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Reportage / Archiv | Beitrag vom 03.03.2014

SchuleBehindertes Kind, verhaltensauffälliges Kind

Wie weit geht Inklusion?

Von Annette Weiß

Ein Schulbuch, ein Kind steht, das andere sitzt im Rollstuhl. Kindern soll so das gemeinsame Lernen von nicht behinderten und behinderten Schülern vermittelt werden.  (picture alliance / dpa / Foto: Caroline Seidel)
Ein Schulbuch, in dem die Inklusion - das gemeinsame Lernen von behinderten und nichtbehinderten Kindern erklärt wird. (picture alliance / dpa / Foto: Caroline Seidel)

Kinder mit Behinderung lernen mit nicht-behinderten Kindern zusammen - bis 2016 soll das an Deutschlands Grundschulen Pflicht werden. In Berlin gibt es eine Schule, die schon seit rund 40 Jahren Inklusion umsetzt.

"Und los! Bewegen!"

Sportunterricht an der Fläming-Grundschule, die Klasse 5d läuft sich warm. Klassenlehrerin Heidi Schlottmann kündigt die nächste Übung an:

"Nur den Oberkörper bewegen - sehr schön!"

Mal sollen die Schüler nur die Hüfte bewegen, mal nur den rechten Fuß, dann nur den Kopf. 19 Kinder laufen durch die Turnhalle, lachen, springen und freuen sich.

"Schwierigste Aufgabe: alle Körperteile bewegen. Alles! Volle Power!"

Zwei Mädchen nehmen einen blonden Jungen in die Mitte, sie greifen seine Hand und tanzen mit ihm. Er strahlt und macht mit, so gut er kann. Vincent heißt der 10-jährige Junge, er ist Autist und geistig behindert. Und der Liebling der Klasse. Wie ein Kleinkind schmiegt er sich an seinen Mitschüler Lennart.

"Ja, der Vincent will kuscheln. Vincent, was möchtest du gerne hören? Ma Chérie. Ma Chérie? Ja. Wow."

Nach der Sportstunde darf Vincent einkaufen gehen. Er hat oft extra Unterricht, erklären Antonia und Mercan:

"Er hat immer Schwimmen oder kocht oder macht 'ne Gymnastik und manchmal ist man dann ein bisschen neidisch, wenn man dann ein anderes Fach hat. Also er hat immer Kochen und das ist dann immer so blöd, weil wir dann immer Mathe oder Deutsch haben, ich will das auch haben."

Kochen statt Mathe oder Deutsch

Für die übrigen Schüler der 5d steht Naturwissenschaft auf dem Stundenplan. Über Mikroskope gebeugt untersuchen sie, wie die Zellen einer roten Zwiebel aussehen. Neben Vincent haben noch drei weitere Kinder in der Klasse den Sonderstatus "behindert": Ein Junge ist auf einem Ohr taub, ein anderer hat eine motorische Störung, ein Mädchen kann nicht gut sprechen. Sie alle haben gemeinsam Unterricht. Das funktioniert nur, weil in Klassen mit mehreren behinderten Kindern immer zwei Lehrer sind. In der 5d ist das - neben der Klassenlehrerin - die pädagogische Mitarbeiterin Renate Weiß:

"Also wir haben auch Kinder darin, die kein Gutachten haben, die trotzdem Probleme haben, die Konzentrationsstörungen haben, oder wo die Mutter depressiv ist und das Kind auch darunter sehr leidet oder wo Eltern sich nicht genug kümmern, das hat man auch in solchen Klassen."

Von 19 Schülern der Klasse 5d brauchen 6 besondere Aufmerksamkeit, erklärt Renate Weiß. Vom Klassenzimmer führt eine Tür in einen zweiten Raum, einen kleineren. Zwei Tische, ein paar Stühle, eine Tafel, zwei kleine Computer, sogar eine Kuschelecke und eine Kaffeemaschine sind darin.

Tisa:"Der kleine Raum ist eigentlich für Vincent, denn wenn er extra Unterricht kriegt, dann lernt er dort, oder wenn er wütend ist, dann kann er auch in den Raum gehen und für sich sein und dann geht es ihm besser."

