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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 27.03.2005

Schuld war ein kleines Loch

Vor 25 Jahren kenterte die Bohrinsel "Alexander Kielland"

Von Martin Hartwig

Die Risiken der Erdölgewinnung in der Nordsee wurden anfangs fatalerweise unterschätzt (Hydro)
Die Risiken der Erdölgewinnung in der Nordsee wurden anfangs fatalerweise unterschätzt (Hydro)

1969 entdeckte ein norwegisches Bohrschiff das größte Ölfeld der Nordsee. Damit begann der Aufstieg Norwegens zu einem der reichsten Länder Europas. Doch elf Jahre später sorgte das Kentern der Bohrinsel "Alexander Kielland" für einen landesweiten Schock. 123 Menschen starben bei dem Unglück.

Unfallsimulation im Ölmuseum von Stavangar, dem Zentrum der norwegischen Ölindustrie. Im sogenannten Katastrophenraum können Besucher eine Ahnung davon bekommen, wie es ist, wenn auf einer Bohrinsel plötzlich der Strom ausfällt, Versorgungsrohre platzen und man sich begleitet von Sirenenlärm und Geschrei einen Weg durchs Dunkel bahnen muss. Damit erinnert das Museum daran, dass der Reichtum des Landes auch Opfer gefordert hat.

Am 24. Dezember 1969 hatte der Aufstieg Norwegens zu einem der reichsten Länder Europas begonnen. Quasi als Weihnachtsgeschenk entdeckte das Bohrschiff Ocean Viking vor der norwegischen Küste das größte Ölfeld der Nordsee. Ekofisk wurde das Feld getauft. Lange Zeit war dieser Name außerhalb der Ölbranche kaum bekannt. Dies änderte sich am 27. März 1980.

"Zum bisher weitaus größten Unglück bei der Erdölgewinnung in der Nordsee hat sich das Kentern des schwimmenden Versorgungszentrums Alexander Kielland entwickelt. Durch das Kentern des riesigen Metallkörpers im Ölfeld Ekofisk sind nach letzten Meldungen mindestens 39 Menschen getötet worden. Etwa 100 werden noch vermisst. 89 konnten bei schwerer See noch gerettet werden."

Norwegen hatte keine Erfahrung mit der Förderung von Öl und musste deshalb mit den großen internationalen Ölmultis kooperieren. Sie erhielten Bohrrechte und zahlten dafür immense Abgaben an den norwegischen Staat. Angesichts der hohen Ölpreise und des steigenden Durstes der Welt nach Öl war das jedoch immer noch für alle Beteiligten attraktiv. Gleichzeitig begann Norwegen damit, eine eigene Ölförderindustrie und eine staatliche Öl- und Gasverwaltung aufzubauen. Die gekenterte Bohrinsel Alexander Kielland war 1976 in Frankreich hergestellt worden.

"Sie gilt als ältere Bohrinsel. Sie bringt nicht den Komfort mit für die dort aufgebotenen Öltechniker, die ja da wohnen, wie die neuen jetzt neu gebauten Bohrinseln. Es gibt dort nicht nur Unterkünfte und Werkstätten sondern sogar ein Bordkino und das, was sich als besonders verhängnisvoll herausgestellt hat, einen Bohrturm, weil es eine kombinierte Insel ist, die nicht nur zum Wohnen, sondern auch zum Erdölbohren da gewesen ist. Dieses Stahlgerüst des Bohrturms mit einem Gewicht von 200 Tonnen hat sicher dazu beigetragen, dass die Insel schließlich ganz umgeschlagen ist. Sie liegt jetzt auf dem Kopf wenn man so will, streckt die fünf Beine in die Luft."

Fünf Jahre vor dem Unglück war Norwegen vom Öl-Importeur zum Ölexporteur geworden. 1980 tummelten sich 46 schwimmende Bohrinseln und fast drei Dutzend Förderplattformen in der Nordsee. Im bedeutendesten Sektor, im "Ekosfiskfeld" vor Stavanger standen die Türme teilweise in Sichtweite beieinander. Trotzdem konnte den Arbeitern auf der Alexander Kielland nicht geholfen werden.

"Auch Überlebende, die in der Nacht in Stavanger an Land gebracht wurden, berichteten dass sie eine Explosion gehört hätten, bevor sich die Plattform zur Seite geneigt hätte. 15 Minuten später sei sie gekentert. Viele Arbeiter der Freischicht waren im Kinoraum. Andere in der darunter liegenden Kantine. Das Licht sei ausgegangen. Im Gedränge seien die Ausgänge schnell blockiert gewesen, sagten die Geretteten. Viele hätten deshalb das Freie nicht mehr erreicht."

14 Tage dauerte im Normalfall der Einsatz eines Arbeiters auf der Plattform. Die Schichten waren 12 Stunden lang. Es war extrem schmutzig - laut, feucht und kalt. Kompensiert wurden diese Belastungen mit 14-tägigen Urlauben, die den Einsätzen folgten und einer recht großzügigen Bezahlung. Dass sie einen gefährlichen Beruf hatten, wussten die Arbeiter. Die Unfallgefahr auf einer Plattform war etwa 10 mal so groß wie bei der Arbeit unter Tage und allein im britischen Teil der Nordseeölfelder waren bis dahin schon 70 Männer bei der Arbeit verunglückt. Dass eine ganze Plattform einfach umkippt und sich auf den Kopf dreht, das gab es bis zu diesem Tag nicht.

"Die etwa sechs Meter hohen Wellen können, nach Ansicht der Konstrukteure nicht zum Bruch geführt haben. Die Statiker haben 30 Meter Wellenhöhe einkalkuliert. Möglicherweise hat die Ankerkette, mit der die Wohninsel neben der Bohrplattform festgehalten wurde den Schwimmer beschädigt. Andere Mutmaßungen sprechen von Materialermüdung oder einer Explosion im Gasflaschenlager."

Die spätere Untersuchung ergab, dass ein nur 29 Zentimeter großes Loch in einem der fünf Stützfuße der gigantischen Bohrinsel für das Unglück verantwortlich war. Das Loch, das für den Einbau eines Messinstrumentes gedacht war, war nicht wie sonst üblich an den Rändern verstärkt worden. Von hier aus gingen feine Risse in den Stahl. Das Material ermüdete und das Stützbein brach weg. Daraufhin kenterte die "Alexander Kielland" und riss 123 Menschen in den Tod.

"In Norwegen wird die Frage immer lauter, welchen Sinn die Ölförderung in der Nordsee hat, wenn sie mit solchen Risiken und solchen Opfern verbunden ist. "

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