28. September 2016

 

Interview / Archiv 25.02.2015

Schule Lehrerverband warnt vor "totaler Zwangsdigitalisierung" Josef Kraus im Gespräch mit Korbian Frenzel

Schulkinder beim Informatikunterricht (Imago)Schulkinder beim Informatikunterricht (Imago)

Wenn Schüler viel mit dem Computer arbeiten, leide das Durchhaltevermögen und die Konzentrationsfähigkeit, glaubt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus. Eine "totale Digitalisierung" des Unterrichts bringe "eine Reihe an möglichen Kollateralschäden".

Er habe etwas gegen die Euphorie, dass Schule nun völlig anders gestaltet werden müsse, sagte Kraus im Deutschlandradio Kultur. Natürlich müsse die Schule mit der Zeit gehen und sich neuen medialen und inhaltlichen Herausforderungen stellen, aber ihn störe die  "totale Zwangsdigitalisierung" des Unterrichts. Es habe ihm bisher noch niemand nachweisen können, dass eine Ausstattung mit je einem Computer für jeden Schüler wirklich etwas bringe und sie dadurch in Leistungstests besser abschnitten.

Kollateralschäden im Unterricht

"Ich sehe nach wie vor, bis zum Beweis des Gegenteils, eine ganze Reihe an möglichen Kollateralschäden, wenn wir den Unterricht total digitalisieren", sagte der 65-jährige Schulleiter eines Gymnasiums in Bayern.

"Ich habe den Eindruck, dass Kinder ohnehin durch die neuen Medien dazu neigen, sich nur noch Häppcheninformationen zu holen, dass die Ausdauer, das Durchhaltevermögen, dass das Konzentrationsvermögen leidet und das, was man mit dem Laptop unterrichtlich oder auch zu Hause recherchierend bearbeitet, eher ein bisschen an der Oberfläche bleibt."  

Die Schule brauche Durchhaltevermögen, brauche Konzentration und Besinnlichkeit.

"Ich glaube, das wird durch eine totale Digitalisierung, wenn alle sechs oder acht Unterrichtsstunden am Tag nur noch mit Tablet zu tun haben, gefährdet."

Regionales Gefälle bei der Ausstattung mit Computern

Kraus sagte, es gebe bei der Ausstattung der Schule mit Computern ein erhebliches Gefälle. Das gelte sowohl für die Schulformen wie auch für unterschiedliche Gegenden. "Wir haben leider in Deutschland Schulen in bestimmten Regionen, da muss man noch mit der vorletzten oder vorvorletzten Computergeneration arbeiten", sagte der Präsident des Lehrerverbandes.

 


 

Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Laptop und Leserhose, das war mal ein recht bayerisches Rezept für Erfolg. Lassen wir mal die Lederhose weg, bleiben wir beim Laptop, und dann sind wir beim Thema. Was brauchen Schulen, was brauchen Schüler, um erfolgreich zu sein heutzutage? Digitale Bildung, das ist eine Antwort, eine Antwort, auf die die Wirtschaft massiv drängt. Ganz besonders deutlich wird das zurzeit wieder auf der Bildungsmesse "Didacta", die gestern in Hannover eröffnet wurde. Neue Technologien fürs Klassenzimmer werden da beispielsweise in einer eigenen Halle präsentiert. Samsung ist da, Microsoft, aber auch viele kleine Anbieter mit Schulbuch-Apps. Computerisierung des Klassenzimmers, so nennt das der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, und er meint das nicht positiv. Guten Morgen, Herr Kraus!

Josef Kraus: Guten Morgen, Herr Frenzel!

Frenzel: Was ist so schlecht daran, wenn die Schule ein Stück näher an die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen und ja auch der meisten Erwachsenen heranrückt?

Kraus: Daran ist nichts Schlechtes, wenn sie sich damit anfreundet. Wogegen ich etwas habe, das ist die Euphorie, zu glauben, Schule könnte nun völlig anders gestaltet werden, völlig umgekrempelt werden, die totale Zwangsdigitalisierung, diese Euphorie stört mich. Natürlich muss Schule mit der Zeit gehen. Gut, das ist jetzt zweideutig, was ich gesagt habe. Ich meine es jetzt nicht in dem Sinn, dass Schule im herkömmlichen Sinn verschwinden wird, sondern ich meine es in dem Sinn, dass Schule sich natürlich auch neuen Herausforderungen im medialen und auch im inhaltlichen Bereich oder auch im gesellschaftlich-erzieherischen Bereich stellen muss. Das ist klar.

