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Lesart / Archiv | Beitrag vom 06.01.2016

Schriftsteller zum Umbruch in PolenSchreiben unter Shakespeareschen Verhältnissen

Olaf Kühl im Gespräch mit Frank Meyer

Menschen demonstrieren in Warschau gegen den Kurs der Regierung. (AFP / Janek Skarzynski)
Menschen demonstrieren in Warschau gegen den Kurs der Regierung. (AFP / Janek Skarzynski)

Die von der national-konservativen Regierung in Polen angestoßenen Veränderungen führen auch zu Unruhe unter Autoren. Dabei gebe es kein einheitliches Bild, sagt der Slawist Olaf Kühl. Und manche erwarten sogar gute Zeiten für die Kultur und die Bedeutung des Wortes.

Im Deutschlandradio Kultur schilderte der Slawist und Übersetzer Olaf Kühl seine Eindrücke aus Gesprächen mit Schriftstellern und Intellektuellen:

"Es gibt auch einige, die sagen: 'Es ist längst nicht so tragisch, wie die Medien das darstellen. Es ist irgendwie so eine angeheizte Hysterie.' Die Autoren, die mir so etwas sagen, bitten aber gleichzeitig darum, ihre Namen nicht zu nennen. Offenbar gibt es so einen Meinungsdruck in der Öffentlichkeit, dass man mit solchen Meinungen – das ist gar nicht so schlimm - möglichst nicht auffallen will." 

Die eine Meinung: "Im Grunde hat sich gar nicht so viel verändert" 

Die Anhänger dieser Auffassung argumentierten immer damit, dass die Wahlen schließlich demokratisch verlaufen seien. Zum anderen werde darauf verwiesen, dass die PO, die liberale Partei, damals bei ihrer Regierungsübernahme ähnlich gehandelt und auch das Personal beim Fernsehen ausgetauscht habe, sagte Kühl.

"Der Tenor ist immer so: Im Grunde hat sich gar nicht so viel verändert, außer in der Art und Weise, wie man es macht."

Als drittes Argument zeige sich noch eine gewisse Schadenfreude, meinte Kühl. Die  die lange Zeit an der Macht gewesenen Liberalen hätten sich das selbst eingebrockt, sei oft zu hören:

"Weil sie keine Rücksicht genommen hat auf große Bevölkerungsteile, denen es sozial nicht so gut ging unter den neuen Verhältnissen, in der Marktwirtschaft, unter liberalen Verhältnissen. Und oft ist auch die Rede von einer Verachtung." 

Die andere Meinung: Besorgnis über Rechtsbrüche 

Auf der anderen Seite, die besorgten Autoren, seien jedoch vor allem entsetzt über die Rechtsbrüche, so Kühl. Er habe aber den Eindruck, dass sie sich um ihre Existenz als Kulturschaffende gar nicht so viel Sorgen machen würden:

"Andrzej Stasiuk hat mir gesagt: 'Für die Kultur kann das nur gut sein. Wenn man solche Shakespeareschen Verhältnisse an der Spitze hat - ein halb Wahnsinniger, der versucht, seine Phantasmagorien in die Realität umzusetzen -, das ist idealer  literarischer Stoff.' Er sagt auch: 'Je mehr die Kultur unter Druck ist, je mehr sie bedrängt ist, desto mehr wird das einzelne Wort wert sein.' Also: Desto mehr Realitätsgehalt und Bedeutung bekommt die Kultur. Das ist so wie damals im Kommunismus unter der Zensur."

Der Slawist und Übersetzer Olaf Kühl hat zahlreiche Bücher von polnischen Schriftstellern ins Deutsche übertragen, darunter mehrere Werke von Witold Gombrowicz. Er ist aber auch ein profunder Kenner der literarischen und intellektuellen Szene Polens.     

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