Jahrhundert der pädagogischen Erkenntnisse, das zwanzigste, hat die Schule gelassen, wo sie ist. Jaja, es gibt keine Prügelstrafe mehr, andererseits wurde eine so simple Idee wie: "Lasst die Lehrer doch nicht diejenigen sein, die die Noten vergeben" nirgends zu einer grundsätzlichen Notwendigkeit erklärt oder eine ähnliche radikale Veränderung erwogen.

Nein, es fehlt uns nicht an Fantasie. 

Schule darf nicht nur reformrepariert bleiben

Dennoch schicken wir unsere Kinder tagtäglich in die gegebene reformreparierte Schule, und stimmen dem unguten Gefälle zu: Durch die Macht der Notenvergabe wird der Lehrer zum Chancenschmied des Schülers, die Schüler und die Schülerinnen zu Abhängigen. Da arbeitet deren Fantasie auch nicht mehr: Die einzige Alternative, die sie sich vorstellen können, lautet: Überhaupt keine Schule.

Wie sehr liegt uns an den Kindern wirklich?  Sollten wir nicht vor allen Dingen ihre Freunde sein?

Wenn das selbstverständlich werden soll, muss die Bewertung ihrer Lernerfolge ein radikal anderes Gesicht zeigen: Zwar als eine Notwendigkeit – vielleicht auch eine Vorsichtsmaßnahme, die aber nicht tagtäglich ihre Köpfe, ihre Seele beherrscht: "In Mathe habe ich mündlich 3, schriftlich 5, in Deutsch hat sie mit eine 4 gegeben, obwohl ich mich ständig melde." Und so weiter.

Ich frage noch einmal: Wie sehr liegt es uns an den Kindern wirklich, an jedem Einzelnen von ihnen? Wir können auch anders, tatsächlich anders, im Kern anders. Und wären die Lehrer nicht vielleicht auch froh, wenn sie ihre Schüler nicht mehr nicht benoten müssten?

Das Althergebrachte sollte uns nicht festhalten.

Übrigens, mein Manuskript "Die Schule der Mörrmells" wurde konfisziert und liegt im Keller des Bildungsministeriums in einem Schrank, auf dem "Vorsicht, bissiger Tiger!" steht.

Sie haben nichts gegen mich. Sie sind nur ein wenig reformmüde.

Die Psychologin Ayse Buchara (Foto: privat)Die Psychologin Ayse Buchara (Foto: privat)Ayse Buchara, Jahrgang 1959, Autorin, Filmemacherin, Psychologin,lebt in Berlin. Durch ihre Arbeit mit türkischen Schülern in der Einzelbetreuung konnte sie sich sieben Jahre lang ein genaues Bild über deren Schulsituation machen. 




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