Jede Klasse mit mehreren behinderten Kindern hat einen solchen extra Raum. Die Nutzung ist unterschiedlich. Schulleiterin Rita Schaffrinna:

"Jedes Kind hat seine speziellen Bedürfnisse, und da müssen wir darauf reagieren und dazu brauchen wir Personal, Personal, Personal."

Das Personal an der Fläming-Schule macht den Unterschied zu anderen Schulen, die Inklusion anbieten: 5 Sonderpädagogen arbeiten hier, 6 pädagogische Mitarbeiter - und sogar ein Psychotherapeut.

"Kann ich heute noch mal zu dir?" - "Nee!"

Fred Ziebarth wird von Schülern umringt. Der Psychotherapeut und Sonderpädagoge führt eine Gruppe von rund 20 angehenden Facherziehern für Inklusion durch das Gebäude. Sie machen eine Fortbildung und wollen von den 40 Jahren Erfahrung der Fläming-Schule lernen. Auf dem Flur spielt eine dritte Klasse Theater, ein Mädchen sitzt im Rollstuhl. Fred Ziebarth hält vor einer Tür - hier war mal eine Fensternische, doch für einen besonders aggressiven Jungen wurde dieser sogenannte Interventionsraum gebaut.

"Wir lassen ihn reizfrei, das heißt er ist überhaupt nicht gestaltet, keine Bilder, nur ein Tisch und Stühle, kann man auch rausnehmen, sodass gar nichts mehr drin ist. Und so verändert sich das Gebäude immer noch mit den Bedürfnissen."

Zwischen ADHS, Traumata und Ängsten

Bis in die späten 90er-Jahre hatte die Schule noch nicht einmal einen Aufzug, die Lehrer zogen die Rollstühle Stufe für Stufe die Treppe hoch. Heute gibt es ein Badezimmer auf jeder Etage, einen Wickelplatz, eine Bücherei. Dennoch bekommt die Fläming-Grundschule nicht mehr Geld als andere Schulen, die behinderte Kinder aufnehmen. Fred Ziebarth erklärt seinen Besuchern, dass er und seine Kollegen versuchen jedes Kind bereits in den ersten Schultagen einzuschätzen:

"Wir sehen genau, welche Kinder haben Probleme im sozialen Kontakt, welche Kinder sind nicht gut in der Lage, in Gruppen zu agieren, sind sehr individualistisch. Das sind auch die Kinder von denen die Medizin hinterher sagt, das ist ADHS, das sind ja vor allem Verarbeitungsschwierigkeiten im sozialen Raum und vor allem, die Schwierigkeit, mit den eigenen Ängsten umzugehen. Ganz oft handelt es sich um traumatisierte Kinder, um Kinder mit Bindungsstörungen, und es passiert immer auf dem Hintergrund von Umgang mit Angst. Also ein verlassenes Kind ist immer ein Kind, was riesen Probleme hat, mit seiner Angst umzugehen."

In seinem Büro haben sich jetzt die zwanzig Erzieher versammelt und hören gebannt zu. Eine Couch steht hier, mit Sitzpolstern: Fred Ziebarth macht Kissenschlachten mit den Kindern, baut Höhlen, kämpft mit ihnen - um anschließend mit ihnen zu reflektieren: Wer hat angefangen, wie nehme ich das wahr, wie der andere, wie hält man sich an Regeln?

"Viele Kinder könnten Sie sich gar nicht vorstellen, wenn sie mit denen jetzt sprechen, was das für liebe nette Kinder sind, die am Anfang ihrer Schulzeit unglaublich auffällig waren, wo man gedacht hat, die können eigentlich gar nicht zur Schule, ja, die machen nur alles kaputt."

Keiner fliegt von der Schule, betont Fred Ziebarth. Es gibt immer eine Lösung. Nach 25 Jahren Arbeit mit Behinderten an der Fläming-Grundschule glauben ihm die jungen Kolleginnen, was er sagt.

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