Frenzel: Jetzt könnte ich Sie verstehen, wenn wir zum Beispiel in Norwegen wären. Da kommen, ich hab da mal Zahlen rausgeholt, auf jeden PC 2,4 Schüler. In Deutschland sind es elf Schüler, die auf einen Rechner kommen. Sind wir nicht ganz schön weit weg von einer Situation, wie Sie sie gerade an die Wand malen?

Kraus: Also, ich lasse mich nicht blenden von irgendwelchen Quoten oder Zahlen. Es hat mir bislang noch niemand nachweisen können, dass eine Totaldigitalisierung des Unterrichts beziehungsweise eine Eins-zu-eins-Computer-und-Tabletversorgungsrate für Schüler den Schülern wirklich etwas bringt und dass die beispielsweise in Leistungstests besser abschneiden würden. Den Beweis, den möchte ich erst mal sehen. Ich sehe nach wie vor, bis zum Beweis des Gegenteils, eine ganze Reihe an möglichen Kollateralschäden, wenn wir Unterricht total digitalisieren.

Gefahr von Häppchen-Informationen

Frenzel: Wie sehen die aus, diese Schäden?

Kraus: Ich habe ein bisschen den Eindruck, dass Kinder ohnehin durch die Neuen Medien dazu neigen, sich nur noch Häppchen-Informationen zu holen, dass die Ausdauer, das Durchhaltevermögen, dass das Konzentrationsvermögen leidet und das, was man mit dem Laptop unterrichtlich oder auch zu Hause recherchierend bearbeitet, eher ein bisschen an der Oberfläche bleibt. Schule braucht auch Durchhaltevermögen, braucht das Konzentrative, das Besinnliche, das Meditative. Ich glaube, das wird durch eine totale Digitalisierung, wenn alle sechs oder acht Unterrichtsstunden am Tag nur noch mit Tablets zu tun haben, gefährdet.

Frenzel: Aber das würde ja gerade, was Sie sagen, dafür sprechen, dass man die Schüler in der Schule an diese Geräte heranführen, dass sie lernen, ein IPad ist nicht nur zum Daddeln da, sondern damit kann man richtig kluge und intelligente Dinge tun?

Kraus: Ich würde mir wünschen, dass man alles mit Maß und Mitte macht, dass man die Digitalisierung des Unterrichts dort betreibt, wo es fachlich Anknüpfungspunkte gibt. Das ist nicht in jedem Fach der Fall. Das werde ich im Religionsunterricht, im Ethikunterricht, im Lateinunterricht, im Deutschunterricht nicht so notwendig haben wie beispielsweise im Informatikunterricht, da ohnehin. Den haben wir leider noch nicht in allen weiterführenden Schulen in Deutschland als Pflichtfach – hätte ich gern, übrigens.

Und natürlich ist es Aufgabe von Schule, den jungen Leuten beizubringen, wo man sich Informationen holt, wie man sich Informationen holt und wie man vor allem, das ist für mich das ganz Entscheidende, Schrottinformation von wichtiger Information unterscheiden kann.

Oder ich sag es mal etwas vielleicht sehr konservativ: Wer sich in einer Bibliothek nicht auskennt, wer sich in einem Lexikon nicht auskennt, nämlich Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, der wird sich auch im Internet nicht auskennen.

Und im Übrigen müssen wir in der Schule natürlich unter Beiziehung von Fachleuten unseren jungen Leuten auch klar machen, welche Gefahren mit den Neuen Medien auf uns zukommen. Wenn ich mir anschaue, dass wir zwischenzeitlich schon Acht-, Neunjährige in den dritten, vierten Klassen haben, die über WhatsApp sich gegenseitig mobben, dann ist es natürlich schon Auftrag nicht nur von Eltern, sondern Auftrag auch von Schule, hier asketisch einzugreifen.

Frenzel: Aber dafür braucht man ja erst mal genau das, also die Gerätschaften, die technische Ausrüstung, um das beurteilen zu können. Sie sagen Maß und Mitte – das klingt für mich so, als seien die deutschen Klassenzimmer schon vollgesteckt mit Computertechnik. Ich hab noch mal eine andere Zahl – Entschuldigung, wenn ich Ihnen mit Zahlen komme, aber offenbar gibt es die ja –, 40 Prozent der deutschen Lehrer sagen, dass ihre Schulen schlecht ausgestattet sind, was das technische, was das Computerequipment angeht. Also Ihre Leute, liegen die alle falsch?

Kraus: Nein. Wir haben da ein erhebliches Gefälle, erstens zwischen den Schulformen und auch zwischen den Regionen. Wir haben leider in Deutschland Schulen in bestimmten Regionen, da muss man noch mit der vorletzten oder vorvorletzten Computergeneration arbeiten.

Aber ich gehe mal vom Beispiel meiner eigenen Schule aus. Ich leite seit 20 Jahren ein Gymnasium. Wir haben 800 Schüler, wir haben um die 100 Computer in drei Computerräumen, in allen Fachräumen. Wir haben nahezu in jedem Unterrichtsraum einen Rechner mit der Möglichkeit, dass Lehrer hier über Beamer etwas einspielen. Also, es muss nicht jedes Kind, um medienpädagogische Unterrichtung zu betreiben, ein Tablet vor sich haben. Das ist auch über entsprechende Demonstrationstechniken und gute inhaltliche Aufbereitung des Lehrers mit einem Computer und mit einem Beamer möglich.

Sollen Kinder programmieren lernen?

Frenzel: Wir haben jetzt quasi über die Anwenderseite gesprochen, also was man alles mit den Geräten machen kann, wenn sie denn da sind mit ihrer Software und ihren Apps, die da drauf sind. Die Frage ist natürlich auch, verstehen denn Schülerinnen und Schüler heutzutage genug, wie das eigentlich entsteht, also Stichwort Programmieren. Das ist ja so eine Art Herrschaftswissen, das man heute schon wissen müsste, haben müsste. Ist das ausreichend in den Schulen Ihrer Ansicht nach.

Kraus: Ich bin mir nicht sicher, ob Kinder programmieren können müssen, beziehungsweise die Debatte hat sich ja entzündet zuletzt an der Frage, ob nicht schon Grundschüler, also Sechs-, Sieben-, Achtjährige programmieren lernen müssen ...

Frenzel: Vielleicht wenigstens die Grundlagen!

Kraus: Ich hab meine Zweifel. Wir haben heutzutage Programme, und das wird sich natürlich noch komfortabler entwickeln, die nun wirklich sehr anwenderbezogen sind und sehr praktisch sind. Ich mach mal einen etwas holzschnittartigen Vergleich: Sie müssen, um ein Auto fahren zu können, ein hoch technisiertes Auto fahren zu können, auch nicht verstehen können, was da unter der Motorhaube geschieht. Die Anwendungsprogramme, die wir heutzutage haben, sind so komfortabel, dass es uns eher im Unterricht um die Frage gehen muss, was kann ich vernünftig damit machen.

Frenzel: Ja, aber es geht ja letztendlich auch durchaus darum, wie es funktioniert. Wir haben die Debatten um Sicherheit im Internet, wir haben die Debatten um Macht von Konzernen wie Google mit ihren Algorithmen. Ist das nicht wirklich ganz grundlegend und ganz wichtig, dass Schüler heutzutage zumindest ein Grundverständnis davon haben, wie diese Dinge entstehen? Sonst werden wir ja wirklich alle nur Schafe, die diesen Geräten folgen.

Kraus: Das ist im Grundsatz richtig, was Sie sagen. Aber ich muss das nicht Woche für Woche und Tag für Tag und Unterrichtsstunde für Unterrichtsstunde machen. Da würde ich einfach den Schulen vorschlagen, macht ab einem gewissen Alter einmal im Jahr einen Projekttag oder meinetwegen auch eine Projektwoche. Holt euch erfahrene Leute, Internetfahnder der Polizei und so weiter mehr, die den jungen Leuten klar machen, wo man hineintappen kann.

Und übrigens, was mir genauso wichtig wäre, Appell an die Schulen: Bezieht in diese Schulung auch die Eltern ein, denn wir haben heutzutage Eltern, die auch nicht mehr in jedem Fach, für jeden Fall – für Lehrer gilt das natürlich auch –, in jedem Fall wissen, was mit diesen Geräten alles an Unsinn angestellt werden kann.

Frenzel: Digitale Technik, ein großes Thema bei der Bildungsmesse "Didacta", ein Thema, das dem Präsidenten des deutschen Lehrerverbandes Bauchschmerzen bereitet. Josef Kraus, vielen Dank für das Gespräch!

Kraus: Danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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